Termin und Ort
am 17. November 2005, 18.30 Uhr
im Hörsaalzentrum, Raum 403
Referenten
Prof. Thomas Goschke (Psychologie), Prof. Jochen Oehler (Biologie) und Prof. Gerhard Schönrich (Philosophie)
Moderation
Prof. Jost Halfmann (ZIT)
Ist der freie Wille eine Illusion? Nicht wenige Protagonisten der
modernen Hirnforschung sind dieser Überzeugung. Nach Ansicht von Wolf
Singer ist die moderne Hirnforschung dabei, »mit ihren analytischen
Werkzeugen in die innersten Sphären des Menschseins vorzudringen. Das
Fortschreiten auf diesem Weg bewirkt tiefgreifende Veränderungen
unseres Menschenbildes, folgenreichere vielleicht als die
kopernikanische Wende und die Darwinsche Evolutionstheorie. Denn
diesmal werden nicht mehr nur unser Ort im Kosmos und unsere
biologische Bedingtheit hinterfragt, sondern die Begründung unserer
Selbstwahrnehmung als freie, geistige Wesen.« In ihrem Bemühen
Korrelationen zwischen hirnphysiologischen und psychischen Prozessen zu
erforschen, haben die Neurowissenschaften erhebliche Fortschritte
erzielt. Dabei dringen sie in der Diskussion des Verhältnisses von
Gehirn und Geist, von unbewusstem psychischem Geschehen und
Bewusstsein, von Determinismus und Freiheit in »angestammte Territorien
der Geisteswissenschaft« (Singer) ein.
Im Zentrum dieser Diskussionen stehen die nun schon berühmten
Versuche von Benjamin Libet, die später leicht verändert durch Patrick
Haggard und Manfred Eimer wiederholt wurden. Libet untersuchte die
zeitliche Abfolge von Willensakt und Bereitschaftspotential in der
Auslösung einer Muskelaktivität und beabsichtigte mit seinen
Experimenten die Existenz der Willensfreiheit nachzuweisen. Die
Versuchspersonen wurden darauf trainiert, in einer gegebenen Zeit von
2,56 Sekunden den spontanen Entschluss zu fassen, einen Finger der
rechten Hand bzw. die ganze rechte Hand zu beugen. Haggard und Eimer
modifizierten die Versuche in einer Art, die eine Differenzierung
zwischen symmetrischem und lateralisiertem Bereitschaftspotential
ermöglichte. Sie ließen den Probanden in ihren Versuchen die freie Wahl
zwischen linker oder rechter Hand bzw. eines links oder rechts zu
drückenden Knopfes. »Was war zu erwarten? Wenn der Zeitpunkt des
Entschlusses dem Beginn des Bereitschaftspotentials vorausging
(natürlich ohne im EEG sichtbar zu sein!), dann war die Willensfreiheit
einem empirischen Beweis nähergebracht. Fiel er mit dem Beginn des
Bereitschaftspotentials zusammen, dann war nichts verloren, denn man
durfte dem immateriellen freien Willen zumuten, dass er instantan, d.h.
ohne jegliche Verzögerung, auf die Hirnprozesse wirkt. Folgte er jedoch
deutlich dem Beginn des Bereitschaftspotentials, dann waren erhebliche
Zweifel an der Existenz eines freien Willens als eines mentalen
Verursachers, der selbst nicht materiell verursacht ist, geboten.
Es zeigte sich in Libets Experiment, dass das Bereitschaftspotential
im Durchschnitt 550-350 Millisekunden ... dem Willensentschluss
vorausging, niemals mit ihm zeitlich zusammenfiel oder ihm etwa
folgte.« (Roth) Der »Willensakt tritt in der Tat auf, nachdem das
Gehirn bereits entschieden hat, welche Bewegung es ausführen wird.«
Damit steht für den prominenten Neurobiologen Gerhardt Roth fest, dass
das Gefühl der Probanten, eine freie Entscheidung getroffen zu haben,
eine Illusion ist. »Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen,
was wir tun«, ist die Überzeugung von Wolfgang Prinz.
Natürlich lösten diese Auffassungen auch vielfältige Kritik aus,
Kritik an den Experimenten selbst, an der ihnen zugemessenen
Aussagekraft sowie an deren Interpretation. Eine ganze Reihe von Fragen
steht dabei zur Diskussion. Was zeigt das Bereitschaftspotential
wirklich an? Werden im Unbewussten Konflikte ausgetragen und
Entscheidungen getroffen? Erschöpft sich die Funktion des Bewusstseins
darin, Reflexion bzw. mentale Repräsentation neurophysiologischer
Prozesse zu sein? Kann man von der Steuerung einfacher Bewegungen auf
die Steuerung komplexer Handlungen schließen?
Prof. Goschke (Psychologie), Prof. Oehler (Biologie) und Prof.
Schönrich (Philosophie) äußern sich aus dem Blickwinkel ihrer
Forschungen zu den durch die moderne Hirnforschung aufgeworfenen Fragen.
Prof. Goschke ist berufen für Allgemeine Psychologie
und forscht zu kognitiven und volitionalen Mechanismen der
intentionalen Handlungssteuerung.
Prof. Oehler leitet die AG Neurobiologie an der Klinik und
Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen
Fakultät und forscht zur Neurobiologie suizidalen Verhaltens, zu
neurobiologischen Parametern bei frühen Demenzen sowie
tierexperimentell über den Einfluss anhaltender exogener Belastungen
auf neurobiologische Prozesse.
Prof. Schönrich hat den Lehrstuhl für Theoretische
Philosophie inne und beschäftigt sich u.a. mit Theorien des
Bewusstseins und der Intentionalität.
Anfragen richten Sie bitte an:
Dr. Helmut Gebauer
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