Ringvorlesung: "Inklusion: Interdisziplinäre Perspektiven"

Plakat zur Ringvorlesung © Anke Langner Plakat zur Ringvorlesung © Anke Langner
Plakat zur Ringvorlesung

© Anke Langner

EInschreibung in OPAL (für alle Studierende)

Spätesten seit 2009 ist mit dem in Kraft treten der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen die Inklusion von Menschen mit Behinderung zu einem zentralen bildungs- und sozialpolitischen Thema geworden, nicht nur in der Pädagogik. Die Umsetzung zeigt sich jedoch bisher noch als schwierig. Die Ringvorlesung baut aus diesem Grunde auf der Annahme auf, dass das Vorhaben der Realisierung von Inklusion sowohl in der Forschung nur innerhalb von interdisziplinären Verknüpfungen der unterschiedlichen Fachrichtungen, als auch in der Praxis nur in Form von gemeinsamen Anstrengungen möglich ist. Dafür ist zunächst eine weitere Bestimmung des Begriffs Inklusion, basierend auf interdisziplinärer und empirischer Grundlagenforschung von elementarer Bedeutung.

Die Ringvorlesung ermöglicht einen interdisziplinären Dialog zu Inklusion zwischen den unterschiedlichen Fachrichtungen. Hierfür sollen die unterschiedlichen Perspektiven der Disziplinen diskutiert werden. Im Mittelpunkt soll dabei die Erarbeitung von Relationen stehen die das Verhältnis zwischen Mensch, Gemeinschaft und Gesellschaft betreffen. Dafür untersucht die Ringvorlesung das Verhältnis zur Inklusion aus der Perspektiven der Subjekte, dem Erleben von Exklusion, der Intersektionalität, der Religion sowie der Architektur, des Designs und der Interaktion zwischen Mensch und Computer. Innerhalb dieser Mulitperspektivität soll im Kontext der Ringvorlesung neue Erkenntnisse zusammen gedacht und verbunden werden. Ziel ist es dabei innerhalb eines solchen Dialogs weiter zur einer gemeinsamen Bestimmung des Begriffs Inklusion durchzudringen, sowie auch Ansätze zur Umsetzung von Inklusion in der Praxis interdisziplinär und über eine didaktische und schulpolitische Perspektive hinaus zu skizzieren.

Für Teilnehmer*innen: Bitte helfen Sie uns, Ihnen zu helfen. Aus organisatorischen Gründen bitten wir Sie, uns im Vorfeld mitzuteilen (Astrid Gängler), wenn Sie bezüglich der Barrierefreiheit einen Bedarf anmelden möchten (z. B. hörtechnische Unterstützung, Gebärden- oder Schriftdolmetscherdienst, …).

Die Ringvorlesung startet im WiSe 2018/19 immer am Donnerstag 6.DS (16.40 - 18.10 Uhr) im Hörsaalzentrum/ Hörsaal 3.

18.10.18

Eröffnung durch Prorektor Prof. Dr. Antonio Hurtado

Anke Langner -„Behinderung - eine Konstruktion von Ausschluss“

25.10.18

Georg Feuser - „Die kommunikationsbasierte Kooperation am Gemeinsamem Gegenstand als didaktischer Kern einer Allgemeinen Pädagogik“

01.11.18

Andreas Hanses - „Inklusion als „eigenwilliger“ Aneignungsprozess zwischen Subjekt, professionellen Praxen und institutionellen Rahmen“

08.11.18

Matthias Naumann - „Vom ‚Recht auf Stadt‘ zum ‚Recht auf Infrastruktur‘ und dem ‚Recht auf das Dorf’? Humangeographische Perspektiven auf Inklusion“

15.11.18

Sebastian Panasch - „Inklusives Design“

22.11.18

Gerhard Weber - „Barrierefreiheit in der Mensch-Computer Interaktion“

29.11.18

Cornelia Grohmann - „Inklusive Architektur. Design inklusive“

06.12.18

Karl Lenz - „Stigma und Stigmamanagement“

13.12.18

Alexander Lasch - „Barrierefreie Kommunikation in Ausstellungen"

20.12.18

Irene Lohaus - „Inklusive Außenraumgestaltung am Beispiel Campus TU Dresden"

10.01.19

Gesine Wegner - „E Pluribus Unum: Überlegungen zum Inklusionsbegriff aus Amerikanistischer Perspektive“

17.01.19

Stefan Horlacher - „Inclusion and Interdiscursivity in Literature: Arundhati Roy's The God of Small Things“

24.01.19

Christian Schwarke - „Religion als Inklusions- und Exklusionsfaktor“

31.01.19

Klausur (Erwerb von 3 LP)

Abstracts der Vortragende

Georg Feuser - Die kommunikationsbasierte Kooperation am Gemeinsamem Gegenstand als didaktischer Kern einer Allgemeinen Pädagogik - Naturphilosophische Momente und humanwissenschaftliche Begründung der Negation der Inklusion

Den Diskursen zur Frage der Inklusion im Feld der Pädagogik ist bis heute eine Befreiung aus den Konzepten der Selektion, Exklusionen und (Zwangs-)Inklusionen von Kindern und Jugendlichen, die bestimmte Merkmale auf sich vereinen, und/oder einer inzwischen extremen Verbetriebswirtschaftlichung, Outputorientierten und mit Standards hinsichtlich Zielbestimmungen und Lernleistungen nicht zu entsprechen vermögen, nicht gelungen. Die den früheren Bemühungen um “Integration” vorgeworfenen, vermeintlich falschen Orientierungen wurden noch verstärkt und resultieren heute in der Perfektionierung der Integration der Inklusion in die Segregation. Dies als Folge gravierender Versäumnisse hinsichtlich einer erziehungswissenschaftlichen Transformation eines naturphilosophisch basierten Erkenntnisstandes in den Humanwissenschaften über menschliche Persönlichkeitsentwicklung, die eine “Allgemeine Pädagogik” zu begründen und Inklusion in sich aufzuheben vermag. Der Vortrag thematisiert einige zentrale Momente dieser Zusammenhänge.

Cornelia Grohmann - „Inklusive Architektur. Design inklusive“

Die gebaute und gestaltete Umwelt kann als Grundlage gelingender Inklusion betrachtet werden. Der Beitrag der Architektur zu einer für alle Menschen in gleichem Maße nutzbaren gebauten Umwelt wird vorgestellt und an Beispielen erläutert. Unter der Zielstellung einer barrierefreien Umwelt mit inklusivem Zugang werden Kriterien, Anforderungen und Entwurfsprinzipien aufgezeigt. Dabei werden die Begriffe Barrierefreiheit, universelles Design und inklusives Design in ihren Anwendungsfeldern definiert und veranschaulicht. Weil Architektur nicht nur funktionale, sondern auch ästhetische Ansprüche erfüllen soll und muss, werden bildliche Beispiele die Möglichkeiten und Grenzen der inklusiven Architektur illustrieren.

Um die eigenen Fähigkeiten und den kreativen Umgang mit räumlichen Herausforderungen zu stärken sowie die Bedürfnisse der besonderen Nutzer zu verinnerlichen, können die theoretisch im Vortrag vermittelten Kenntnisse durch kleine Nutzung des Alterssimulationslabors und kleine Selbsterfahrungsprojekte ergänzt werden.

Andreas Hanses - Inklusion als „eigenwilliger“ Aneignungsprozess zwischen Subjekt, professionellen Praxen und institutionellen Rahmen

Der Vortrag möchte ausdrücklich aus der Perspektive der Subjekte (mit ihren besonderen Lebenssituationen) herausarbeiten, wie institutionellen Welten im Kontext gesundheitsnaher und berufsbezogener Versorgung und ihren professionellen Praxen (ungewollte) Wirkung auf die Lebenssituationen und Selbstkonstruktionen der Nutzer_innen nehmen. Dies soll anhand empirischer Studien auf der Basis qualitativen Datenmaterials in den jeweiligen Wechselverhältnissen von Subjekt und Institution herausgearbeitet werden. Die analytischen Beobachtungen und theoretischen Konsequenzen überraschen dabei und laden ein, im Kontext von Inklusion das Verhältnis des Subjekts und den institutionalisierten Unterstützungsrahmen neu zu konzeptualisieren.

Stefan Horlacher – „Inclusion and Interdiscursivity in Literature: Arundhati Roy's The God of Small Things“

In den Postcolonial Studies wird die Frage nach Inklusion kaum gestellt; vielmehr finden intersektionale Analysen bspw. entlang der Triade von race/class/gender statt, häufig verbunden mit einer Umwertung und dem Versuch, sich aus kolonialen Deutungsmustern zu befreien.

Indem der Begriff der sozialen Inklusion auf das Romanwerk von Arundhati Roy angewendet wird, stellt sich die Frage, wie sich dieses zum Erbe kolonialer Strukturen, vor allem aber indigener Strukturen verhält, welches Bild von Gesellschaft es zeichnet und wie dieses auf Mechanismen der Inklusion und Exklusion basiert. Gezeigt werden soll in einem ersten Schritt, dass Roys eminent wichtiger Roman The God of Small Things zutiefst inklusiv ist, indem er keine Facette der indischen Gesellschaft ausschließt, das Abjekt genauso inkludiert wie die anglo-indische Elite. Der Roman zeichnet dabei aber eine indische Gesellschaft, die von Exklusion (nicht nur) entlang des Kastenwesens, entlang der Geschlechtergrenzen sowie entlang religiöser Differenzierungen gekennzeichnet wird und in dem sich kolonial bedingte und indigene Exklusion vermischen und potenzieren. Innerhalb dieser inhaltlichen, in sich exkludierende Partialbereiche zerfallenden Fülle des Romans ereignen sich zwar auch Momente der Inklusion, die im Einzelnen herausgearbeitet und auf ihre Zukunftsfähigkeit hin untersucht werden sollen, wichtiger ist aber, dass die inhaltlichen Exklusionsstrukturen das Produkt einer bemerkenswerten formal-stilistischen Inklusion sind; das Produkt inklusiver Textmechanismen und Strategien, die den Roman auf formal-ästhetischer Ebene ‚zusammenhalten‘ und durch ihren inkludierenden Charakter erst das inhaltliche Bild der Exklusion ermöglichen, wenn nicht sogar darüber hinwegtäuschen.

Anke Langner - „Behinderung - eine Konstruktion von Ausschluss“

Der Begriff der Inklusion ist nicht ohne den Begriff der Exklusion denkbar. Das was als Inklusion und auch als Exklusion beschrieben wird, beruht auf Ein- und Ausschlussmechanismen bzw. -prozessen. Die Praktiken des Ein- und des Ausschlusses sind historisch gewachsen, basieren auf Machtverhältnissen und werden je nach gesellschaftlicher Praxis immer wieder (re)produziert. Im sozialen Zusammenleben haben sich zentrale Ordnungs- aber auch Wissenskategorien herausgebildet, die eine Vielzahl von Merkmalen bündeln. Solche Kategorien sind u.a. Geschlecht, Ethnizität oder auch Behinderung.

Diese Mechanismen vollziehen sich u.a. über ein Sprechen oder ein Schweigen, ein Sehen oder ein Nichtsehen. Die Unterscheidungen zwischen „drin“ und „draußen“ oder die Grenze zwischen Ein- und Ausschluss sind fließend. Für die Unterscheidungen werden immer wieder ähnliche Muster oder Schablonen – wenn soziale Praxen im Fokus stehen – an Menschen angelegt. Täglich wird entschieden, ob ein Mensch einer bestimmten Gruppe nach ähnlich oder schon different ist, dazu müssen Merkmale verglichen werden. An dem Beispiel der Kategorie/sozialen Konstruktion Behinderung soll dargelegt werden, dass natürliche Differenzen gern als ursächlich für eine Differenzierung von Behindert und Nichtbehindert angenommen werden, jedoch das als Behinderung wahrgenommene Phänomen, das Resultat eines Lebens unter Bedingungen des sozialen Ausschlusses – der Isolation ist.

Alexander Lasch - "Barrierefreie Kommunikation in Ausstellungen"

Im Vortrag werden die Möglichkeiten und Grenzen "partizipativer Forschung" im Rahmen von "Service-Learning"-Seminaren zu "barrierefreier Kommunikation" am Beispiel eines Audioguides für das Albertinum Dresden thematisiert.

Im Rahmen eines „Service Learning“-Seminars zur „Leichten und einfachen Sprache“ im Sommersemester 2018 an der TU Dresden erarbeiteten die Professur für germanistische Linguistik und die Medieninformatik der TU Dresden gemeinsam mit Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und der Kuration des Albertinums Dresden ein innovatives Konzept barrierefreier Kommunikation: personalisierte Audio-Guides, die auf mobilen Websites vorgehalten werden.

Dazu fanden Führungen durch Kunsthistoriker_innen des Albertinums in Gruppen mit jeweils (circa) sechs betreuten Personen statt, die von Studierenden begleitet wurden. Die Gespräche, Fragen und Antworten der Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung zu bestimmten Objekten ihres Interesses wurden dabei aufgezeichnet und bildeten die Grundlage für die Objektbeschreibung – das ist bisher in der deutschen Museumslandschaft einmalig und innovativ, denn barrierefreie Kommunikation in Ausstellungen wird bisher durch die primäre Zielgruppe nur geprüft; an der Erarbeitung von Inhalten (partizipative Forschung) hatte sie bisher hingegen keinen Anteil.

Karl Lenz: Stigma und Stigmamanagement

-Beschreibung folgt noch-

Irene Lohaus: - "Inklusive Außenraumgestaltung am Beispiel Campus TU Dresden"

-Beschreibung folgt noch-

Matthias Naumann - „Vom ‚Recht auf Stadt‘ zum ‚Recht auf Infrastruktur‘ und dem ‚Recht auf das Dorf’?. Humangeographische Perspektiven auf Inklusion“

Ein zentrales Forschungsinteresse der Humangeographie ist es, die räumlichen Dimensionen von Exklusion und Inklusion herauszuarbeiten. Zahlreiche stadtgeographische Arbeiten befassen sich beispielsweise mit verschiedenen Praktiken der Exklusion bestimmter Bevölkerungsgruppen in urbanen Räumen. Demgegenüber formuliert die Debatte um ein „Recht auf Stadt“ politische Entwürfe für eine inklusive Stadtentwicklung. Allerdings bleibt die Auseinandersetzung um ein „Recht auf Stadt“ häufig auf Großstädte beschränkt und bedarf häufig einer Konkretisierung anhand einzelner Handlungsfelder.

An dieser Lücke setzen Überlegungen für ein „Recht auf Infrastruktur“ an, die versuchen, Konzepte und Praktiken inklusiver Stadtentwicklung auf die Materialitäten von Städten zu beziehen und darüber hinaus Anknüpfungspunkte auch für ländliche Räume zu bieten. Exklusion und Inklusion betreffen demnach nicht nur Städte, sondern auch Dörfer, wie die Forderung nach einem „Recht auf das Dorf“ illustriert. Der Vortrag verknüpft daher aktuelle Debatten aus der kritischen Stadtgeographie, der Geographie ländlicher Räume und der sozialwissenschaftlichen Infrastrukturforschung mit Fragen von Inklusion.

Sebastian Pannasch - "Inklusives Design"

Das Ziel von inklusivem Design besteht darin, Umgebungen und Produkte so zu gestalten, dass eine Nutzung für jeden möglich ist. Diese universelle Nutzbarkeit soll auf unabhängigste und natürlichste Weise ohne Anpassung und spezielle Designlösungen ermöglicht werden. Eine Einordung und Abgrenzung des Konzepts zu anderen Ansätzen wie beispielsweise barrierefreiem Design ist wichtig und muss entsprechend dargestellt werden, damit die Vorgehensweise verständlich wird. Dazu wird eine Einordnung unserer Fähigkeiten vorgenommen, um zu verdeutlichen, dass die Ziele inklusiven Designs durch eine Verringerung der Fähigkeitsanforderungen erreicht werden kann. Anschließend werden Prinzipien des inklusiven Designs (z.B. gleichberechtigte Nutzung, Fehlertoleranz) erläutert und anhand von Beispielen veranschaulicht.

Christian Schwarke - "Religion als Inklusions- und Exklusionsfaktor"

Nach wie vor spielt die Religion auch in westlichen Gesellschaften eine wichtige Rolle bei der Integration von Individuen und Gruppen. Umgekehrt wird sie auch als Exklusionsmarker verwendet, wie zuletzt die Flüchtlingswelle nach Europa gezeigt hat. Dass dies nicht nur zwischen verschiedenen Religionen ein Problem darstellt, sondern auch innerhalb des Christentums kann man an den Konfessionsstreitigkeiten in Deutschland und den USA im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert studieren. Die Industrialisierung führte zu erheblichen Migrationsbewegungen. So wurden die bis dahin protestantisch geprägten USA mit einer großen Zahl katholischer Einwanderer konfrontiert, was zu massiven Konflikten führte. Aber auch der sog. Kulturkampf in der Bismarckzeit stellte den Versuch dar, die Gesellschaft entlang der konfessionellen Grenzen auszurichten. Fast alle Fragen, die heute die Politik beschäftigen, sind damals bereits „verhandelt“ worden.

Gerhard Weber - "Barrierefreiheit in der Mensch-Computer Interaktion"

Die Mensch-Computer Interaktion stellt einerseits menschliche Fähigkeiten in den Mittelpunkt der Entwicklung von interaktiver Software und andererseits die Gestaltung der Softwareschnittstellen sowie der Prozesse der Softwareentwicklung. Barrierefreiheit ist der Umfang in dem interaktive Produkte (Webseiten, Apps, usw.) mit den weitesten Benutzererfordernissen, Merkmalen und Fähigkeiten genutzt werden können. Besondere Anforderungen in der Kommunikation mit Computern und mit andern Menschen mittels Computern sind z.B. Gebärdensprache, Braille oder auch Einfache Sprache. Dabei helfen Assistive Technologien die am Beispiel gängiger Mobiltelefone vorgestellt werden wie z.B. Screenreader oder auch Geräte zur Erhöhung der Mobilität. Praktische Aspekte dieser Vorlesung betreffen daher die Erstellung barrierefreier Lehrmaterialien und der Überprüfung.

Die Forschung zur Verbesserung der Mobilität von blinden Fußgängern mittels haptischer und akustischer Darstellungen benutzt empirische Methoden. Einige Ergebnisse aus unterschiedlichen Forschungsprojekten zur Wegefindung in Gebäuden zeigen wie gängige Methoden barrierefrei werden und daher die Inklusion auch in der empirischen Forschung fördern.

Gesine Wegner - "E Pluribus Unum: Überlegungen zum Inklusionsbegriff aus Amerikanistischer Perspektive"

Hervorgegangen aus der US-amerikanischen (und britischen) Behindertenbewegung der 1970er Jahre, bedient sich das interdisziplinäre Forschungsfeld der Disability Studies seit Beginn des 21. Jahrhunderts zunehmend kultur- und literaturwissenschaftlicher Analyseinstrumente. Indem Behinderung nicht länger als körperlich-medizinisches Phänomen, sondern primär als soziales und gesellschaftliches Geschehen verstanden wird, rücken kulturspezifische Auseinandersetzungen mit Behinderung und Fragen der Inklusion – insbesondere im US-amerikanischen Kulturraum – in den Vordergrund wissenschaftlicher Untersuchungen. Der Vortrag wirft anhand von Beispielen aus der US-amerikanischen Populärkultur einen Blick auf diesen „cultural turn“ innerhalb der Disability Studies. Dabei erhalten neben dem Begriff der Behinderung und des „behindert werden“ weitere Differenzkategorien wie race, class, gender und sexuality Einzug in die Analyse. Durch einen intersektionalen Zugang, der diese Kategorien als interdependent versteht, werden insbesondere dis/ability, race und gender als gegenseitige Hervorbringungs- und Durchdringungsverhältnisse diskutiert. Ein solch intersektionaler Zugang ermöglicht es, so möchte ich anlehnend an die Arbeiten von David Mitchell und Sharon Snyder zeigen, Behinderung als einen übergreifenden Modus zu verstehen, der in den USA spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts genutzt wird, um soziale Hierarchien in Bezug auf race und gender aufrecht zu erhalten. Behinderung fungiert so als grundlegendes Vokabular und Vehikel für eine Vielzahl verschiedenster Exklusionspraktiken, die es im Rahmen moderner Inklusionsbestrebungen zu verstehen und beachten gilt.

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David Jugel
Letzte Änderung: 23.10.2018