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Geoprocessing Appstore

 

     

Die Idee

Viele der bereits heute frei zugänglichen öffentlichen Daten haben einen expliziten oder impliziten Raum- und Zeitbezug: Ortsbezogene Statistiken, Schadstoffmessungen, Abschätzungen zur Lärmbelastung, Flusspegel oder Verkehrszählungen. Solche frei zugängliche Geodaten (Open Geodata) haben ein enormes Mehrwertpotenzial für Bürger, Unternehmen und Entscheidungsträger sowie die Gesellschaft insgesamt. In vielen Fällen muss dieser Mehrwert, also die konkret benötigte Geoinformation, durch geeignete Datenverarbeitungsalgorithmen erst noch generiert werden. Diesen Schritt nennen wir Geoprocessing. Frei verfügbare, wiederverwertbare, qualitätsgeprüfte Algorithmen zur Analyse, Datenverdichtung und Datenveredlung sind die ideale Ergänzung zu freien Datenbeständen. Wir nennen sie Freie Algorithmen.

Für den immer größer werdenden Bestand an freien Geodaten bauen wir einen Geoprocessing Appstore auf, in dem Entwickler und Anwender freie Algorithmen zur Geodatenveredlung und –analyse publizieren, recherchieren, ausführen und herunterladen können. Er funktioniert ähnlich wie ein Marktplatz, auf dem sich Anbieter und Nutzer von freien Geoprocessing Algorithmen treffen. Die angebotene Funktionalität kann beliebig komplex sein und ist in unterschiedlichen Umgebungen, wie einfachen PCs, Servern oder Cloud-Umgebungen, nutzbar. Damit bieten wir auch einen Lösungsansatz, um mit den immer größer werden Datenmengen lösungsorientiert und zielgerichtet arbeiten zu können.

"Wir" kommen übrigens aus der Technischen Universität Dresden (Professur für Geoinformationssysteme) [5] und von der 52°North Initiative for Geospatial Open Source Software GmbH [6] aus Münster in Westfalen.

     

Das Konzept

Analyse- und Veredlungsfunktionen werden in selbstbeschreibenden Paketen, sogenannte Moving-Code-Packages, plattformübergreifend ausgetauscht. Diese enthalten neben der eigentlichen Programmlogik funktionale Beschreibungen, die Nutzern dabei helfen, geeignete Algorithmen zu finden.
Der Appstore ist ein Marktplatz für Anbieter und Nutzer. Einem Nutzer stellt er Such- und Downloadfunktionen zur Verfügung und ermöglicht das einfache Ausprobieren von Analysefunktionen. Kommentar- und Reviewfunktionen erlauben eine nutzergetriebene Bewertung der Algorithmen. Dieses Feedback können wiederum die Entwickler nutzen, um ihre angeboten Algoritmen bei Bedarf zu verbessern. Entwickler und Anbieter werden bei der Veröffentlichung ihrer Algorithmen unterstützt. Der Beschreibungs- und Publikationsprozess wird von Kontrollfunktionen begleitet und sichert die Qualität Prozessbeschreibung anhand formaler Kriterien.



Neben der Weboberfläche des Appstores werden die vorhandenen Algorithmen auch über einen Processing Feed nach außen sichtbar gemacht. Dieser Feed ist abonnierbar und informiert Nutzer über neue und aktualisierte Funktionen im Appstore. Dieser enthält zusätzliche maschinenlesbare Inhalte und kann dadurch leicht mit externen Anwendungen und Serverumgebungen gekoppelt werden.

     

Die Architektur

Appstore

Der Appstore ist ein Webportal und stellt Funktionen zur Verwaltung der Algorithmen zur Verfügung. Ziel ist der Aufbau eines vielseitigen Werkzeugkastens mit Algorithmen zur Geodatenverarbeitung. Dieser "Marktplatz" für Anbieter und Nutzer ist neben einer technischen Austauschplattform auch ein Medium, indem sich Entwickler und Nutzer über Anforderungen, Erfahrungen und Ideen austauschen können.

Entwickler und Anbieter

Prozessierungsalgorithmen werden in vielen Forschungsprojekten, Open-Source-Initiativen oder Unternehmen entwickelt. Der Geoprocessing Appstore bietet Entwicklern eine Publikationsplattform und stellt technische Hilfsmittel für den systemübergreifenden Austausch von Algorithmen zur Verfügung.

Endanwender

Können im Appstore nach Algorithmen für spezifische Problemstellungen suchen. Assistenten im Appstore stellen Werkzeuge zum Testen sowie zur ad-hoc-Ausführung dieser Algorithmen zur Verfügung. Bei Bedarf können Nutzer im Appstore eigene Sammlungen von Algorithmen anlegen und dort verwalten. Benachrichtigungsfunktionen informieren über Aktualisierungen.

Moving-Code-Package

Algorithmen werden in selbstbeschreibende Pakete verpackt. Diese enthalten alle zur Ausführung notwendigen Informationen, wie Schnittstellenbeschreibungen und Abhängigkeiten von anderen Bibliotheken. Beschreibungen zur benötigten Laufzeitumgebung ermöglichen z.B. die Unterscheidung von ressourcenintensiven und ressourcenschonenden Algorithmen.

Geoprocessing-Feeds

Sind Atom-Feeds, die mit Newsreadern abonniert werden können und Interessenten über neue oder aktualisierte Geoprozessierungstools im Appstore informieren. Diese Feeds sind ebenfalls maschinenlesbar, sodass sie von externen Applikationen eingbunden werden können.

Processing Service Provider

Stellen Endnutzern Hardwareressourcen für die Datenverabeitung bereit. Processing Services beziehen ihre Funktionalität über Geoprocessing-Feeds. Service provider können - genau wie Endnutzer - eigene Sammlungen von Algorithmen anlegen und im Appstore verwalten. Dadurch können ganze Serverfarmen über den Appstore mit identischen Algorithmen beschickt werden. Automatische Aktualisierungen werden über den gleichen Weg bereitgestellt.

Data Services

Datenhaltende Stellen machen ihre Datenbestände über Web-Schnittstellen verfügbar. Damit können Applikationen diese Daten direkt einbinden oder weiterverarbeiten. Neue Informationen werden zum Beispiel durch die Kombination meherer Datenquellen über geeignete Analysealgorithmen gewonnen.

     

Anwendungsbeispiel Umweltstatistik

Wie stark ist die sächsische Bevölkerung durch Luftschadstoffe belastet?

Im Projekt EO2HEAVEN [3] beschäftigen wir uns mit dem Einfluss von Umweltparametern auf die menschliche Gesundheit - unter anderem in Sachsen. Für den Nachweis dieses Einflusses werden Schadstoffausbreitungskarten für die Erstellung von Risikokarten für betroffene Bevölkerungsgruppen (z. B. Asthmatiker) genutzt, um dann mit Gesundheitsdaten weiterverarbeitet zu werden. Die Gesundheitsdaten liegen pro statistischer Einheit (z. B. Gemeinden) vor, somit müssen auch die Schadstoffausbreitungskarten für die selben statistischen Einheiten berechnet werden. Die Schadstoffkarten werden aus öffentlich verfügbaren Umweltdaten [7] des Sächsischen Landesamts für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie erzeugt. Um aus den punktförmigen Schadstoffmessungen flächenhafte Messwerte zu erszeugen, werden Interpolations- und Ausbreitungsalgorithmen benötigt. Danach werden die flächenhaften Daten auf die statistischen Einheiten (z. B. aus [8]) aggregiert und verschiedene Kennwerte und Lageparameter berechnet. Für jeden dieser Schritte wird ein entsprechendes Moving-Code-Package im Appstore gesucht (und gefunden) und für die Benutzung heruntergeladen. Anhand von weiteren Schritten werden aus dieser zonalen Statistik und weiteren Gesundheitdaten Risikokarten für die betroffenen Bevölkerungsgruppen erzeugt. Auch hier können Moving-Code-Packages aus dem Appstore verwendet werden.


     

Kopplung mit Processing Services

Ein künftiger Entwicklungsschwerpunkt ist die Verschmelzung der leichten Bedienbarkeit des Appstores mit dem Einsatz der Algorithmen in leistungsfähigen Serverumgebungen. Die selbstbeschreibenden Moving-Code-Packages sind auf vielfältige Einsatzumgebungen ausgelegt. Insbesondere ist es möglich, die Algorithmen über standardisierte Schnittstellen als Web Services aufzusetzen; entsprechende Versuche wurden bereits durchgeführt. Die Anwendung komplexer Algorithmen auf große Datenmengen kann erhebliche Systemlasten erzeugen, denen normale Arbeitsplatzrechner nicht gewachsen sind. Auch weit verbreitete mobile Einsatzgeräte wie Tablet PCs stellen in vielen Fällen nicht die notwendige Rechenleistung zur Verfügung. In diesen Fällen bietet sich die die Auslagerung rechenzeitintensiver Aufgaben auf Cloud-Umgebungen an. Der Geoprocessing Appstore bietet hier eine Möglichkeit, eine beliebige Zahl von Servern mühelos mit den benötigten Datenverarbeitungsalgorithmen auszustatten. Nach abgeschlossener Synchronisation bieten diese Server Web Services an, die von mobilen oder Arbeitsplatzrechnern mit Daten beschickt werden können.
Durch die lose Art der Kopplung lassen sich auch für datenintensive Anwendungsszenarien (z.B. der Auswertung von Erdbeobachtungsdaten) mit vergleichsweise geringem Aufwand angepasste Lösungen aufsetzen. In diesem Fall können Algorithmen aus dem Geoprocessing Appstore leicht in bestehenden internen Netzwerkumgebungen eingesetzt werden um den Datentransfer über das Internet zu minimieren.

     

Vorverarbeitung sensibler Daten

Im Fall  der Verarbeitung personenbezogener oder sicherheitsrelevanter  Datenbestände können die Algorithmen einmalig oder wiederkehrend in  geschlossene Systeme eingespielt werden, sodass sensible Daten nicht  nach außen gegeben werden müssen. Ein Einsatzbeispiel ist die Anwendung  von Aggregationsalgorithmen, die personenbezogenen Daten zu ausreichend großen Gruppen aggregieren. Am Ende eines solchen Aggregationsprozesses ist dann ein Rückschluss auf einzelne Personen nicht mehr möglich. Der Geoprocessing Appstore kann für solche Anwendungsfälle geprüfte Algorithmen zur Verfügung stellen, die von den datenhaltenden Stellen verwendet werden können. Damit können öffentliche Stellen zukünftig bei der Bereitstellung neuer freier Daten unterstützt werden.

     

Geplante Kooperationen

Die  Idee, Verarbeitungsfunktionen und Prozessierungslogik möglichst lose zu  koppeln und nutzergerecht anzubieten wurde erstmals in [1] beschrieben.  Dieses Projekt verfolgt das Ziel, die Idee in ein nutzergerechtes Produkt zu verwandeln und mit den Möglichkeiten der Social Media eine  vielfältige Menge an nützlichen Algorithmen und Werkzeugen zu  publizieren. Die Entwicklung des Geoprocessing Appstores wird von den Entwicklern im Rahmen einer Kooperation zwischen der TU Dresden und der Open Source Initiative 52°North projektübergreifend betrieben. Ein erster Satz an Algorithmen wird in den Projekten GLUES und EO2HEAVEN [2,3] generiert; eine Erprobung im Kontext von GEOSS [4] ist nach der Prototypphase geplant.

[1] Müller, Matthias ; Bernard, Lars ; Brauner, Johannes: Moving Code in Spatial Data Infrastructures - Web Service Based Deployment of Geoprocessing Algorithms. In: Transactions in GIS, 14(S1), 2010. pp. 101–118.
[2] http://nachhaltiges-landmanagement.de/ 
[3] http://www.eo2heaven.org/ 
[4] http://www.earthobservations.org/geoss.shtml
[5] http://tu-dresden.de/fgh/geo/gis
[6] http://52north.org 
[7] online verfügbar beim Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie: http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/infosysteme/luftonline/uebersicht.aspx 
[8] online verfügbar bei Eurostat der Europäischen Kommission: http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/portal/gisco_Geographical_information_maps/popups/references/administrative_units_statistical_units_1 


Ansprechpartner: Matthias Müller, Daniel Kadner, Johannes Brauner

Last modified: 17.12.2011 11:57
Author: Webmaster

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