Untersuchungen am Schalenwild im Wolfsgebiet der Oberlausitz und Schlussfolgerungen zu dessen Hege und jagdlicher Bewirtschaftung

Schlagworte: Schalenwild (Rot-, Dam-, Schwarz-, Reh- und Muffelwild) - Raumnutzung, Habitatnutzung, Abundanz, Monitoring, Wolfsgebiet, Räuber-Beutetier-Beziehung

Auftraggeber: Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft (SMUL) – Oberste Jagdbehörde

markiertes Rotwildkalb_V.Meißner-Hylanova © Vendula Meißner-Hylanova markiertes Rotwildkalb_V.Meißner-Hylanova © Vendula Meißner-Hylanova

Besendertes Alttier auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz

markiertes Rotwildkalb_V.Meißner-Hylanova

Besendertes Alttier auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz © Vendula Meißner-Hylanova

Einleitung
Einzelne Wölfe wanderten in den letzten Jahrzehnten immer wieder nach Deutschland ein. Im Jahr 2000 zog ein Wolfspaar erstmals wieder erfolgreich Nachwuchs auf und setzte damit den Grundstein für die Etablierung eines Wolfsrudels in Deutschland. Inzwischen (2012) siedeln zwölf erfolgreich reproduzierende Wolfsrudel in der sächsischen (7)  und brandenburgischen Lausitz (4).
Mit der Wiedereinwanderung der Wölfe in Deutschland wurden auch alte Vorurteile und Ängste insbesondere bei Viehhaltern und Jägern a wachgerufen. Oft zeichnen sich Konflikte zwischen der lokalen Bevölkerung und den durch internationale und nationale Abkommen eingegangenen Verpflichtungen zum Schutz des Wolfs zeichnen sich vor allem dann ab, wenn sich die Wölfe in einer vom Menschen intensiv geprägten und besiedelten Landschaft niedergelassen haben. In solchen Kulturlandschaften, die über lange Zeit frei von Großprädatoren waren, muss der Mensch den Umgang mit großen Raubsäugern erst wieder erlernen. Die Überlebenschancen von Bär, Wolf und Luchs in Deutschland hängen aber entscheidend von der Akzeptanz des Menschen ab.
Die in letzter Zeit in Deutschland oft sehr emotional geführten Diskussionen zu den Wechselbeziehungen zwischen großen Raubsäugern (z.B. Wolf, Bär, Luchs) und Schalenwild sowie Nutz-/Haustieren wie auch Menschen fußen meist auf einem unzureichenden Kenntnisstand des Räuber-Beute-Gefüges. Wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse sind somit unerlässlich, um das Management auf eine solide Basis zu stellen und damit die Diskussionen zu versachlichen und Interessenskonflikte zu entschärfen.
Durch die enge Beziehung zwischen den Wölfen und ihren Beutetieren, die in der Oberlausitz überwiegend den jagdbaren Schalenwildarten zuzuordnen sind, ergeben sich Auswirkungen auch auf jagdliche Belange.

Ziel
Das Projekt dient der Erforschung von Raumnutzung, Aktivitätsmuster, Wanderverhalten und anderer verhaltensbiologischer und populationsdynamischer Parameter verschiedener, jagdbarer Beutetiere, insbesondere von Rot-, Dam-, Schwarz-, Muffel- und Rehwild im Wolfsgebiet der Oberlausitz. Ziel ist es Daten zu erheben, die eine objektive Bewertung der aktuellen Situation und deren weitere Entwicklung im Wolfsgebiet ermöglichen und somit Voraussetzung für die Ableitung gegebenenfalls erforderlicher jagdpolitischer oder jagdrechtlicher Entscheidungen sind.

1. Projektphase       August 2007 – Dezember 2010

Projektleiter:                  Prof. Dr. Mechthild Roth
Projektbearbeitung:       Dipl.-Forsting. Mark Nitze

Zusätzlich standen dem Projekt ehrenamtlich Dr. Andrea Deeken und Dipl.-Forsting. Norman Stier unterstützend zur Seite.

Die Finanzierung erfolgte aus Mittel des SMUL (u.a. Sächsische Jagdabgabe), des Deutschen Jagdschutz-Verbandes e.V. in Kooperation mit dem Landesjagdverband Sachsen e.V., der T-Mobile Deutschland GmbH sowie der Vattenfall Europe AG.

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Untersuchungsgebiet / Methoden
Im Wolfsgebiet des sächsischen Landkreises Görlitz wurden zunächst 8 männliche und 6 weibliche adulte Rothirsche mit Halsbandsendern (VHF- und GPS-GSM-telemetrie) markiert. Weitere drei Tiere in wolfsfreien Referenzgebieten (Osterzgebirge, NSG Königsbrücker Heide) erhielten ebenfalls einen Sender. Der Fang des Rotwildes erfolgte durch Distanzimmobilisation (Narkosegewehr). Über die Telemetrie und durch Direktbeobachtungen sollten Grundlagendaten (Raumnutzung, Verhalten, Reproduktionsstatus, Rudelzusammensetzung u.a.) erfasst werden, um erstmalig Aussagen zur Lebensweise des Rotwildes in einem deutschen Wolfsgebiet zu erfassen.

Ergebnisse
Das Hauptuntersuchungsgebiet befand sich im Bereich des Truppenübungsplatzes Oberlausitz (TÜP) und gehört zum Streifgebiet des so genannten Daubitzer Wolfsrudels. Die Länge der bisher ausgewerteten Beobachtungszeiträume der einzelnen männlichen und weiblichen Rothirsche variierte zwischen 1,5 Monaten und 2 Jahren. Bis zum Ende des Auswertungszeitraumes August 2010 bzw. bis zum Ende der Senderlaufzeit lebten von den ursprünglich 14 im Wolfsgebiet markierten Tieren nachweislich noch 13 Stücken Rotwild.

Für erste Aussagen zur Raumnutzung standen bei der Telemetrieauswertung bisher 7 Jahreszeiträume und 26 saisonale Zeiträume zur Verfügung. Die Jahres-Aktionsräume (365-Tage-Zeitraum) hatten beim männlichen Wild eine durchschnittliche Größe von ca. 1.300 ha (K95cw, n = 2) und bei weiblichen Tieren ca. 470 ha (K95cw, n = 4). Das Rotwild zeigte dabei über die Jahre eine hohe Raumtreue und die für Rotwild geschlechtertypischen, saisonalen Raumnutzungsmuster. Auch die zeitlichen Nutzungsmuster variierten kaum. In der Regel waren nur bei Hirschen saisonal getrennte Aktionsräume nachweisbar. Diese ausgeprägte Saisonalität begründet die größere Dimension der Jahres-Aktionsräume des männlichen Rotwildes. Im Untersuchungsgebiet traten bei keinem der markierten Stücke kurz- oder langfristige Abwanderungsbewegungen aus dem bekannten Aktionsraum in andere Regionen der Oberlausitz auf. Innerhalb des Aktionsraumes gab es allerdings kurzfristige Verschiebungen aufgrund von Störungen. Als Ursache sind neben den bekannten Faktoren Jagd- und Forstbetrieb, Waldbesucher und Stangensucher natürlich auch Wölfe zu nennen. Auf die Anwesenheit von Wölfen reagierte das Rotwild wahrscheinlich nur bei direkter, lebensbedrohlicher Konfrontation mit Flucht. Den Telemetrieergebnissen zufolge finden dann offenbar meist nur kleinräumige Ausweichbewegungen innerhalb der tradierten Aktionsräume statt, die oft am nächsten Tag bereits wieder revidiert werden. Die bisher erfassten Aktionsraummuster ähneln im Grundschema denen von Rotwild in wolfsfreien Gebieten. Weitere Verhaltensweisen waren erhöhte Aufmerksamkeit oder auch Verteidigung.

Die Ergebnisse der 1. Projektphase beziehen sich vorrangig auf den Bereich um den Truppenübungsplatz (TÜP) Oberlausitz. Der TÜP offenbar genug Fläche im jeweiligen Aktionsraum eines Tieres, um Störungen jedweder Art auszuweichen. In Rotwildlebensräumen außerhalb solcher großen „Ruhegebiete“ sind aufgrund der geringeren Anzahl sicherer Rückzugsbereiche durchaus häufigere Verschiebungen innerhalb des tradierten Aktionsraumes denkbar. Zu langfristigen Auswirkungen können aber nur entsprechend langfristige Beobachtungsreihen Erkenntnisse liefern, die bisher aber noch nicht vorliegen. Ein abschließendes Fazit und allgemeingültige Aussagen sind deshalb nach solch einer vergleichsweise kurzen Zeit nicht möglich.

Die Daten zur Raumnutzung der Wölfe standen bei der Analyse und Interpretation der Rotwilddaten nicht zur Verfügung.

Weiterhin wurde im Rahmen des Projektes damit begonnen, die Auswertung der Jagdstreckendaten für das sächsische Wolfsgebiet auf Jagdbezirksebene durchzuführen. Bisher konnten die Schalenwildstrecken der ehemaligen Landkreise Kamenz und Bautzen (1998/1999 – 2008/09) unter zusätzlicher Berücksichtigung der Wolfsanwesenheit analysiert werden (Bachelorarbeiten: Kindervater & Thomae 2010, Solluntsch 2010). Die Auswertung von Rohdaten aus über 10.700 Datenblättern ergab, dass ein alleiniger Einfluss der anwesenden Wölfe auf die Schalenwildstrecken dieser Landkreise zum aktuellen Zeitpunkt nicht nachgewiesen werden kann, da der Wolf als Prädator nur einer von vielen anderen regulierenden Faktoren ist. Der Datensatz für den dritten Landkreis (ehemals Niederschlesischer Oberlausitzkreis) wird derzeit bearbeitet. Der Einfluss des Wolfes ist noch nicht endgültig quantifizierbar und auf die ausgewerteten Jagdstrecken derzeit offenbar zu gering, um unter den anderen existierenden Faktoren hervorzustechen.

Danksagung
Ich danke allen Jägern und Interessierten vor Ort, die das Projekt bisher durch die Bereitstellung von Ansitzstellen und Rückmeldung von Sichtbeobachtungen unterstützt haben.

Schalenwildforschung im Wolfsgebiet der Oberlausitz - Forschungsbericht 2007-2010

 
Publikationen:

  • NITZE, M. (2009): Rotwild-Telemetrie im Wolfsgebiet der Oberlausitz. – Jagd in Sachsen, Heft 2, S. 8-9
  • NITZE, M.; STIER, N.; ROTH, M. (2009): Space use pattern and other ecological parameters of red deer (Cervus elaphus) in an area of Upper Lusatia (Saxony, Germany), inhabited by the grey wolf (Canis lupus) - Posterbeitrag. - Mammalian Biology 74 Nr. Supplement 1, S. 20-20
  • NITZE, M. (2010): Erste Ergebnisse einer Rotwild-Telemetriestudie im Wolfsgebiet der Oberlausitz. Aktuelle Beiträge zur Wildökologie und Jagdwirtschaft in Brandenburg. - Eberswalder Forstliche Schriftenreihe 45: 113 - 116.
  • NITZE, M. (2011): Rotwild-Telemetriestudie im Wolfsgebiet der Oberlausitz. In: UNESCO-Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft (Hrsg.): Kolloquiumsbeiträge aus dem Biosphärenreservat 2007 – 2010: 143-149.
  • NITZE, M. (2011): Rotwild im Wolfsgebiet der Oberlausitz - Erste Ergebnisse zur Raumnutzung. - In: EUROPARC Deutschland e. V. (Hrsg.): Tagungsbroschüre zur Tagung  "Wildbestandsregulierung in deutschen Nationalparks", Bad Wildungen: 27-29.

2. Projektphase       April 2012 – Dezember 2015

Projektleiter:                  Prof. Dr. Mechthild Roth
Projektbearbeitung:       Dipl.-Forsting. Mark Nitze

Das Projekt wird ehrenamtlich von Dr. Andrea Deeken, M.Sc. Vendula Meißner-Hylanova und Dr. Norman Stier unterstützt.

Die Finanzierung erfolgt vorrangig aus Mittel des SMUL (u.a. Sächsische Jagdabgabe).

Weitere Unterstützung gewähren der Deutschen Jagdschutz-Verband e.V. in Kooperation mit dem Landesjagdverband Sachsen e.V. sowie die T-Mobile Deutschland GmbH.

markiertes Rotwildkalb_V.Meißner-Hylanova © Vendula Meißner-Hylanová markiertes Rotwildkalb_V.Meißner-Hylanova © Vendula Meißner-Hylanová

Markiertes Rotwildkalb mit Ohrmarken-VHF-Sender

markiertes Rotwildkalb_V.Meißner-Hylanova

Markiertes Rotwildkalb mit Ohrmarken-VHF-Sender © Vendula Meißner-Hylanová

Projektbeschreibung
In der 2. Projektphase wird zusätzlich zu den bisherigen Tieren auch außerhalb des TÜP Oberlausitz weiteres Rotwild markiert (GPS-GSM-Sender) – alle im selben Territorium des Daubitzer Wolfsrudels. Somit soll das derzeitige Mosaikbild über die Lebensweise des Rotwildes in Wolfsgebieten erweitert werden. Neben der Fortführung der bisherigen Arbeiten wird dabei ein Schwerpunkt die Gewinnung von Daten zum Mutter-Kind-Gefüge beim Rotwild sein, da nahrungsökologische Untersuchungen beim Wolf und Beobachtungen im Freiland auf eine Bevorzugung der Jugendklasse beim Rotwild hindeuten. Gerade diese Frage ist in Hinsicht auf den Einfluss des Wolfes auf die Beutetierpopulationen wichtig – Mortalitätsraten und Daten zum Wildbestand sind bisher aber unbekannt. Deshalb wurden bisher 6 Rotkälber mit VHF-Sendern markiert.

Weiterhin erfolgt die Auswertung der Jagdstrecken für den ehemaligen Niederschlesischen Oberlausitzkreis und eine abschließende, zusammenfassende Betrachtung mit den beiden Altkreisen Kamenz und Bautzen (vgl. Projektphase 1).

Teilprojekt: Zustandsanalyse der Schalenwildpopulationen als Beitrag zur Minimierung des Konfliktes Wolf-Wild-Jagd

In Kooperation mit dem Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz

Untersuchung zu Konditions-, Reproduktions- und Mortalitätsparametern von Schalenwild im sächsischen Wolfsgebiet

Projektleiter:                  Prof. Dr. Mechthild Roth
Projektbearbeitung:       Dipl.-Biol. Carina Wagner

Das Projekt wird ehrenamtlich von Dipl.-Forsting. Mark Nitze unterstützt.

Finanzierung:                   Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung

Zeitraum:                         2010 bis 2013

Ziel
Ermittlung von Dichte und Struktur der Reh- und Rothirschpopulation und der Selektion durch den Wolf in der sächsischen Lausitz

Projektbeschreibung
Das Untersuchungsgebiet erstreckt sich über das gesamte sächsisch-lausitzer Wolfsgebiet im Nordosten Sachsens, im welchem Reh und Rothirsch die Hauptbeute des Wolfes darstellen. Um jedoch den Einfluss des Wolfes auf seine Beutetiere besser verstehen zu können, ist es zunächst wichtig, Grundlegende Informationen zur Struktur der Reh- und Rothirschbestände zu erheben. Strukturparameter sind hier: die physische Kondition (der Ernährungszustand), die Altersstruktur, Reproduktionsraten, Geschlechterverhältnis, Mortalitätsfaktoren und die Dichte der Populationen.
Zur Ermittlung dieser Eigenschaften nutzen wir die Bestimmung des Fettgehaltes im Knochenmark um Aussagen zum Ernährungszustand der Tiere treffen zu können. Außerdem die Altersbestimmung mittels der Jahreslinien im Zahnzement, Uterusuntersuchungen und ergänzend Sichtbeobachtungen und Fotofallenanalyse. Die Ermittlung der Huftierdichte im Untersuchungsgebiet erfolgt mittels „distance sampling“, eines modernes Verfahrens, welches mit Wärmebildtechnik arbeitet.
Durch die vergleichende Analyse von Wolfsrissen erhalten wir dann Einblicke in die Selektion nach Alter, Geschlecht und Kondition durch den Wolf.
Erste Ergebnisse zeigen, dass insbesondere die Rehe der Lausitz allgemein eine deutlich schlechtere Kondition haben als die Rothirsche. Leider stehen noch nicht genügend Wolfsrisse zur Verfügung um hier eindeutige Aussagen zur Selektion durch den Wolf zu treffen. Dagegen kann man sagen, dass eine deutliche Selektion der Jungtiere (Jünger als ein Jahr) des Rothirsches durch den Wolf erfolgt. So sind über 68% der erbeuteten Rothirsche juvenil, dagegen betragen die mittleren Altersklassen (AK 1 bis 3) nur knapp über 20%. Somit werden Rothirschkälber deutlich positiv selektiert, während Rehkitze mit einem Anteil von 30% der vom Wolf gerissenen Rehe nicht nach dem Alter selektiert werden.
Auch die Auswertung der Daten zum Geschlechterverhältnis legen den Schluss nahe, dass weibliche Rothirsche vom Prädator positiv selektiert werden, Ricken dagegen nicht. Eine qualitative Selektion erfolgt demnach eher bei dem größeren Rothirsch, nicht jedoch beim Reh, der Hauptbeute der Lausitzer Wölfe.

Publikationen
WAGNER, C., TUMA, M., NITZE, M. & ANSORGE, H. (2011): Altersstruktur und Kondition des Schalenwildes im Wolfsgebiet der Oberlausitz – die ersten Ergebnisse. Beiträge zur Jagd- und Wildforschung, Band 36: 129-135.

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Letzte Änderung: 29.06.2016