Forschungsprogramm

Verbale und zeichenhafte Aggressionen gegen Personen oder Personengruppen bilden grundlegende Er­scheinungsformen des Sozialen. Herabsetzungen oder Ausgrenzungen knüpfen dabei an Zuschrei­bungen an, die ethnische, nationale oder religiöse Zugehörigkeiten, soziale Positionierungen, Ge­schlecht, sexu­elle Orientierungen oder andere für die Konstruktion von Identität relevante Merkmale betreffen. Je­den­falls wirken solche invektiven Akte nicht nur als marginale Formen sozialer Interaktion, sondern zie­len ins Mark des Sozialen: Sie destruieren oder produzieren, dynamisieren oder eskalieren so­ziale Ver­hält­nisse.

Das zeigt bereits ein erster flüchtiger Blick in die Geschichte. Schon die Handlung der Illias, einem der ältesten epischen Schriftzeugnisse Europas, wird durch die Beleidigungen Apolls bzw. seines Priesters Chryses und des Helden Achill durch König Agamemnon vorangetrieben. Als Mittel der poli­tischen, re­ligiösen oder intellektuellen Auseinandersetzung waren Schmähungen allgegenwärtig, so etwa im spät­re­publikanischen Rom, im frühen Christentum, in den mittelalterlichen Konflikten zwischen Kai­sern und Päpsten, in den agonalen Auseinandersetzungen zwischen den Renaissancehumanisten, in den Kämpfen der Reformationszeit wie auch in den Debatten der Aufklärungs­zeit und der Romantik. Einer­seits wird das Spiel von Herabsetzung, Herausforderung und Ehrverteidigung oft als zentrales Charakte­ristikum der vormodernen Anwesenheitsgesellschaft betrachtet; andererseits hatte in der Re­for­mationsära die wechselseitige Herab­würdigung des konfessionell-politischen Gegners – ermöglicht durch die neuen Medien des Gutenberg-Zeitalters – eine Hochkonjunktur.

In vielerlei Gestalt wird das Invektive jedoch auch und gerade in der Gegenwart offensichtlich, ob in Wahlkämpfen, Parlaments­debatten oder Talkshows, in Jugendcliquen oder unter Fußballfans, ob in der Schule, in den ‚sozialen Medien‘ oder – nicht zuletzt in Dresden – auf der Straße. Dabei kann es sowohl spie­lerische Formen annehmen, die gleichwohl stets ein Verletzungs­potential in sich bergen, als auch Aggressionen ausagieren und Hegemonien errichten. Im Zeichen der Informalisierung  westlicher Gesell­schaften haben sich Erscheinungsformen von rauer, verletzender Sprache auch jenseits ab­grenz­barer sozialer Milieus etabliert und sind zu verbreiteten kulturellen Mustern und Habitus­ele­men­ten geronnen. Diskussionen über verbale Aggressionen in den elektronischen Medien, etwa in den Doku-Soap-Formaten des Fernsehens, insbesondere aber im Internet (Online-Schmähgemeinschaften, shit­storms und trolling), verweisen auf Folgeeffekte dieser Entwicklung. In einem weithin ungeklärten Span­nungs­verhältnis zur vielfach beklagten Inflation sprachlicher Herab­würdigung steht die Behauptung einer wachsenden Sensibilität gegenüber Beleidi­gungen und Herabwürdigungen in Bezug auf das Ge­schlecht oder auf die Migrationsgeschichte von Menschen. Sie findet ihren Niederschlag in heftigen pu­blizistischen und wissenschaftlichen Debatten ebenso wie in literarischen und ästheti­schen Reflexionen über sprachliche Diskriminierung und Hassreden, über den Vorwurf vermeintlich ideologiegeleiteter poli­ti­cal correctness und die Grenzen freier Meinungsäußerung.

Schmähungen und Herabsetzungen prägen gegenwärtig in markanter Weise öffentliche Debatten von der lokalen bis in die globale Sphäre. Personalisierte Invektiven werden genutzt, um politische Geg­ner zu diffamieren und die eigenen Anhänger/innen zu mobilisieren. Donald Trump kann geradezu als die Ver­körperung einer Politik der Schmähung gesehen werden. Fast alle Krisen der jüngeren Zeit sind signi­fikant geprägt von öffentlichen Invektiven: die europäische Schuldenkrise (Merkel-Karikaturen) wie der Ukraine-Konflikt (Samantha Fox im UN-Sicherheitsrat 2014: „A thief can steal, but cannot own!“), die Debatte um den Brexit („freedom or slavery!“) ebenso wie die Auseinandersetzungen zwischen der EU und der autoritären Regierung Erdogan (Böhmermanns „Schmähgedicht“). In den Debatten um Flucht und Vertreibung sind abwertende Stereotype zur Konstruktion und Ausgrenzung ethnischer Zu­ge­hö­rig­keiten gegenwärtig omnipräsent. Die Dresdner Pegida-Bewegung, die im Hinblick auf rassistische Zu­spitzun­gen des Identitätsdiskurses ein Vorreiter war, hat inzwischen den Status eines regionalen Son­der­falls verloren und wird allgemein als Indikator größerer Problemlagen angesehen. Weiterhin finden interkulturelle Konflikte häufig im Vorwurf ihren Ausdruck, die eigene Religion werde geschmäht, wie etwa im Fall der Mohammed-Karikaturen 2005. Schließlich wird auch die wissen­schaft­liche Kultur stark von Kontroversen um verbale und symbolische Herabwürdigungen und um die Verlet­zungsgefahr von sogenannten micro-aggressions bzw. über die Auswirkungen einer Über­be­tonung der von ihren Kritikern als political correctness bezeichneten Sprachsensibilität für die Wissen­schafts­­­freiheit geprägt. Auf eine andere Art berühren hoch affektiv aufgeladene Kam­pagnen gegen die sogenannte Gender-Ideologie das Feld der Wissenschaft.

Die aktuellen und historischen Problemlagen sind – schlaglichtartig betrachtet – so vielfältig wie viru­­lent. Dieser Pluralität entspricht der Stand der wissenschaftlichen Reflexion nur unzureichend. Die Klas­siker der soziologischen Konfliktforschung haben verbal-zeichenhafte Herabwürdigungen eher ge­streift als zentral behandelt. Es exis­tie­ren zahlreiche wertvolle Untersuchungen zu einzelnen Aspekten des Themenfeldes aus den ver­schie­den­sten Fachdisziplinen, gegenwartsbezogene Untersuchungen ebenso wie geschichts­wissenschaftliche Analysen. Aus neuerer Zeit lassen sich Debattenbeiträge identifizieren, deren Anspruch und Bedeutung weit über die jeweils eigene Disziplin hinausweisen, etwa sozialpsychologische Reflexionen zur sprach­lichen Diskriminierung  oder besonders die sprach­philosophischen Beiträge zu hate speech und zu verletzenden Worten. Ein übergreifender Versuch jedoch, den weiten Bestand an Erscheinungsformen verbaler bzw. zeichenhafter Aggression und Herabsetzung als ein Phänomen sui generis systematisch, interdisziplinär und epochen­übergreifend zu erschließen, wurde bisher nicht unternommen. Dabei erscheint aufgrund der äußerst variablen sprachlichen, bild­lichen und symbolischen Gestalt der beschriebenen Phänomene, ihrer Okkur­renz in ver­schiedenen sozialen Milieus, in Interaktionen, in politischen Kontroversen und religiösen Aus­einander­setzungen eine weiter ausgreifende, inter­disziplinäre Bearbeitung zwingend. Hier setzt das Forschungs­vorhaben an.

Grundsätzliche Ziele und Eckpunkte

Der geplante SFB will die angesprochenen Erscheinungsformen mit dem Leitbegriff der Invektivität fassen und als gesellschaftliches Fundamentalphänomen eigenen Rechts konzeptualisieren und er­forschen: als ein Phänomen, in dem sich Affekte, strategische Kalküle und symbolische Geltungs­an­sprüche in spezifischer Weise verknüpfen; als ein Phänomen, das zumeist als Überschreitung der Normen des zwischenmenschlichen Umgangs thematisiert wird, das aber zugleich eigene normative und emotio­nale Ansprüche und Normalitätsvorstellungen markiert und zuweilen etabliert; als ein Phänomen, des­sen Deutung nicht von vornherein feststeht, sondern dessen Status von den kommu­nikativen Resonan­zen abhängt, die es erzeugt; als ein Phänomen, das als Produktionsmechanismus und Transmissions­riemen sozialer In- und Exklusionsprozesse dienen kann. Invektivität trägt mit anderen Worten maßgeb­lich zur Produktion, Durchsetzung und Transformation spezifischer Dispositive und „Ordnungen des Dis­kurses“ (Foucault) bei. Unter dem Begriff der Invektivität betrachtet der SFB zusammenfassend ein Phänomen, das den konflikthaft-polemogenen Charakter gesellschaftlicher Ordnungen nicht nur sicht­bar macht, sondern ihn vielfach erst performativ hervorbringt.

Mit dem Konzept „Invektivität“ will der SFB entsprechend eine neue Kategorie kultur- und sozial­wissenschaftlicher Forschung entwickeln und etablieren, die es ermöglicht, soziale Dynamiken der abwertenden Identifizierung von einzelnen Personen, Gruppen und größerer Kollektive systematisch zu analysieren. Die Forschungsziele des Verbundes lassen sich folgendermaßen bestimmen:

  • Erstens soll mit einem breiten Spektrum von aufeinander abgestimmten Analysen die empirische Basis für weitergehende synthetisierende Überlegungen bereitgestellt werden.
  • Zweitens soll eine gemeinsame Begriffs- und Vergleichsheuristik entwickelt werden, um die vielfäl­ti­gen Themen und Problemstellungen systematisch und historisch vergleichend aufeinander bezie­hen zu können.
  • Drittens schließlich soll auf dieser Basis längerfristig eine synthetisierende Theorie der Invektivität aus­­gearbeitet werden.

Insgesamt zielt der Verbund auf eine Erforschung der sozialen Konstellationen, gesellschaftlichen Funk­tionen und kulturellen Formen von Invektivität sowie ihrer Erscheinungsformen in deren historischer Variabilität. Das Invektive soll als ein zentraler Modus von Interaktions- und Kommuni­kationsprozessen profiliert werden, um die Konflikthaftigkeit, Konsensfähigkeit, Polemogenität und Reproduktion sozialer Ordnungen angemessen verstehen zu können.

Die geplanten exemplarischen Analysen nehmen zentrale Aspekte des Themenfeldes in den Blick und decken ein breites historisches Spektrum von der Antike bis zur Gegenwart ab. Konstitutiv für die Anlage des SFB ist die Verschränkung von gegenwartsbezogenen und historischen Frage­stel­lun­gen. Alle Teilprojekte eint dabei das Interesse an temporalen Strukturen des Invektiven, und zwar in zwei Hin­­sichten. Einerseits steht die interne Prozesshaftigkeit des Invektiven im Mittelpunkt der Perspektiv­bildungen – wie entwickeln, beschleunigen und eskalieren sich invektiv induzierte soziale Pro­zesse, wie lassen sie sich möglicherweise invektiv einhegen oder nehmen als invektive Dynamiken rituali­sierte For­men an? Andererseits gilt die Aufmerksamkeit wesentlich auch den von Invektiven aus­gehenden Effekten für gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Wandel – sie können dynami­sierend, aber auch blo­ckierend, sogar stabilisierend für soziale Ordnungen wirken. Die damit im Zusam­menhang stehende Frage nach dem Verhältnis von Invekti­vität und Transformation stellt sich wiederum auf zwei Ebenen: Em­pi­risch ist zu klären, ob und, wenn ja, in welcher Weise Invektiven mit Paradigmen­wechseln, System­trans­formationen und Epochenumbrüchen verknüpft sind. Dabei ist das Forschungs­design darauf an­ge­legt, den verfremdenden Er­fahrungs­raum vergangener Epochen und Kulturen zu erschließen und ihn für die vergleichende Analyse gegenwärtiger Phänomene und Prozesse nutzbar zu machen. In konzeptu­eller Hin­sicht ist zu prüfen, inwieweit Invektivität ein Erklärungsmodell bereit­stellen kann, das über gän­gige Theoreme hinausweist, die die Produktivität von Invektiven für den gesell­schaftlichen Wandel syste­ma­tisch ausklammern oder unter­schätzen, wie z. B. diejenigen von Luhmann, Elias oder auch Habermas.

Die exemplarischen Untersuchungen der Teilprojekte werden durch die vorgestellte Heuristik viel­fäl­tig aufeinander bezogen. Dadurch sollen ermöglichende und einhegende Konstellationen, gesell­schaft­liche Funktionen und kulturelle Formen des Invektiven in ihren kognitiven wie affektiven Grundie­rungen sicht- und vergleichbar gemacht werden. Diesem Zweck dient die Entwicklung einer gemein­samen Be­griffs- und Konzeptsprache. Mit der Entfaltung des Terminus der Invektivität als analyti­schem Zentralbegriff verbindet sich die Absicht, Phänomene in einen gemeinsamen analytischen Hori­zont zu rücken, die bislang lediglich verstreut, fragmentarisch und mit einem heterogenen Spektrum von Kon­zep­ten erfasst wurden. Mit dem Begriff der Invektivität zu beschreibende Phänomene reichen von herab­setzender Unhöflichkeit über Schmähungen, Lästerungen und Beleidigungen bis hin zur Hassrede und verbaler bzw. symbolischer Gewalt, von intentionalen und persönlich adressierenden Varianten der Herab­­­würdigung bis zu gesellschaftlichen Dispositiven und Konstellationen, deren sozial pejorisierende Kraft als Effekt einer strukturellen Wirkmacht angesehen werden kann. Die gemeinsame Eigenschaft dieser lebensweltlichen Phänomene bezeichnen wir als ‚das Invektive‘: In allen Fällen werden mittels ver­­baler (mündlicher oder schriftlicher) oder nonverbaler (gestischer oder bildlicher) Kommunikations­akte Bewertungen von Personen und Gruppen vorgenommen, die geeignet sind, ihre soziale Position ne­gativ zu verändern, sie zu diskriminieren und ggf. auszuschließen. Ein einzelnes Kommunikations­er­eig­nis, in dem einer Person oder Gruppe eine abwertende Eigenschaft zugeschrieben wird, bezeichnen wir als ‚eine Invektive‘.

Auf pragmatischer Ebene verbindet die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Invektiven eine gemeinsame Modalität sozialer Interaktion und Kommunikation. Diese Modalität wird beispiels­weise durch den Gebrauch von Schimpf- und Fluchphrasen, pejorativen Ausdrücken, Generalisierungen, Verab­solutierungen, Hyperbeln, Superlativen, Vorwurfsintonation etc. kontextualisiert.

Beim Begriff der Invektivität handelt es sich zusammenfassend also um ein theoretisches Konstrukt, dessen angenommene Erkenntniskraft darin liegt, Phänomene als invektiv zu bestimmen, ihnen ge­mein­same invektive Modalitäten durch Vergleich zu identifizieren und das Invektive als Eigenschaft ver­schie­denster Kulturphänomene auszumachen.

Bewusst überschreitet der geplante SFB mit dieser Terminologie den klassischen Bedeutungsgehalt der invectiva oratio als intentionaler und artifizieller Schmährede: Wie andere rhetorische Gattungen – etwa Polemik, Satire oder Karikatur – bilden solche Formen zwar einen wichtigen und für die Konzep­tu­alisierung zentralen Referenz­rahmen, der Deutungsmuster und Reflexionskategorien bereitstellt, die für die historische Rekonstruktion und Interpretation von Invektivität zentral sind. Der geplante SFB zielt aber darauf, auch Phänomene in seine Analysen einzubeziehen, die sich einer solchen klaren formalen Zu­­ordnung entziehen. Dabei geht es etwa um Phänomene, die ihren invektiven Charakter erst durch sub­tile Kontextualisierung, durch Akte der Anschlusskommunikation oder durch Interpretationen Dritter erhalten. Das gilt z. B. für die Parodie als eine Form künstlerischer Platzierungs­praxis in der Frühen Neu­zeit ebenso wie für die Veröffentlichung personenbezogener Informationen im Internet oder die – mög­licherweise persönlich gefärbte – Kritik in wissenschaftlichen Debatten. Als mittel- und langfristiges Ziel strebt der geplante SFB mit der Etablierung seines neuen Forschungs­paradigmas die Entwicklung einer Theorie der Invektivität an, die vorhandene kon­flikt- und kulturtheoretische, kommu­nikations- und medienwissenschaftliche sowie gesellschaftsanalytische An­sätze deutlich weiter­ent­wickelt.

(1) Theoretische Referenzen und Perspektiven

Aspekte von Invektivität wurden bisher in unterschiedlichen Theoriesprachen in unterschiedlicher In­tensität thematisiert. Alle diese Ansätze bilden wichtige Anknüpfungspunkte für die Arbeit des SFB und für die Forschungen der jeweiligen Teilprojekte. Alle besitzen gleichwohl ihre Grenzen und Schwä­chen, weshalb wir keinen dieser Ansätze privilegieren, sondern uns zunächst für einen problemorien­tier­ten Theoriepluralismus entschieden haben. Mittel- bzw. langfristig ist unser Ziel und Anspruch, eine über­greifend-integrative Theorie der Invektivität zu entwickeln, die im Austausch der verschiedenen im SFB vertretenen Perspektiven und in der gemeinsamen Forschungsarbeit entstehen soll. Einige Aus­gangs­­überlegungen dazu sollen zunächst kurz skizziert werden: die grundsätzliche Konflikthaftigkeit sozialer Ordnungen (a), der performative Charakter invektiver Kommunikationsakte (b); ihre affektive Grun­dierung (c); schließlich ihre Gewalthaftigkeit (d).

a. Polemogenität und Konflikthaftigkeit sozialer Ordnungen

Invektivität hat nach unserer Überzeugung das Potential, Strukturen und Dynamiken des menschlichen Zusammenlebens in einer spezifischen Perspektive zum Gegenstand der Reflexion zu machen. Wir ver­stehen die Konzeptualisierung von Invektivität als epistemische Chance, die Tiefenbohrungen in die Fun­damente und historisch variierenden Genesen sowie die verschiedenen Ausprägungen sozialer Ord­nungen ermöglicht. Auf diese Weise kann sichtbar gemacht werden, welche macht­gestützten Ein- und Ausschlüsse, Asymmetrien und Grenzziehungen des Sicht- und Sagbaren diese Ordnungen bilden und welche affektiven Dimensionen und emotionalen Regime ihnen inhärent sind. Wurden in früheren Dresdner Forschungsverbünden vor allem jene institutionellen Mechanismen er­forscht, mit de­nen gesellschaftliche Deutungskämpfe und konkurrierende Geltungsansprüche überdeckt und soziale Ordnungen mit der Suggestion selbst­verständlicher Dauer und Unwandelbarkeit versehen wurden, so bietet die Fokussierung von Invektivität die Möglichkeit, Kon­kur­renzen, Konflikte und Kämpfe systematisch zu analysieren. Dabei gehen wir von der Prämisse aus, dass Invektivität nicht einfach nur als Überschreitung oder gar Negation sozialer Ord­nungen zu verstehen ist, sondern dass sie einen wichtigen und unvermeidlichen Aspekt eben dieser Ordnungen darstellt. Somit kommt ihr eine zentrale Bedeutung etwa im Hinblick auf performative Aus­handlungsprozesse, auf de­monstrative Geltungsbehauptungen, auf die Konstitution von Identitäts­bildungsprozessen, auf die Schär­­fung sozio-politischer oder religiöser Positionen oder auf die kognitiven und emo­tionalen Faktoren von Gruppenbildungen zu. Invektivität verweist auf den grundsätzlich konflikthaften und polemo­genen Charakter sozialer Ordnungen, mithin auf Aspekte, die in der neueren gesellschafts­theore­ti­schen Diskus­sion verstärkt reflektiert worden sind. Diese Charakterisierung von Invektivität weist deut­lich über die Dimension der Agonalität im Sinne eines sozialen und politischen – regelhaften, womöglich ‚zivili­sierten‘ oder zivilisierenden – Wettstreits hinaus, wie er in demokratie­theoretischen Entwürfen auf­­scheint oder in historischen Analysen zum agonalen Prinzip, mit dem etwa Jacob Burckhardt die Sonder­stel­lung des alten Griechenland begründete. Mit dem Begriff der Polemo­genität betont Eder gegen die tra­di­ti­onelle Übermacht der Konsenstheorien die zwangsläufig entzweiende und deshalb po­tentiell des­integrative Seite von „Kultur“ und ihrer Grenz­ziehungsoperationen; Mouffe und Laclau ar­gu­­mentieren in einem anderen Theoriedesign unter dem Begriff des „Antagonismus“ in eine ähnliche Rich­tung. Diese Überlegungen sind für den SFB eben­so weg­weisend wie neuere konflikttheoretische Konzeptionen, die jen­seits des Interesses an Kon­flikt­ursachen und Konfliktlösungen strukturfunktionalistische Engführungen überwinden, mit Simmel die Bedeutung der sozialen Formen ernst nehmen oder mit Honneth die Frage von Aner­kennung und Miss­achtung in den Vordergrund stellen. Dies korrespondiert mit der in den letzten De­kaden aus ganz unterschiedlichen Perspektiven heraus formulierten Einsicht, dass das Soziale nur als kommu­nikativ erzeugt begriffen werden kann. Wir verstehen folgerichtig das Invektive als einen kommu­nikativen Modus, in dem Konflikte performativ erzeugt, dynamisiert und transformiert werden können.

Invektivität ist, und darin liegt ihr besonderes analytisches Potential, mit sämtlichen Dimensionen gesell­­schaftlicher Konflikthaftigkeit, Veränderungsdynamik und Ordnungsstabilisierung verbunden und erlaubt daher auch deren umfassende Untersuchung. Invektiven können neue Konflikte evozieren (z. B. durch spontane, ehrverletzende Äußerungen), bestehende Konflikte eskalieren lassen (wie im Karika­turenstreit), latente Konflikte explizieren (wie im Fall von Pegida und Fremdenhass) oder offenbare Kon­flikte einhegen (z. B. durch Transformation der Konfliktebene in einen agonalen Invektiven­austausch, etwa in Rededuellen). Diese vorläufige Differenzierung der kommuni­kativen Modalitäten des Invektiven in Evo­kation, Eskalation, Explizierung und Einhegung soll dabei kein starres kategoriales Raster analog zu gängigen Konflikttypologien darstellen, sondern eine flexible und erweiterbare heuristische Matrix skiz­zieren, die die gemeinsame inter­disziplinäre Arbeit anleitet.

b. Kommunikation, Performativität und mediale Arrangements

Auch der im beantragten SFB verwendete Kommunikationsbegriff leitet sich nicht aus einem einzelnen Paradigma ab, sondern soll – der theoriepluralen Anlage entsprechend – die Stärken der verschiedenen, mit diesem Begriff arbeitenden Theoriesprachen zur Erschließung und zum Vergleich invektiver Phäno­mene nutzen. Die gemeinsame Ausgangsüberlegung, die den konkreten Begriffsbedarf bestimmt und da­mit einer eklektizistischen Beliebigkeit entgegensteht, besteht darin, dass sich Invektivität nur kon­den­siert in kommunikativen Praktiken beobachten lässt, unabhängig davon, ob es sich als verbale oder non­ver­bale Beleidigung eines Gegenübers, als vor einem anwesenden Publikum gehaltene Schmährede oder als medial vermittelte, an eine breite Öffentlichkeit adressierte Anfeindung realisiert. Als invektiv sind kom­munikative Akte dann zu beschreiben, wenn sie als solche aufgefasst werden, d. h., wenn relationale – affirmative wie kritische – Anschlusskommunikationen durch Adressaten oder Dritte thema­tisieren, ob und wie sich ein invektives Geschehen ereignet oder ereignet hat. Ein entsprechend problembezoge­ner Kommunikationsbegriff erlaubt es, Invektivphänomene im Hinblick auf unterschied­licher Beteiligten- und Adressatenkreise genau zu skalieren: Um invektive Adressierungen unter den Bedingungen von Prä­senz und medientechnischer Vermittlung hinsichtlich ihrer jeweiligen Opera­tionalitäten, Äußerungs- und Wahrnehmungsbedingungen und Dynamiken angemessen beschreiben zu können, unterscheiden wir zunächst heuristisch Anwesenheits- und Abwesenheitskommunikation. Diese Differenzierung er­laubt es, die Einschränkung auf das in der interaktionistischen Soziologie entwickelte Inter­­aktions­­konzept für Kommunika­tions­weisen unter Anwesenden zu überwinden und erlaubt es zu­gleich, in der Analyse von invektivgesättigten Situationen alle Schattierungen und Überlagerungen von Nähe und Distanz zwischen den beiden Polen von An- und Abwesenheit zu beobachten. Erst so wird es etwa möglich, vergleichend nach thematischen Re­kursen und Formen­­­übernahmen zwischen diesen Ebenen zu fragen, etwa nach fingierter (invektiver) Mündlichkeit in Texten, nach audiovisuellen Fin­gierungen von Interaktion in Medien­kommunikation, aber auch nach massenmedia­len Strukturierungen von invektiver An­wesenheits­kommunikation.

Ein weiteres Merkmal von Invektivität, das der im geplanten SFB genutzte Kommunikationsbegriff berücksichtigen muss, liegt in der Prozesshaftigkeit der mit ihm ins Auge gefassten Phänomene: Soll der performative Charakter invektiver Äußerungsweisen begrifflich adäquat abgebildet werden, darf Kom­munika­tion nicht von vorneherein – wie etwa in einem Sender-Empfänger-Modell – als erfolgreiche Über­­tragung von Information verstanden werden. Vielmehr gilt es, invektive Kommunikation als eine zeitlich und räumlich mehrdimensionale Konstellation zu fokussieren, die erst aus der (intendierten oder nicht intendierten) kommunikativen Praxis der an ihr Beteiligten evolviert.

Invektive Äußerungen stehen darüber hinaus als performative Akte für den Handlungsaspekt von Kom­mu­nikation; sich invektiv zu äußern, bedeutet auch hier, etwas zu tun und nicht lediglich eine Infor­mation zu übermitteln. Im Gegensatz zu einigen klassischen Formen von illoku­tionären Sprech­akten (Taufen und Trauen, Bitten und Danken etc.) sind Beleidigungen und verbale Aggressionen zwar in den von Austin typisierten verdiktiven Äußerungsformen bereits impliziert und bei Searle, Der­rida und Butler in den Mittelpunkt gerückt, aber erst in jüngerer Zeit in größerem Umfang in den Blick der Forschung geraten – in gewisser Weise erscheinen sie als der idealtypische Gegen­satz zu Habermasʼ Prin­zip einer kommunikativen Rationalität, auf deren Grundlage eine vernünftige Verstän­digung mit dem Anderen möglich werden soll.

Die theoretische Orientierung des SFB geht über eine traditionelle Lesart des Sprechakt­modells der Beleidigung hinaus. Es sind nicht allein die Intentionen der beleidigenden Person, die sich im Äußerungsakt realisieren und durch den korrekten und vollständigen Vollzug eines sprachlichen Hand­lungs­musters die Herabwürdigung als perlokutionären Effekt evozieren. Das Invek­tive aktualisiert sich vielmehr unter den Bedingungen einer komplexen Verflechtung von (nicht not­wen­dig intentional invektiver) Äußerungen und der bedeutungszuschreibenden Reaktionen von Adres­sierten und Beobachter/innen.

Diese Auffassung steht neueren Deutungen der Austin‘schen Sprechakttheorie nahe, die nicht das sou­ve­räne oder autonome Subjekt als „intentionalen Ursprung und Zentrum seines Handelns“ ansehen, son­dern den Vollzug von Sprechakten als interpersonal (nicht notwendigerweise intersubjektiv!) koor­di­nierte Tätigkeiten deuten. Daraus ergibt sich der Verzicht auf ein Sou­ve­ränitäts- oder Autonomiepostulat, denn das Gelingen invektiver Adressierung ist auf bestätigende An­schlusspraktiken angewiesen. Die Depotenzierung des Sprechersubjekts dokumentiert sich auch da­rin, dass sprachliche Praktiken, die im Akt der Äußerung gar nicht als invektiv intendiert waren, durch eine reaktive Zuschreibungen als invektiv gedeutet werden können und so eine Situation entstehen las­sen, die den ursprünglich Äußernden dazu zwingt, sich in der Rolle des Beleidigers zu verhalten (sei es, dass er sich entschuldigt oder rechtfertigt, sei es, dass er die invektive Wirkung seiner Worte affirmiert). An die Stelle eines Handlungsmodells tritt also ein konflikt- und kontingenzsensibles Aushandlungs­modell, das den intentionalen Akt invektiver Adressierung zugunsten der Relevanz des praktischen Vollzugs (in dem neben Intentionen auch andere Möglichkeitsbedingungen wie etwa Wissensordnungen, mediale Ar­range­ments, habituelle Routinen etc. eine Rolle spielen) des Invektiven relativiert.

Der Begriff der Performativität ist auch insofern ein wichtiger Referenzpunkt des SFB, als er nicht nur an die Sprechakttheorie anschließt, sondern zugleich auch den körperlich habitualisierten, manchmal auch rituellen Charakter invektiver Kommunikation betont: Schimpfworte und Gesten sind oft in hohem Maße stereotypisiert, ebenso die Erwiderungs- und Überbietungshandlungen in Reaktion darauf. Im wechselseitigen Bezug aufeinander sind Interagierende – um mit Goffman zu sprechen – stets bemüht, ihr Gesicht zu wahren, Bedrohungen ihres face abzuwenden bzw. nach einer Verletzung seine Wiederherstellung zu betreiben. Das geschieht in der Regel im Rahmen und auf der Grundlage be­stimm­ter Konventionen durch Interaktions‑ und Kommunikationsrituale. Dieses Modell von Kommu­nikation und Interaktion impli­ziert, dass durch den gemeinschaftlichen Vollzug die im Ritual kon­ventio­na­lisierten Normen und Inten­tionen von den Interagierenden und Kommunizierenden aufgenommen und übernommen werden.

Der Erfolg der Bemühungen zur Verteidigung des face ist nun in hohem Maße variabel, abhängig eben­so von der konkreten Ausgestaltung der Kommunikationen wie von der Position der Sprechenden, der Bil­li­gung des Publikums, der sozialen Kontexte u. v. m. Keine Äußerung mithin ist als solche verletzend, ent­­scheidend sind die jeweiligen Umstände, innerhalb derer sich eine invektive Äußerung als Ereignis konkret realisiert. Der SFB geht dementsprechend davon aus, dass sich Invektiven immer inner­halb eines Geflechts aus kulturellem Wissen, sozialer Normie­rung, medialer Speicherung und situativer Er­mö­glichung mani­festieren. Sie sind eingebunden in den multidimensionalen Verweisungs­zusammen­hang von Insze­nierung, Aufführung, Korporalität und Wahr­nehmung, der die invektive Triade von In­vektierer/in, Invektiertem/Invektierter und Publi­kum jeweils konkret konstituiert. Die Machteffekte invektiver Kommunikation sind daher nicht von vorn­herein fest­gelegt, im Gegenteil: Als Ergebnis performativer Hervorbringung eignet ihnen ein hohes Maß von Kon­tin­­genz, das sich aus dem unkalkulierbaren situativen Zusammenspiel zwischen Akteuren und Zu­schauenden oder Zu­hörenden ergibt.

Dieser geweiteten Perspektive auf den Ermöglichungs- und Wirkungszusammenhang eines invekti­ven Geschehens entspricht das poststrukturalistisch orientierte Subjektverständnis der Praxeologie, in­sofern dort angenommen wird, dass pragmatische Zwecke den Praktiken inhärent sind und von den Ak­teuren als individuelle Intentionen umgedeutet werden. Der Begriff der Praktik verdankt den Arbeiten von Reckwitz, in denen er den „Practice Turn“ in den Sozialtheorien reflektiert, seine neuerliche Konjunktur im deutschsprachigen Raum. Reckwitz begründet die Besonderheit von Praktiken im Vergleich zu anderen kultur- und sozial­theoretischen Konzepten damit, dass ihre Fokussierung es erlaubt, die Materialität sozialer Vollzüge in ihren körperlichen wie dinglichen Dimensionen zu beschreiben, dabei implizite Logiken und effektive Schemata des praktischen Handlungs- und Reaktionswissens zu berück­sichtigen und zudem das span­nungsreiche Verhältnis von routinisierten praktischen Mustern und situativen Adaptions­notwendig­kei­ten und -risiken zu beobachten. Für die Erkenntnisinteressen des SFB erscheint ein solcher Praxisbegriff anschlussfähig, weil er in der Betonung des kontextabhängi­gen Vollzugscharakters von Invektiven und ihrer körperlichen Dimen­sion vorschnelle theoretische Eng­führungen des Forschungsdesigns – etwa auf Interaktion oder Hand­lung – vermeidet und den Teilpro­jekten Beweglichkeit im Umgang mit unterschiedlichen Invektiv-Gegenständen und Invektiv-Konstel­la­tionen ermöglicht.

Schon diese Überlegungen machen deutlich, dass eine umfassende analytische Konzeptualisierung und Untersuchung von Invektivität über die direke invektive Adressierung hinaus­weisen muss auf die kom­­­­plexen (inter)medialen Arrangements, die das Invektive jeweils präfigurieren und rahmen. In viel­facher Hinsicht kann etwa der menschliche Körper zum Medium invektiver Kommunikation werden: als Werk­­zeug von Schmähungen in Gestalt von ‚Stinkefinger‘ oder fica, als Referenzobjekt des Invektiven mit seinen zahlreichen skatologischen oder sexuellen Facetten, als Angriffsziel im Fall körperlicher Norm­­­abweichungen und vor allem auch als Resonanzorgan und unmittelbarer affektiver Seismograf, der noch vor allen Einordnungen in die Register der Politik, der Moral oder des Rechts anzeigt, dass sich eine Invektive ereignet hat. Be­reits der Körper verweist somit über die face-to-face-Situation und die direkte Münd­lichkeit hinaus auf die vielfältigen möglichen Ebenen von invektiver Kommunikation. Entfernung in Raum und Zeit können dabei zur Abkühlung invektiver Kommuni­kation beitragen wie zu deren An­heizung und Multiplizierung. In jedem Fall bedarf es einer genauen Analyse des Zeichenmaterials, der technischen Erzeugungs- und Ver­­brei­tungsmittel wie auch der in Medienangeboten sedimentierten kulturellen Skripte, um so aktuelle Formen des Invektiven in ihren jeweiligen Genealogien zu rekonstruieren. Gefordert ist die Analyse der unterschiedlichsten medialen Realisierungsweisen von Invektivität, ihrer Räum­lichkeit und Zeitlichkeit, ihrer Visualität, ihrer Mate­rialität, ihrer Inszenierungsformen und Re­zeptions­möglich­keiten, nicht zuletzt der oft hybriden Verknüpfung dieser Aspekte, um Invek­tivität in ihren je­weiligen Er­­­scheinungsformen und situativen Einbettungen angemessen zu verstehen. Nach den Medien des Invektiven zu fragen, bedeutet demnach, die unterschiedlichen semantischen und affektiven Res­sourcen und kulturellen Wissensvorräte eines invektiven Geschehens ebenso zu beobachten wie deren materielle und technische Rahmungen und Formatierungen. Der SFB perspektiviert das Invek­tive demnach als einen sich in komplexen medialen Dispositiven und relationalen Gefügen realisierenden Phänomen-Komplex, zu dessen Analyse die Interferenz von Semantiken, Körperpraktiken und technisch-materiell gestützten Insze­nierungs-, Interaktions- und Wahrnehmungsformen berücksichtigt werden muss – wo­bei sich je nach historischem und kulturellem Kontext divergierende Relationierungen der genannten Teil­aspekte von invektiver Performanz ergeben.

c. Emotionen und Affekte

Im Unterschied zu anderen Formen der Verhandlung sozialer Ordnung speist sich die Eindringlichkeit, Relevanz und auch die Penetranz invektiver Äußerungen und Metareflexionen sehr stark aus ihren affek­tiven und potentiell gewaltförmigen Aspekten. Gerade die Dynamiken, die Un­schärfen und die ambiva­lente Offenheit von Invektivität, die alle Versuche zur terminologischen, kategorialen und gattungs­mäßigen Katalogisierung vor große Herausforderungen stellen und Vereinheitlichung un­möglich ma­chen, verweisen auf die immer im Spiel befindlichen Affekte. Vor allem die affektive Wirkung bedingt das Ausgesetztsein der Akteure, die Unausweichbarkeit gegenüber der Invektive. Eine subjektive Ent­schei­dungsoption, sich nicht beschämt zu fühlen, keinen Spaß zu empfinden, besteht häufig nicht oder nur eingeschränkt – Invektivität kann Emotionen synchronisieren und damit Gruppenkohäsion erzwin­gen. Dabei ist die Relation zwischen Invektiven und Emotionen bzw. Affekten vielfältig: Gemäß der oben ausgeführten Multidirektionalität und Multifunktionalität kann Invektivität unter­hal­tend und beschädigend sein, Freude, Spaß und Heiterkeit ebenso evozieren wie Verzweiflung, Angst, Misstrauen, Scham und Wut. Die emotional-affektive Dimension kann da­bei bewusst angesprochen und genutzt, unkontrolliert dynamisiert oder/und auch spontan erfahren wer­den. Zentral für das Forschungsprogramm des SFB ist die systematische kategoriale Ein­beziehung von Emotionen/Affekten. Dabei werden Ansätze der in den letzten Jahren boomenden Emo­tionsforschung genutzt, um das Konzept der Invektivität zu schärfen. Ins­besondere Aspekte der emotionalen Dynamisierung, der affektiven Inklusion von Invek­tivitätszeugen und der Gruppenformation sind ohne die affektiv-emotionale Dimension nicht versteh­bar. Emotionen entstehen im Wechselspiel von Leiblichkeit, Kognition, sozialem System und Kultur. Mit diesem bewusst offen gehaltenen Emotionsbegriff ist es möglich, Anschlussstellen an un­terschiedliche rezente Emotionstheorien für eine analytische Schärfung des Invektivitätskonzeptes zu testen. Je nach Frage­stellung können somit die Erklärungsangebote sozialkonstruktivistischer Emotions­theorien wie auch kognitiver oder philosophischer Emotionskonzepte bzw. Überlegungen der affect studies angeschlossen werden. Die theoretische Debatten, inwieweit Emotionen sozial konstruiert sind und erst durch kognitive Bewertungen formiert werden oder prä­personale Affekt­program­me aufrufen, adressieren Fragestellungen von Subjektivierungskonzepten, Körpervorstel­lungen, Überle­gungen zu rassischen und geschlechtliche Differenzierungen. Die empi­rische Ana­lyse von Invektivität will die konzeptuelle Begrifflichkeit dieser unter­schiedlichen Zugangs­weisen nutzen, um die Erfahrungs- und Funktionsweisen von Beschämung und He­rabwürdigung präziser zu ver­stehen.

Invektivität und Emotionen sind nicht nur unmittelbar aufeinander bezogen, vielmehr sind invektive Interaktion und Kommunikation ohne affektive, d. h. körperliche Grundierung kaum vor­stellbar. Die ge­naue Ausprägung dieser Grundierung im Hinblick auf Konstellationen, Funktionen und Formen, ihre me­diale Übersetzung in die Gesellschaft und ihre sozialen Resonanzen zu analysieren, ist daher grund­le­gend für das Verständnis von Invektivität. Umgekehrt könnte sich Invektivität als Schlüssel­kategorie für den Zu­gang zu den historisch und gesellschaftlich variablen Erscheinungsformen von Affek­ten er­weisen und so einen wichtigen Beitrag zur interdisziplinären Emotionsforschung leisten. Denn als eine besondere Qualität von Invektivität kann gelten, dass sie latente Emotions­ordnungen ma­ni­festiert und evident macht und damit deren soziale Dynamisierungs- ebenso wie ihre medialen Re­so­nanz­potentiale verändert. Die emotionale Intensität, die Invektivität herzustellen vermag, scheint da­mit be­sonders geeignet, die Formierung emotionaler Gemeinschaften, die Ausbildung eines emotionalen Regimes oder auch die Verfasstheit spezifisch normativer Gefühls­regeln, dessen, was erlaubt oder verboten und welche Reaktion auf Beschämung und Beleidigung emo­tional an­ge­messen, akzeptabel oder wünschenswert sei, zu verstehen.

Zu den unmittelbaren emotionalen Wirkungen invektiver Äußerungen gehört, dass sie auf Seiten der In­vektierten Scham, Ohnmacht, Angst oder Wut bewirken können. Je nach Konstellation sind sie dazu angetan, entweder diesen Kreis von Betroffenen in einer Gruppe zu solidarisieren, die Invektierten in Scham zu vereinzeln bzw. den Fluss der Interaktionen zu unterbrechen und damit Spielräume für Kreati­vität, Reflexion, Abweichung oder Protest zu eröffnen. Scham und Beschämung haben in jüngster Zeit besondere analytische Beachtung gefunden, an die der For­schungsverbund anknüpfen soll. Dabei ist insbe­sondere die Bedeutung von Schamzeugen, ihr Bezug zu Normativität und Macht im Zusammenhang mit Invektivität relevant. Auch auf Seiten der Invektierer sind je nach konkreter histo­rischer Verfasstheit vielfältige emotionale Effekte zu beobachten: Ärger, Wut und Haß können sich in invektiven Praktiken ausdrücken, ebenso wie Lust, Überlegenheitgefühl und Stolz. Auch wenn bestimmte Emotio­nen im Zusammenhang mit Invektivität unmittelbar evident erscheinen, steht eine Analyse aus, welche Ge­fühle in welchen Konstellationen mit welchen invektiven Praktiken verknüpft sind.

Von besonderem Interesse sind dabei moralische Gefühle, die analog zur invektiven Konstellation bei be­teiligten Akteuren ebenso wie bei Zeugen relevant werden. Als moralische Emotionen gelten dabei Ge­­fühle, die sich auf moralische Wertungen und Handlungen beziehen, die beobachtet oder erlebt wer­den. Seit Haidts Studien gelten Emotionen und intuitive Wahrnehmungen als grundlegend für morali­sche Bewertungen, die rationalen Abwägungen vorausgehen und in unmittelbarer Beziehung zu sozialen Interaktionen stehen. In diesem Zusammenhang kommt Invektivität als Modus der Affizierung eine zentrale Bedeutung bei der Produktion und Aktuali­sierung moralischer Gefühle zu. Die Rückkopplung dieser moral emotions mit Nor­mativitätskonzepten und sozialer Ordnung eröffnet Einsicht in einen wesentlichen Mechanismus gesell­schaftlicher Transformation.

d. Abwertung und Gewalt

Eng, aber auch komplex und in vielerlei Hinsicht ungeklärt ist das Verhältnis der beiden „Je­der­manns-Ressourcen“ (Trotha 1997, 18) Invektivität und Gewalt. Seine Untersuchung verspricht einen Er­trag in doppelter Hinsicht, sowohl als theoretischer Beitrag zur vieldiskutierten Relation von Sprache und Gewalt als auch als Bereicherung unseres empirischen Wissens über die Dynamiken von Gewalt­diskursen und -praktiken. Gegenwärtig scheint in der soziologischen und geschichts­wissenschaftlichen Debatte eher restriktiv die Exklusivität physischer Gewalt betont zu werden, nicht zuletzt aus der Inten­tion he­raus, die körperliche Verletzung, den Schmerz und die Tötung als ultimative Konsequenzen ge­walt­tätigen Handelns von verletzenden Sprechakten zu unterscheiden (vgl. Gudehus/Christ 2013). Bis­lang übersehen wurde zudem, dass Invektiven nicht allein eine dyna­misierende Wirkung innerhalb der An­bahnung von Gewalt haben können, sondern im manchen Konstellationen – etwa dort, wo normie­rende Schablonen in Form von Genre-Konventionen oder kommunikativen Gattungsregeln zur Verfü­gung stehen (vgl. Kap. 1.2.2.3c) – auch einen gegenteiligen, deeskalierenden oder retardierenden Effekt produ­zieren. So wäre z. B. in der Beschäftigung mit invektiver Rap-Musik nicht allein die verletzende Sprache und das sich hier artikulierende Gewaltpotential näher zu untersuchen. In gegenläufiger Perspektive wäre zugleich zu betonen, dass der Battle-Rap eine kulturelle Praxis darstellt, in der sich die Diffamierung eines Gegners mit Anerkennungsformen und elaborierten Sprachspielen zu einer subkultu­rellen Aus­drucks­weise verbinden kann, die tendenziell eher zur gruppenstabilisierenden Einhegung von Gewalt beiträgt als zu deren Forcierung (vgl. Linden 2011, 1053f.).

In eine andere Richtung weisen Ansätze (Butler 2006; Krämer/Koch 2010), die zunächst einmal jede Benennung, jede Zuschreibung von Eigenschaften als Akt der Gewalt verstehen: Weil jede Benennung eines Individuums, jede Subsumierung eines Einzelnen unter eine begriffliche Kategorie nur bestimmte Aspekte an diesem hervorhebe, es nur aus einer Perspektive heraus adressiere, konstruiere und sozial ver­fügbar mache, gehe die Evozierung von Ordnung im Medium der Sprache und die Realisierung von Gewalt Hand in Hand. Diese Gewalt freilich ist Bedingung der Möglichkeit des Sprechens und damit prin­zipiell vorethisch, sie unterliegt aus analytischer Perspektive zunächst keiner moralischen Beur­teilung.

Allerdings gehen sozialphilosophische und kulturtheoretische Analysen in der Regel über die in diesem Sinn unvermeidliche Gewaltsamkeit sprachlicher Äußerungen hinaus, sie konstatieren gewalt­basier­te Macht- und Ungleichheitsverhältnisse und betten ihre Analysen häufiger in einen moralisch-norma­tiven Diskurs ein. Aus dieser Perspektive ist sprachliche Gewalt die Zuschreibung einer pejori­sierten (Ab­wertung) oder randständigen (Ausgrenzung) Subjektposition an eine Person bzw. die An­gehörigen einer sozialen Gruppe (Foucault; Butler; Bourdieu). Essentiell für das Verständnis von Invektivität ist ins­besondere die Diagnose einer grundsätzlichen Verletzbarkeit des sozial konstruierten symbolischen Kör­pers, die sich aus der Abhängigkeit des Menschen von der Anerkennung der Anderen ergibt, aus der Feststellung, „dass das Subjektsein des Einzelnen überhaupt erst durch die Sprache her­vor­gebracht wird und folgerichtig durch sie auch beschädigt, negiert und zerstört werden kann“ (Krämer 2007, 41; vgl. Honneth 1990). Vor dem Hintergrund der angesprochenen Verletzungsmacht von Sprache ist eine strikte Trennung von sprachlich-symbolischer und materiell-physischer Ge­walt kaum möglich, man denke nur an das Konzept der „Körperkraft von Sprache“ (Gehring 2007), an ein Phänomen an der Grenze zwischen symbolischer Herabsetzung und physischer Ver­letzung wie die Ohrfeige oder den Bil­der­sturm (Blickle 2002). Gerade dieses Oszillieren zwischen symbolischer Herabwürdigung und phy­sischer Gewalt kann auch als strategisches Mittel eingesetzt werden, um Deutungskämpfe um die Be­schaf­fenheit der sozialen Ordnung zu initiieren.

Abwertungen und Verletzungen lassen sich jedoch nicht nur auf einzelne Interaktionen, auf das Sin­guläre der konkreten Situation beschränken, sondern sie ergeben sich nicht zuletzt aus den sozialen Posi­tionen und Strukturen, die den Äußerungen ihre performative Kraft verleihen. So verorten sprach­ana­ly­tische Ansätze im Anschluss an Butler (Hornscheidt 2009, 2011) die Möglichkeit diskriminierenden Sprechens in einem Dispositiv interdependenter Macht­verhältnisse, das strukturelle Diskriminierung her­vorbringt. Macht wird dabei vor allem als die Mög­lichkeit aufgefasst, Normalitätsvorstellungen zu generieren, und sie korreliert mit der Ver­teilung von Ressourcen, seien es symbolische oder materielle. Dis­­kriminierung ist in dieser Perspektive nicht nur ein Akt persönlicher Intentionen und Verletz­bar­keiten, sondern vor allem konstituierendes Merkmal sozialer Strukturen. Der geplante SFB mit seinem weiten Verständnis von Invektivität kann hier anschließen, wobei er allerdings nicht einer Nivel­lierung der Unterscheidung sprachlich-symbolischer und physischer Gewalt das Wort reden will, sondern mittels seiner Vergleichsheuristik eine stärkere Differenzierung anstrebt bzw. die Mehrdeutigkeit von Praktiken in den Blick nimmt, um eine angemessene Konzeptualisierung von invektiver Gewalt über­haupt erst möglich zu machen.

(2) Umrisse einer Konstellationsanalytik

Um die unterschiedlichen historischen Ermöglichungszusammenhänge, die soziokulturellen Rahmungen von Invektivität und die vielschichtigen personellen, raumzeitlichen und diskursiven Situierungen des Invektiven zu rekonstruieren, verwendet der Forschungsverbund den heuristischen Begriff der Konstel­lation. Mit diesem Terminus zielen wir auf die Relationalität und die wechselseitigen Resonanzen unter­schiedlicher Faktoren. Die anvisierte Konstellationsanalyse von Invektivität kann dabei an Über­legungen zu heuristisch fruchtbaren Brückenkonzepten aus verschiedenen Wissenschaftstraditionen an­knüpfen: an die relationale Soziologie von Simmel über Mannheim und Elias bis Goffman; an die philo­sophische Kon­stellationsforschung im Anschluss an Henrich, die untersucht, wie aus dem „dichten Zusammenhang wechselseitig aufeinander einwirkender Personen, Ideen, Theorien, Probleme oder Dokumente“ ein ge­meinsamer „Denkraum“ entsteht (Mulsow/Stamm 2005, 35); oder an eine Dispo­sitivanalyse in der Tradi­tion von Foucault, die das Arrangement von Diskursen und nichtdiskursiven Praktiken, von Wissens­ordnungen und Machtformationen in den Blick nimmt (Bührmann/Schneider 2008). Von besonderer kon­zeptueller Bedeutung für die Untersuchung invektiver Konstellationen sind Entwürfe einer Praxeologie, die – wie in Kap. 1.2.3.b dargestellt – weiter ansetzt als die klassischen soziologischen Handlungs­theo­rien. Was die sozialen Differenzmarkierungen angeht, die ebenso Aus­gangspunkt wie Ziel invektiver Kom­­­mu­nikationsprozesse sind, nutzt die vorgeschlagene Konstella­tionen­analyse das Brückenkonzept der Intersektionalität. Dieses ermöglicht es, die Überschneidungen und Wechselwirkungen verschiedener Dis­kriminierungsressourcen wie Geschlecht, Klasse, Ethnizität und Alter in den Mittelpunkt zu rücken (Winker/Degele 2010; Walgenbach 2012). Damit wird es möglich, wechselseitige Verstärkungseffekte zu beobachten, die vor allem dann in Akten der performativen Her­vor­bringung sozialer Positionierung zum Tragen kommen, wenn Invektiven mehrere dieser Dimen­sionen aufrufen.

Die geplanten Analysen umfassen, wie im Folgenden näher auszuführen sein wird, mindestens die kom­plexe Konstellation von Akteuren mit ihren raumzeitlichen Arenen (a), rollenspezifischen Lizenzen so­wie medialen und materiellen Aspekten, die Funktionsbestimmungen von Invektivität (b) ebenso wie deren weitgespannte Formensprachen (c) und schließlich die epochenübergreifenden wie -spezifischen Ei­gen­heiten von invektiven Phänomenen (d).

a. Akteurskonstellationen, Arenen, Lizenzen und Medien

Jeder als herabsetzend intendierte oder wahrgenommene Akt erhält seine invektive Qualität unter den kon­kreten Bedingungen einer Situation, die ihn ermöglicht und hervorbringt. Die Konstellationsanalytik nimmt demnach ihren Anfang in einer Differenzierung der jeweils konkreten Konstellationen der Akteure und ihrer sequenziellen Dynamiken. Idealtypischer Ausgangspunkt ist aus interaktionstheoretischer Sicht die invektive Triade mit den Positionen Invektierer/in, Invektierte/r und Publikum (vgl. Sten­zel 1986) und ihren jeweiligen Handlungs- und Sinnkontexten, die performativ durch eine invektive Äuße­rung erzeugt wird. Aus poststrukturalistischer Sicht kann sie als diskursives Artikulationsmoment grund­legender Subjektpositionen und Konfliktrelationen aufgefasst werden. Ein wichtiger Anhaltspunkt, um die jeweiligen Ausprägungen, Funktionen und Formen des Invektiven genauer zu fassen, ist also zu­nächst die gründliche Ausdifferenzierung der unterschiedlichen Rollen und durch die Invektive relevant gesetz­ten Eigenschaften nach politischen, sozioökonomischen, genderspezifischen, ethnischen und ge­ne­ratio­nellen Gesichtspunkten. Insofern diese Eigenschaften ihre invektive Qualität nicht zuletzt da­durch er­hal­­ten, dass sie auf der Folie geltender gesellschaftlicher Normalitätsvorstellungen herab­setzen und dabei auch normative Geltungsansprüche implizieren, erlaubt die Rekonstruktion der Inter­aktions­dyna­miken der invektiven Triade auch Rückschlüsse auf soziale, kulturell sedimentierte Ord­nungs­vor­stel­lun­gen, und sie kann hiervon ausgehend daraufhin befragt werden, welche symbolischen und mate­riellen Kon­fliktressourcen in der Situation den Akteuren zur Verfügung stehen und von ihnen geltend gemacht werden.

Das idealtypische Modell der invektiven Triade soll nun nicht reduktionistisch die Vorstellung einer Homo­genität und Linearität des invektiven Geschehens evozieren, sondern im Gegenteil als Ausgangs­punkt für eine Analyse seiner Komplexität, seiner Dynamiken und seiner Praxisformen dienen. So re­sul­tieren invektive Moti­vations­lagen aus einem Geflecht individueller, kultureller und gesellschaftlicher Ein­­flüsse, die sich dann in bestimmten situativen Zusammenhängen zu invektiven Artikulationen ver­dich­ten. Der kommunikative Erfolg von Invektiven hängt davon ab, inwiefern sie von Adressaten und/ oder Publikum als verletzend aufgefasst werden (Deppermann 2005, 2008). Dies lässt prinzipiell auch Raum für Neu- und Umcodierungen des Gesagten. Interaktivität ist also ebenso wie Pro­zessualität eine wesentliche Dimension bei der Analyse invektiver Kommunikation. Entsprechend ist häufig nicht von dis­kreten Einzelinvektiven auszugehen, sondern von kommunikativen Kaskaden wechselseitiger in­vek­tiver Adressierung, von Anschlusskommunikationen, die den invektiven Charakter einer Äußerung re­kursiv aufnehmen, verstärken oder zuallererst erzeugen. Für invektive Triaden sind demnach auch Po­sitions- und Richtungsänderungen sowie diskursive Umcodierungen charakteristisch – Schmäh­ge­mein­schaf­ten wie Pegida ziehen ihre Legitimation häufig aus der Behauptung, Opfer von Invektiven ge­worden zu sein. Zudem können alle Positionen der Triade je nach Abstraktionsgrad der analytischen Be­ob­ach­tung selbst wieder differenziert werden, insbesondere im Hinblick auf die politischen Im­präg­nie­rungen und (impliziten) Adressierungen invektiver Äußerungsformen: Invektierer agieren im Namen des ge­samten „Volkes“; Personengruppen fühlen sich als Teil „der gesamten Nation“ oder einer Religions­ge­meinschaft invektiert; Dritte intervenieren stellvertretend im Hinblick auf die wahr­genommene Ver­letzung der Integrität von Minderheiten und Randgruppen usw. Die Kon­stellationsanalyse verfolgt damit letztlich eine Rekonstruktion der Dynamik invektiver Netzwerke und der darin möglichen relationalen Selbst- und Fremdpositionierungen.

Bei der Analyse der Konstellationen von Akteuren kann es nützlich sein, die Vielzahl möglicher in­vek­­tiver Interaktionsparameter zu systematisieren, von denen einige nachfolgend aufgeführt wer­den können, die aber im Forschungsverlauf überprüft und um weitere Parameter ergänzt werden müssen. Jede in­vektive Konstellation lässt sich, dieser Überlegung folgend, anhand einer Reihe von Gesichts­punkten charakterisieren:

  • Gerichtetheit (adressiert/nichtadressiert),
  • Referenzsubjekte (gerichtet gegen Individuen/Angehörige einer Gruppe),
  • Konventionalität der Mittel (konventionalisierte/tabuisierte Formen),
  • Vermitteltheit (direkt/indirekt),
  • Relationierungen von Sprecher/innen und Adressat/innen (symmetrisch/asymmetrisch),
  • Adressierungsrahmen (öffentlich/nichtöffentlich),
  • ‚Wahrheits‘-Referenz (begründete Aussagen/unbegründete Anwürfe),
  • Iteration (Einmaligkeit/Wiederholung),
  • Resonanz (Sensitivität/Toleranz)
  • situativer Kontext (Erwartbarkeit/Überraschung).

Eng mit der Fokussierung von Rollen und Interaktionsparametern verbunden ist die Frage der raumzeit­lichen Verortung invektiver Konstellationen. Denn diese sind nicht allein durch (typisierte) Akteure be­stimmt, sondern weisen deutliche Bezüge zu den historisch-gesellschaftlichen Kontexten auf, die die Ord­nungen des Sagbaren und performativ Herstellbaren bestimmen, innerhalb derer es zu in­vektiven Kon­frontationen kommt. Daran knüpft die zentrale Forschungsfrage an: Welchen Beitrag leisten Invek­tiven zur performativen Perpetuierung und Stabilisierung von (Wissens-)Ordnungen und Norma­litäts­vor­stellungen? Inwiefern dynamisieren sie diese als diskursive Ereignisse?

In diesem Zusammenhang interessiert sich der Forschungsverbund besonders für die Zeitlichkeit und Räum­lichkeit invektiver Konstellationen. Als zeitlich organisierte Konstellationen wären etwa Karneval, Aufstände und Revolutionen zu nennen, als räumlich konfiguriertes Invektivgeschehen Parlament, Fuß­ball­stadion, Kabarett und Casting-Show. Daneben gibt es aber auch raumzeitlich entgrenzte Formen wie den Shitstorm. Die historisch diversifizierte Erforschung solch unterschiedlicher Arenen des Invekti­ven – vom römischen Forum bis zur Theaterbühne der Gegenwart– als Räume mit je eigenen Hand­lungs­lo­gi­ken, Konventionen, Opportunitätsstrukturen und Aufmerksamkeitsmustern gehört zu den die Teil­pro­jekte verbindenden Querschnittsaufgaben. Dementsprechend werden mit Blick auf die histo­rische und kul­turelle Differenzierung invektiver Konstellationen unterschiedliche Grade von Formalität bzw. Infor­malität in Rechnung zu stellen sein (z. B. Wirtshaus, Stammtisch vs. Sakralraum, formeller Anlass). Hoch­gradig formalisierte Räume können aber attraktiv für tabubrechende Symbolhandlungen werden, vom reformatorischen Bildersturm über die Störung von Weih­nachts­gottesdiensten durch die 68er-Be­wegung bis hin zur Intervention der Performance-Gruppe Pussy Riot (Scharloth 2011; Koch/Nanz 2014). Die Ana­lyse der temporalen Strukturen des Invektiven innerhalb dieser raumzeitlichen Situierung führt auf die Spur der affektiv aufgeladenen Handlungsketten von Schmähungen und Belei­digungen, die sich oft als fast unvermeidliche Eskalationsketten realisieren und erst dann auch in ihrer mittelbaren diskur­siven Reichweite analytisch gefasst werden können, wenn von einer potentiell unbe­grenzten Pro­li­fera­tions­fähigkeit des Invektiven ausgegangen wird.

Mit der raumzeitlichen Verortung jeweils konkreter Invektiven hängt die Frage zusammen, welche in­­vek­­tiven Lizenzen und legitimen Sprecherpositionen auszumachen sind: Wer ist in einer bestimmten Konstellation zu invektiven Akten befugt, von wem werden sie vielleicht gar erwartet? Welches sind die Legitimationsressourcen dieser Lizenzen? Sind sie aus geltenden sozialen Normen oder institutionellen Positionen abgeleitet oder werden fundamentale Wahrheitsansprüche geltend gemacht? Wem sind in­vek­tive Lizenzen versagt, vielleicht sogar jede Reaktion auf eine Herabsetzung? Welche Invektive erhält ihre eigentliche Brisanz durch die Übertretung dieser Lizenzen? Wer ist, in bestimmten historisch-kultu­rellen Situationen, als Adressat von Invektiven tabuisiert (z. B. Gott, Mohammed, Papst)? Gibt es Um­stän­de, unter denen es herabsetzender sein kann, als Adressat einer Beleidigung gar nicht in Frage kom­men zu können als beleidigt zu werden? Was erfährt man über gesellschaftliche Normgefüge, wenn man auf jene schaut, die sich außerhalb des Invektivspektrums befinden, wie sich dies zum Beispiel in vielen histo­rischen und kulturellen Kontexten sehr deutlich in den Differenzierungen der Lizenzen etwa gegen­über Frauen, Alten oder Honoratioren zeigt?

Ob sich Invektiven in einem affirmativen oder in einem kritischen Verhältnis zu bestehenden Macht­ver­hältnissen befinden – ob sie diese erst hervorbringen, sie reproduzieren oder ob sie möglicherweise auf eine Veränderung des Status quo abzielen –, hängt wesentlich von den politischen und diskursiven Feldern ab, in denen sie sich ereignen. Dabei ist von einem paradoxen Spannungsverhältnis zwischen dem Normhorizont einer Gesellschaft und ihres Invektivitätsniveaus auszugehen. Die Wirkungs­kraft von In­vektiven resultiert (zumindest auf den ersten Blick) aus der Überschreitung einer Norm, wobei es sich ebenso um rechtlich fixierte Vorschriften (wie Beleidigungen) wie um informelle Verhaltensregeln (wie Krän­kungen unterhalb der Injurienschwelle) handelt. Natürlich können Invektiven aber auch Aus­druck einer Normerfüllung sein, wenn eine Rolle oder eine Arena Akteuren die Lizenz zum Invektiven zu­weist, wobei sich der Reiz verbaler oder zeichenhafter Aggression hier der Tatsache verdanken kann, dass der­ar­tige Zuspitzungen in anderen Lebenszusammenhängen tabuisiert sind. Invektiven können auch in­sofern Ausdruck herrschender Normen sein, als sie sich gegen zur Diskriminierung freigegebene Min­der­heiten richten; der Judenwitz im Nationalsozialismus oder auch die Schmähung von Homo­sexuellen im gegen­wärtigen Russland stellen keine Normüberschreitung dar, sondern bekräftigen die geltenden Aus­grenzungs­normen. Die klassischen Schelt- und Schimpfworte tragen in der Regel, auch wenn sie rechtlich als Normüberschreitung interpretiert werden können, zu­gleich die Bestätigung der Norm in sich, insofern ein positiver Referenzpunkt mehr oder weniger deutlich mit aufgerufen wird: Wer in der Frühen Neuzeit eine Frau als „Hure“ beschimpfte, bekräftigte damit zugleich die Norm sexueller Ent­haltsamkeit für un­verheiratete Frauen; die pauschale Verwendung von „schwul“ als Beleidigung unter männlichen Jugend­lichen stützt eine heteronormative Ordnungsvorstellung. Das Invektive taugt somit als Sonde zur Ana­lyse komplexer Normhorizonte einer Gesellschaft oder einer Epoche (Popitz 2006; Petersen/Six 2008). Dabei muss die Bedeutung dieser Normen keineswegs eindeutig fixiert sein, wie etwa das Beispiel jener römischen Aristokraten (Brutus = der Dumme; Crassus = der Dicke; Strabo = schielend) mit ur­sprünglich negativ konnotierten Cognomina zeigt, die durch deren Übernahme offenbar ihre ‚Invektiv­kompetenz‘ un­ter Beweis stellen und ihr Prestige steigern konnten (Corbeill 1996).

Weiterhin können im Rahmen der Untersuchung invektiver Konstellationen mehrere normative Schwel­len ausgemacht werden, deren jeweilige Überschreitung das Verhältnis der Invektive zum gesell­schaftlichen Normenhorizont verschiebt. Auch wenn die je geltende Schwelle normativ ‚richtigen‘ bzw. ‚normalen‘ Verhaltens überschritten wird, werden nicht alle Formen der Normüberschreitung direkt sanktioniert; vielmehr gibt es häufig einen Raum für geduldete, zumindest hingenommene Schmähun­gen. Erst wenn eine weitere Schwelle von Invektivität überschritten ist, erfolgen sank­tionierende Reak­tionen (Behrens 2014). Es ist aber auch anzunehmen, dass sich beide Schwellen in einer Gesellschaft situativ oder in der historischen Entwicklung verschieben. So wäre trotz der anhalten­den Geltung des §166 GG heute die 1961 erfolgte Verurteilung von Dieter Kunzelmann und einiger Mit­streiter der Künst­lergruppe SPUR kaum denkbar.

Einen weiteren Komplexitätszuwachs erfährt die hier vorgestellte Forschungsperspektive durch die Ein­­sicht, dass bei der Untersuchung invektiver Konstellationen verschiedene Mediatisierungssphären und dispositive Überlappungsphänomene berücksichtigt werden müssen. Alle drei Positionen der invek­tiven Triade können auf der Ebene physischer oder virtueller Präsenz auftreten, was jeweils unter­schied­liche Effekte auf die Intensität und Dynamik der invektiven Kommunikation haben kann. Hinzu kommen die bereits erwähnten sozialen Kategorisierungen von Akteuren (Alter, sozialer Status, Geschlecht, Grup­pen­zugehörigkeit) und kulturellen Skripten (Rollenmuster, Semantiken, Interdiskurse, Plausibilisie­rungs­­narrative, mediale Formatierungen). In Abhängigkeit davon, inwieweit Invektierer, Invektierte und Publikum füreinander physisch oder virtuell präsent sind, tragen sie zur Situierung und Kontextuali­sierung eines invektiven Geschehens bei, moderieren seine internen Dynamiken (Eska­lationsweisen, An­schlusskommunikationen und Resonanzen) und ermöglichen seine stabilisierenden oder transformie­ren­den Effekte. In Bezug auf die daraus resultierende Frage nach der Epochenspezifik invektiver Kon­stellationen dürfte es dabei von zentraler Bedeutung sein zu klären, ob Anwesenheits­gesellschaften tat­sächlich eine andere Qualität des Invektiven entfalten. Die Frage ist demnach, ob interaktionsnahen stra­tifizierten Gesellschaften, wie Luhmann angenommen hat, eine stärkere Konflik­tualität eigen ist als funk­tional ausdifferenzierten - oder ob die gegenläufige Annahme plausibler ist, dass der Medienwandel zur Erhöhung des ‚Invektivitätspegels‘ einer Gesellschaft führt. Möglicherweise konvergieren diese augen­scheinlich konträren Sichtweisen aber auch darin, dass die neuesten, von Luhmann in seiner Medien­theo­rie nicht mehr thematisierten Strukturveränderungen der Massenmedien gerade durch die Adaption von interaktionsförmigen Kommunikationsmustern gekennzeichnet sind, ohne dass damit die Differenz von Interaktion unter Anwesenheits- oder medialen Bedingungen gänzlich aufgehoben ist (vgl. Wehner 1997).

b. Funktionsbestimmungen von Invektivität

Im Rahmen der vorgestellten Konstellationsanalytik sollen auch Funktionen von Invektivität beschrie­ben werden. Wesentlich ist dabei, dass Effekte des Invektiven als kontingent angesehen werden müssen und sich der Planbarkeit entziehen, weshalb sich einfache Funktionsbestimmungen verbieten. Indem sie Invektierer, Invektierte und (zunächst) unbeteiligte Beobachter kommunikativ aufeinander be­ziehen, er­zeugen Invektiven vielmehr – so unsere Ausgangsthese – eine durch affektive Auf- und Ent­ladungen cha­­rakterisierte Kondensierungsform von Öffentlichkeit. In ihr kann der Allgemeinheits­anspruch so­zialer Rollen und gesellschaftlicher Funktionszusammenhänge tendenziell unterlaufen werden, und abs­trak­te Macht- und Geltungskonkurrenzen können sich in forcierter Weise in per­sonalisierten Zu­schrei­bungen einer „totalen Identität“ (Garfinkel 1967, 210) verdichten. Damit steht Invektivität auf­grund des per­for­mativen Charakters dieser Akte für die konstitutive Ambivalenz sozialer Ordnungen: Einerseits artikulieren sich im invektiven Akt des Zu- und zugleich Über-Jemand-Sprechens implizit oder explizit nor­mativ imprägnierte Gesellschafts- und Zugehörigkeitsvorstellungen sowie Verhaltens­anfor­derungen, die bestehende Ordnungsgefüge durch verletzende Intervention bestätigen, (wie­der)her­stellen und sta­bili­sieren. Andererseits – und dies ist der aus einer struktur­funktionalistischen Sichtweise als dys­funktional erscheinende Aspekt von Invektivität – können aber auch unübersichtliche Situa­tionen entstehen, in denen die Rollen der Interagierenden wie die kommuni­kativen Verläufe vorab nicht voll­ends definier- und planbar sind. Formulierte Ordnungsvorstellungen können somit die Selbstver­ständ­lichkeit des ‚Nor­malen‘ stören und damit selbst zur Inversion der Ord­nung beitragen. Denn oft über­schreitet der invektive Akt die Grenzen des geregelten Sprechens und gibt damit auch gegen das Be­stehende gerichteten Vor­stellungen Raum – ob diese nun strategisch eigene Interessen verfolgen, auf die Durch­setzung einer an­deren Ordnung oder auf die moralische Verurteilung oder Kritik des status quo zie­len. Genau darin zeigt sich die Janusköpfigkeit von Invektivität: Ob sie als Praxis der Stabilisierung oder der Destabilisierung ein­zuordnen ist, ob sie gesellschaftliche Anomie und Vereinzelung forciert oder ganz im Gegenteil Soli­darisierungsprozesse befördert, hängt von einem multifaktoriellen Ermögli­chungs­­zusammenhang ab, dessen historisch und kulturell divergierende Ausprägungen der geplante SFB er­forscht.

Es muss demnach untersucht werden, wann, in welchen Konstellationen, Kontexten und unter wel­chen Bedingungen Invektivität zur Destabilisierung, Erosion und Inversion von sozialen und kultu­rellen Ordnung beiträgt und wann und unter welchen Bedingungen sie deren Stabilisierung, Petri­fizierung und Naturalisierung bewirkt. Die im Untertitel des Antrages genannten ‚Dynamiken der Herabsetzung‘ bezie­hen sich somit auf produktive wie destruktive Potentiale von Invektivität. In jeweils konkreten histori­schen Situationen lässt sich die Verknüpfung bzw. die enge Aufeinanderfolge beider Dimensionen beob­achten: Die gleichen Invektiven, die zunächst eine subvertierende Funktion haben, dienen nach der Durch­­setzung einer neuen Ordnung zu deren Stabilisierung. So befeuerten Invektiven etwa die reforma­torische Bewegung im 16. Jahrhundert, ebenso den Aufstieg des Nationalsozialismus - wurden aber zu­gleich in beiden Fällen zu einer zentralen Signatur des etablierten Protestantismus bzw. National­sozia­lismus.

Die Ursachen und Anlässe von Invektiven, ihre sozialen Einbettungen und größeren Konflikt­szena­rien lassen sich daher nicht restlos mit Analysekategorien erfassen, die ein derart situatives Geschehen auf bloße Funktionserfüllung zurückführen – liegt doch die hier interessierende Eigenschaft von Invek­tivität gerade in ihrem Potential einer situativ gebundenen Irritation gesellschaftlicher Ord­nung. Gleich­wohl ist die Frage nach den Funktionen von Invektivität, solange sie ihre konstitutive Performativität nicht dementiert, für den Projektverbund elementar; sie erlaubt es, mikroanalytische Perspektiven auf die Interaktionsdynamiken und die kulturellen Formen des Invektiven in Beziehung zu setzen zu über­grei­fenden, in Akten und Äußerungen selbst oft latent bleibenden gesell­schaftlichen und geschichtlichen Strukturen und Prozessen. Entsprechend ist die Frage nach den Funktionen im Kontext des Projektver­bunds nicht im Sinne eines Funktionalismus zu verstehen, der das invektive Geschehen restlos auf ihm äußer­liche, in der Analyse vorausgesetzte Strukturzusammenhänge zurückführt, sondern im Sinne einer funktionalen Analyse der immanenten Wirkungsweisen, historisch-gesellschaftlichen Be­zugskontexte und strukturierenden Effekte von Invektivität. Dieser Einsicht folgend muss von einer Pluralität mög­licher Funktionsbestimmungen invektiver Phänomene ausgegangen werden, sowohl hin­sichtlich der dis­ziplinären Perspektiven der Teilprojekte als auch hinsichtlich der Skalierungen des jeweiligen Phäno­mens und seines Bezugskontextes.

Ein naheliegender Ausgangspunkt ist es, invektive Akte und Äußerungen in Hinblick auf ihre sozial ex­kludierenden oder inkludierenden Wirkungen hin zu beschreiben. So wird – etwa im Kontext der Hassreden-Debatte – ihre Funktion in den Mittelpunkt gestellt, Personen, vor allem aber auch ganze Gruppen, soziale Milieus, Ethnien oder Nationen herabzuwürdigen, zu beschämen, zu marginalisieren und auszugrenzen. Seltener beachtet wird ihre integrative Kehrseite, mit der Exklusion der invektiv Adres­sierten eine Inklusion der Invektierer mittels einer Aufwertung der eigenen Person oder der eigenen Referenzgruppe zu bewirken. Diese sozial inkludierenden Aspekte sind insbesondere in den Forschungen zu peergroups herausgearbeitet worden, also auf der Ebene konkreter Interaktionen und Gruppen­pro­zesse. In kleineren und größeren Gruppen können Lästerungen und Schmähungen ebenso dem Ausfech­ten sozialer Positionskämpfe einzelner Mitglieder dienen wie der Schaffung eines Zusammen­halts – ja einer Identität – der Gruppe insgesamt. Dabei können invektive Akte nicht allein zur Konsti­tution und zur Schließung einer Wir-Gruppe mittels Schmähung Anderer dienen, sie entfalten auch – in gleichsam kultivierter, aber dabei immer auch prekär bleibender Form – innerhalb von Wir-Gruppen verbindende Ef­fekte: Diese positiv-integrativen Funktionen von Schmähungen zeigen sich ebenso in den ritualisierten Schmähreden des Humanismus wie im zeitgenössischen Battle Rap. Die Inklusion der Wir-Gruppe kann invektive Kommunikation untereinander einschließen, um gegenseitige ‚Satisfaktions­fähigkeit‘ zu de­monstrieren. Insofern können Invektiven im Extremfall sogar eine Form der Anerkennung darstellen. Andererseits bleibt verbale Aggression aber auch bei dieser integrativen Funktion des Schmähens latent präsent, ja sie wird insofern vorausgesetzt, als gerade die Dispensierung der normalen Gewaltreflexe den befriedeten Binnenraum der Gruppe markiert. Sie kann jedoch auch zu Kippphänomenen führen, weil sie stets prekär bleibt. Die konstitutive Ambivalenz der Aggressivität ver­weist insofern auf die unberechen­bare Seite des Invektiven: Angesichts von dessen affektiv über­wältigendem Potential bleibt diese Art der Gruppenbindung prekär. Inwiefern kann angesichts dieser widersprüchlichen Phänomene überhaupt eine zureichende Funktionsbestimmung geleistet werden? Jedenfalls kann keinesfalls von einem gleich­sam kongruenten Verhältnis von Exklusion und Inklusion gesprochen werden.

Im Schnittpunkt von gesellschaftlichen Praktiken und Diskursen kann das Invektive auch auf der Ebe­ne größerer und nicht auf Anwesenheitskommunikationen konvergierender Gruppen gemeinschafts­bil­dend wirken, so in größeren sozialen Milieus, Nationen, sozialen Bewegungen oder Netzwerken, die im Medium des Invektiven jenseits abstrakter Zugehörigkeiten den Affekt gemeinschaftlicher Zusam­men­gehörigkeit pflegen können. Das gilt etwa für die – tatsächliche oder imaginierte – Mehrheit einer Bevölkerung, die als Schmähgemeinschaft gegenüber den Fremden, den Ausländern, den Flücht­lingen oder dem Islam gleichsam ‚zu sich selbst‘ findet (z. B. Hogan/Haltinner 2015). Das gilt ebenso für Men­schen, die sich als Opfer von Schmähungen kollektiv herabgewürdigt fühlen und gemeinsame Hand­lungs­impulse entwickeln. Dass sich derart konstituierte ‚Opfer‘-Gemeinschaften und die zuvor be­schriebenen Schmähgemeinschaften aber gerade nicht zwangsläufig ausschließen müssen, sondern beide einander verstärken können, dafür steht erneut die Pegida-Bewegung. Eine Steigerungsform der ‚Opfer‘-Gemeinschaft könnte man auch in der weltweiten Empörung („l’outrage global“, Benslama 2006; vgl. Blom 2008; Grenda 2014) muslimischer Gemeinschaften in Reaktion auf die Mohammed-Kari­katuren sehen. Im Anschluss an die in den letzten Jahren intensivierte kultur­wissenschaftliche Emo­tionen­forschung böte sich hier die Chance, Invektivität als Ferment bei der Genese kulturspezifischer und histo­risch variabler emotional regimes (Reddy 2001, 129) oder emotional communities (Rosenwein 2006) zu be­greifen (vgl. Kapitel 1.2.2.3.c). Es gibt freilich auch Opfergruppen, die sich nicht als Gemeinschaften kon­stituieren können, weil sie, wie etwa ‚die‘ Frauen, übergeneralisiert sind oder wie ‚die‘ Fremden aus­schließlich relational bestimmt werden.

Über die inkludierenden und exkludierenden sozialen Funktionen von Invektivität hinausgehend las­sen sich weiterhin Bezüge zu den gesellschaftlichen Funktionsfeldern herstellen, aus denen das Invek­tive seine affektiven Energien speist und auf die es sich jeweils bezieht. Im politischen Feld lässt sich etwa die Nutzung invektiver Aktionspotentiale in hegemonialen Kämpfen beobachten, insbesondere sol­chen um Sicht- und Vernehmbarkeit sowie legitime Sprecherpositionen. Dies kann etwa (im Sinne eines engen Be­griffs des Politischen) innerhalb von Institutionen wie Parlamenten oder Parteien (man denke an den „politischen Aschermittwoch“) geschehen, aber auch (im Sinne eines weiteren Verständ­nisses) in un­scharf begrenzten öffentlichen Arenen oder im Alltag (man denke hier an den nur als Fremd­zuschreibung tauglichen Spießervorwurf). Die Frage nach den politischen Funktionen von Invektivität hat dabei das Potential, auch solche Handlungsmuster und Interaktionsdynamiken sichtbar zu machen, die konträr zu den etablierten wissenschaftlichen Fremd-, aber auch den Selbstbeschreibungen der poli­tischen Akteure liegen, die gemeinhin den rationalen Interessensausgleich und die institu­tionalisierten Verfahrensregeln be­tonen. Bezogen auf das Feld des Ökonomischen können invektive Akte und Äuße­rungsformen in Aus­einandersetzungen um Ressourcen, Märkte und Verteilungsschlüssel ein­gesetzt wer­den (nicht ohne Grund gibt es ein Gesetz zum Schutz vor unlauterem Wettbewerb, das die Herabwürdi­gung des Kon­kur­renten verbietet). Auch hier liegt das Potential der Konstellationsanalytik darin, solche ökono­mischen Kon­fliktaustragungsweisen sichtbar zu machen, die den Vorstellungen des rational han­delnden Akteurs und der durch das Marktkalkül moderierten Interessensverfolgung zuwi­derlaufen oder doch zumindest von ihnen konstitutiv ausgeblendet werden müssen. Auf dem Feld des Religiösen – oder all­gemeiner des Weltanschaulich-Ideologischen – können invektive Akte und Äuße­rungsformen zentral zur Durch­setzung und Stabilisierung absoluter Wahrheitsansprüche genutzt werden, etwa durch die Herab­wür­digung von „Ungläubigen“ oder „Ketzern“, „Abweichlern“ oder „Klassen­feinden“ (Piltz/Schwerhoff 2015). Zugleich können die oben beschriebenen, inkludierenden Effekte auch in diesem Feld zur Grup­pen­bildung und -bindung eingesetzt werden. Im Feld des Rechts können Invektiven etwa dann bestimmte Funktionen erfüllen, wenn sie im Kontext von Normierungsversuchen des legitimerweise Sag­baren ver­wen­det werden, wenn also mit ihrer Hilfe gleichsam im Vorfeld geregelter Verfahren der Norm­setzung oder auch -auslegung Thematisierbarkeitsgrenzen gesetzt werden, die rechtliche Konsequenzen haben, ohne selbst Rechtsform zu besitzen.

Neben den Funktionen, die Invektivität in personen- bzw. gruppenspezifischen Inklusions- und Ex­klusionsprozessen und in gesellschaftlichen Funktionsfeldern erfüllen kann, hat sie weiterhin das Poten­tial, den Konfliktcharakter sozialer Ordnung selbst reflexiv werden zu lassen. Dies ist der Fall, wenn das Invektive selbst zum Thema invektiv geladener Kommunikation und damit zum Einsatz in Konflikten oder zum Gegenstand der Regulierung wird. Auch hier kann von Funktionen des Invektiven gesprochen werden: Einerseits stellt es eine der Voraussetzungen sowohl für ein Akteuren verfügbares und kulturell tradiertes ‚Invektivwissen‘ dar (wie es etwa in den rhetorischen Formenkatalogen sedimentiert ist). An­de­rerseits (und darauf aufbauend) birgt es das Potential, den latenten normativen Charakter gemeinhin als selbstverständlich hingenommener Rollen- und Verhaltensmuster zu identifizieren, um sie so unter­laufen zu können. Das Thematisch-Werden des Invektiven in invektiven Kommunikationen kann bei­spiels­­weise dadurch geschehen, dass die Behauptung, herabgewürdigt worden zu sein, als strategische Ressource in Konflikten eingesetzt wird („Das ging jetzt aber wirklich zu weit/unter die Gürtellinie!“); dass identitätspolitische Positionierungen auf mögliche Effekte von invektivem Handeln Bezug nehmen („Du als Weißer kannst gar nicht Opfer von Rassismus werden!“); oder dass sprachlichen Ausdrücken in sprachkritischer Absicht invektive Bedeutungsaspekte zugeschrieben werden („Das Wort ‚Fräulein‘ ist sexistisch.“). Wir bezeichnen solche Formen der Thematisierung des Invektiven als ‚metainvektiv‘.

Metainvektive Kommunikation kann insofern als eine eigene, herausgehobene Art der Kommunika­tion mit einer eigenen Funktionalität betrachtet werden: Indem das Invektive selbst explizit thematisiert wird, kann es zum Anlass von Reflexion und Debatte und damit auch Gegenstand situativer, institutio­nalisierter oder im gesellschaftlichen Normengefüge kodifizierter Regelungen werden. Metainvektive Äuße­rungen haben ihrerseits aber auch selbst invektives Potential: Die strategische Behauptung etwa, beleidigt worden zu sein, drängt das Gegenüber in die Rolle des Täters; die identitätspolitische Positio­nierung impliziert eine Privilegierung auf Kosten anderer aufgrund eines körperlichen Merkmals (Weiß­sein); die sprachkritische Invektivzuschreibung hat das Potential, alle Benutzer des Wortes „Fräulein“ als Sexisten erscheinen zu lassen. Die mit dem Begriff des Meta­invektiven theoretisierten Phänomene sind also keine bloßen Reflexionen auf Invektivität, sondern ge­hören dem Phänomenbereich des Invektiven selbst an. Ihr invektives Potential speist sich aus dem de­klarativen Charakter der Äußerungen. Dies soll frei­lich nicht heißen, dass nicht auch wissenschaftliche oder sprachphilosophische Arbeiten zum Phäno­menbereich des Metainvektiven zählen können, insofern sie dominant als deklarativ rezipiert werden, wie dies bei den Arbeiten von Lann Hornscheidt teilweise geschieht. Das mit dem Begriff des Meta­invek­tiven verbundene Erkenntnisinteresse zielt somit auf die historischen Effekte und Funktionen, die eine explizite Thematisierung des Invektiven in invektiven Kommunikationsprozessen und für die jeweils histo­rische Extension des Invektiven hat.

c. Formensprachen von Invektivität

Komplementär zu den funktional angeleiteten Analysen ist es für den Forschungsverbund essentiell, auch die historisch und kulturell variierenden Formensprachen einzubeziehen und sie als die Realisie­rungs- und Aktualisierungsweisen von Invektivität zu perspektivieren (vgl. Desmons/Paveau 2008). Häu­fig regellos erscheinende invektive Praktiken entfalten sich immer vor dem Hintergrund der formalen Konventionen von Herabwürdigung, Spott und Beschämung, wie sie in den etablierten Rhetoriken, For­men und literarischen, theatralen oder künstlerischen Gattungen gefasst werden. Sie prägen die (jeweils als Affirmation oder Bruch mit der Konvention denkbaren) Aspekte invektiver Praxis, ihren se­mantischen Gehalt und ihre affektive Aufladung nachhaltig.

Rhetorische, literale und theatrale Gattungen können dabei als Formenarchiv von Invektivität fungie­ren, weil sie in ihren architextuellen Mustern spezifische Modalitäten der Herabsetzung oder Schmähung bereits in­klu­diert haben. Die klassischen Gattungen können aber auch der Regulation des Invektiven dienen, weil sie bestimmte Formen vorgeben, die als selbstverständliche Grenzen einer prinzipiell mög­lichen Pro­life­ra­tion oder Eskalation invektiver Kommunikation wirken. In jedem Fall realisieren sich Invektiven immer vor dem Hintergrund eines invektiven Formen- und Bildgedächtnisses, das manchmal unmittelbar zitiert wird, manchmal aber auch nur mittelbar und weitgehend unreflektiert aktuelles In­vektiv­geschehen infor­miert.

Im Blick auf literarisch und rhetorisch geprägte Gattungen haben sich so für das Invektive spezifische Formen ausgeprägt, die als besondere Text- bzw. Inszenierungstypen bezeichnet werden können. Zu die­sen Gattungen zählen unterschiedliche Formen der Rede (Stroh 2009; Herrick 2015), wie etwa die in An­lehnung an die Lobrede (laus) entwickelte Gattung ihres tadelnden Gegenstückes (vituperatio), für das sich in der Rhetorik die Bezeichnung invectiva oratio etabliert hat (Koster 1980, 2010; Garcia 1995; Helm­rath 2010). Weniger eindeutig ist dagegen die Gattung der Diatribe, die im Hellenismus als Bezeichnung für eine moralphilosophische Rede mit möglichem kritisch-herabsetzenden Inhalt, im Englischen und Französischen dagegen als Bezeichnung für eine Schmährede oder -schrift (wie Pamphlet) fungiert. Die Gattungsbezeichnung Philippika leitet sich dagegen von einem konkreten Bei­spiel, nämlich den Reden des Demosthenes gegen den makedonischen König Philipp II. ab; Cicero hat sie in seinen Reden gegen Marc Anton aufgenommen und auf diese Weise entscheidend zur Ausprägung einer Gattung beigetragen, indem er auf das Muster dieser Reden architextuell rekurriert hat. Grund­sätzlich sind bei allen Gattungen der invektiven Rede eine Vielzahl herabsetzender Topoi beobachtbar, so etwa behauptete negative Eigen­schaften wie Unbeherrschtheit, Rachsucht und Geiz, sexuelle Verfeh­lungen, finanzielle Probleme oder Ab­hängigkeiten etc. (vgl. Craig 2004), deren Repertoire historisch-kul­turell bestimmt und daher in sei­nem je konkreten Gebrauch zu untersuchen ist.

Relevant für invektive Formensprachen ist nicht zuletzt die Satire, die als eigene Gattung (me­nip­peische Satire) in historisch wie kulturell unterschiedlichen Ausprägungen wie auch als Sprech- oder Schreib­­weise in anderen Gattungen (etwa in Dialog, Komödie, Gedicht, Roman) auftreten kann und mit dem Mittel der Übertreibung einen negativ bewerteten Sachverhalt einem angenommenen Ideal gegen­über­stellt und so dem Spott preisgibt. Satirische Schreibweisen reichen von mildem Spott über bestimmte Gegenstände, Zustände und Personen bis zu aggressiven Herabsetzungen von Personen (Meyer-Sicken­diek 2007). Zu den satirischen Formen gehört auch das Epigramm, ein kurzes Gedicht zur Charakteri­sie­rung von Personen oder Sachverhalten, das sich bereits bei den Römern (bspw. Martial) zu einer vorwie­gend satirischen Gattung entwickelt hat. Insbesondere seit der Reformation spielt auch die vorwiegend in Flugblättern und Flugschriften verbreitete Bildsatire eine große Rolle, in der Personen, die an den re­formatorischen Auseinandersetzungen teilnahmen oder im Zentrum der Kritik standen, als Esel, Kat­zen, Drachen, Ungeheuer, Antichrist, Teufelsfigurationen und Instrumente des Teufels etc. abge­bildet wur­den, wobei Bildsatiren und Karikaturen nahtlos ineinander übergehen können. Aus solchen Flugschriften und Flugblättern entstanden in den sich im 18. Jahrhundert durchsetzenden Zeitschriften satirische Schreib­weisen, die im 20. Jahrhundert eigene Formate („Simplicissimus“, „Die Fackel“, „Kladde­radatsch“, „pardon“, „Titanic“) hervorbrachten. Für beide Formate ist als Bildgattung die Karikatur kenn­zeich­nend, die Personen, Typen oder Ereignisse und Situationen verzerrt wiedergibt. Die unter­schied­lichen Bezugs­aspekte formen differente Karikaturentypen wie die Individualkarikatur von be­rühmten oder prominen­ten Personen oder auch charismatischen Gestalten, die als zentraler Bezugspunkt reli­giöser (Jesus, Mo­hammed, Luther) oder politischer Ordnungen (die Kanzlerin, der amerikanische Prä­sident) gelten. Be­sondere Formen der Herabsetzung entwickelt die Typenkarikatur (der Bourgeois, der Spießer, der Jude, der Muslim), die anders als die Individualkarikatur weniger mimetisch orientiert ist, als dass sie die Vor­stellung bestimmter Typen überhaupt erst invektiv prägt. Die Ereignis- (insbesondere tagespolitische Ereignisse), Prozess- (Aufstieg und Niedergang) oder Zustandskarikatur (Geschlechter­verhältnisse, Machtstrukturen) bedient sich demgegenüber vorwiegend der satirischen Verzerrung. Als Bild­medium ist die Karikatur eng mit der Entstehung von Einblattdrucken und den späteren Zeitungen verbunden, jedoch nicht an diese gebunden (Oesterle/Oesterle 1980; Schneider 1988; Lamb 2004).

Strukturell besonders offen für Invektivität sind weiterhin die komischen literarischen und inter­textuell bezogenen Gattungen und Genres wie Parodie, Pastiche, Travestie etc. (Genette 1993), insofern sie auf die Herabsetzung von etablierten ästhetischen Vorbildern, Normen oder Personen zielen. Zu be­achten ist dabei aber, dass sich innerhalb dieser Gattungen und Genres starke Differenzierungsformen des Invektiven beobachten lassen, die von subtilen Formen affirmativ-belustigender Kritik bis zur geziel­ten Depossedierung von Erzähl- und Kunstformen, aber auch der aggressiven Herabwürdigung und sozia­len Vernichtung von Personen und Gruppen reichen können. In dieser Hinsicht besonders wirkmächtig sind Parodien nicht nur in der Literatur, sondern auch auf dem Theater, im Film und in verschiedenen Bildmedien (Skulptur, Malerei, Druckgrafik).

Daneben ist aber auch das jeweilige Ansehen einer Gattung innerhalb des Kunstsystems zu beachten, das hinsichtlich der Bewertung darin aktualisierbarer invektiver Formen bedeutsam sein kann und auf diese Weise die Bewertung invektiver Äußerungsweisen auf der Gattungsebene ermöglicht. So bezieht sich etwa Aristoteles im vierten Kapitel der „Poetik“ auf tadelnde Reden und Spottgedichte und ordnet diese der schlechten Dichtung zu, weil sie unmoralisch und wertzerstörend seien. Der Gebrauch einer Gattung ist insofern geeignet, die Absichten des Kommunikators zu diskreditieren und auf diese Weise ihn selbst zur Zielscheibe zu machen.

Form erlangen invektive Sprechakte darüber hinaus in den zu den Sprachgebrauchsmustern zu rech­nenden Kleinstformen wie Sprich- und Schimpfwörtern, aber auch in Wortspielen und Verball­hornun­gen, die zwischen der Alltagssprache und ästhetischen Formen oszillieren. Insbesondere letztere schei­nen bei Medienwechseln und den erweiterten Beteiligungsmöglichkeiten neuer Medien (Flug­blätter- und Flugschriften; Blogs und soziale Netzwerke) von erheblicher Bedeutung zu sein, insofern sie aufgrund ihrer Mischung aus Witz und formaler Anspruchslosigkeit besondere kommunikative An­schluss­fähigkeit ermöglichen.

Insgesamt lässt sich vermuten, dass bestimmte Medien spezifische invektivitätsaffine Formate aus­bilden, wie etwa die kompetitiven Fernsehshowformate, deren dramaturgisches Konzept nicht primär darauf beruht, einen Sieger zu küren („Talent“- und Schönheitswettbewerbe wie „American Idol“), son­dern darauf, die beteiligten Akteure dem voyeuristischen Blickregime öffentlicher Herabsetzungs- und Beschämungslust auszusetzen (z. B. „Dschungelcamp“ oder „Promi Big Brother“). Der Gegensatz zwi­schen Theater, Film und Fernsehen besteht dabei in erster Linie darin, welche der Elemente der invek­ti­ven Triade in einem Raum kopräsent sind und welche nicht, was entscheidende Folgen hin­sichtlich der Wahr­­nehmungs- und Verhaltensmodi des Publikums haben kann. Durch die jeweiligen Medien, die vari­ierende Skalierungen von Nähe und Distanz bedingen, wird ein unterschiedlich aus­ge­prägtes Gefälle zwischen dem Ausgestelltsein der Beobachteten und der Präsenz oder Entzogenheit der Beobachter ge­neriert.

Angesichts der zahlreichen invektiven Formen und Gattungen wird in der Arbeit des SFB zu fragen sein, in welcher Weise sie sich hinsichtlich ihrer Gerichtetheit und Referenzobjekte (Personen oder Gegen­­stände), ihrer Aggressivität sowie der gewählten Aspekte der Herabsetzung (komische, ver­lachen­de, demütigende oder sozial vernichtende Akte) unterscheiden und in welcher Weise sie mit der jewei­ligen Streit- und Konfliktkultur vermittelt sind (Schöne 1986). Deutlich über die bekannten „struk­tu­rierten literarischen Formen“ (Koster 1980, 39) hinausgehend ist somit zu untersuchen, in welchen (bild‑)sprachlichen bzw. rhetorisch-performativen Konventionen sich das Invektive in unterschiedlichen soziokulturellen und medialen Ermöglichungszusammenhängen realisiert, ob und wie mobil diese Kon­ven­tio­nen historisch sowie über Medien- und Kulturraumgrenzen hinweg zirkulieren und wie sie invek­tive Praxis und deren gesellschaftliche Wirkungspotentiale beeinflussen.

Besondere Aufmerksamkeit an der Grenze zwischen Form- und Funktionsanalysen verdient auch die ästhetische Dimension des Invektiven. Kunstwerke und Inszenierungen können auch jenseits des selbst­referentiellen Bezugssystems der Kunst zum Anlass heftiger De- und Renormalisierungs­kommunika­tio­nen werden (z. B. der Karikaturenstreit). Umgekehrt können symbolisch-sprachliche Praxen der Herab­würdigung zur Erhöhung ihrer Durchschlagskraft Mechanismen der ästhetischen Her­stellung von An­schaulichkeit und der inszenatorischen Aktivierung von Affekten nutzen (Bsp. „The Apprentice“). Das Ästhetische, so eine Grundüberlegung, generiert in besonderer Weise ein eigenes praktisches und theo­retisch-explikatorisches Wissen über die Wirkungsweisen sowie formalen und medialen Register bild­lich-semantischer Evidenz. Dieses ist, in doppelter Weise, für den geplanten Forschungsverbund rele­vant: Zum einen kann auf der Gegenstandsebene analog zu anderen gesellschaftlichen Funktionsfeldern da­nach gefragt werden, inwieweit sich ästhetische Veränderungs­dynamiken nahezu zwangsläufig in einem Modus des Invektiven realisieren – sei es, dass herrschende Kunstprogrammatiken aus der Her­absetzung des Neuen Beharrungskräfte zu gewinnen trachten, sei es, dass ästhetische Innovationen zumindest einen Teil ihrer Überzeugungskraft aus der Diskreditierung des Alten herleiten (z. B. in Form von Parodien oder Manifesten). Zum anderen kann auf einer Metaebene das Ästhetische selbst als eine Beobachtungs- und Gestaltungspraxis zweiter Ordnung aufgefasst werden, die fremdreferentielle Invek­tiven unter­stützt, indem sie eine Naturalisierung von Werturteilen betreibt (z. B. antisemitische Kunst) oder aber invektivgesättigte soziale und politische Konstellationen dadurch unterläuft, dass sie die normativen Geltungsansprüche, Begründungsnarrative und Semantiken in ihrer Kontingenz beobachtbar und kriti­sierbar macht (z. B. in der Ethno-Comedy; vgl. Koch 2015).

Invektivität geht jedoch in den herkömmlichen Gattungen keineswegs auf, ohne dass man davon aus­gehen kann, dass es neben den hochgradig artifiziellen Gattungen nur scheinbar ungeregelte Alltags­kommunikationen gibt. Um die Austauschprozesse zwischen artifiziellen Formen und Alltags­kom­muni­kationen analytisch zu schärfen, rekurriert der Forschungsverbund auf den Begriff der kom­munikativen Gattungen. Dieser eignet sich in besonderer Weise, um ästhetische Schemata, ihre diffe­renten Reali­sie­rungsweisen, Mischungen und alltagssprachlichen Aneignungen zu beschreiben. Unter kommunikativen Gattungen verstehen wir (in Anlehnung an Luckmann (1986), Günthner/Knoblauch (1994, 695f.), Buben­hofer (2009) und Knoblauch/Schnettler (2010)) solche kommunikativen Vorgänge, die typisch wieder­kehrende Muster ausprägen, an denen sich Akteure einerseits orientieren können, von denen sie anderer­seits geprägt werden. Kommunikative Gattungen bilden damit für bestimmte Akteure, Situationen und Funktionen ein Muster für invektive Kommunikation, nach dem wiederkehrend ge­handelt werden kann. Ähnlich wie ästhetische Gattungen prägen sie zugleich Erwartungshorizonte, d. h. Erwartungserwar­tun­gen, die einen wichtigen Aspekt invektiver Praktiken und Konstellationen bilden.

Kommunikative Gattungen unterscheiden sich von den mit dem literaturwissenschaftlichen Gat­tungsbegriff erfassten ästhetischen Gattungen insofern, als dieser literarische, rhetorische, bildliche und mediale Text- und Inszenierungstypen bezeichnet, während der Begriff der kommunikativen Gattung spezifische Muster von Kommunikation zur Sicherung und Vereinfachung kommunikativer Anschluss­fähigkeit erfasst. Kommunikative Gattungen können daher als Gattungen verstanden werden, die die spe­zifisch ästhetisch, rhetorisch und strukturell geformten und in der Literaturwissenschaft beschrie­benen Text- und Inszenierungstypen im Hinblick auf deren Sprachgebrauchsmuster, kommunikativen Muster und Stilformen aktualisieren, (re‑)inszenieren oder dekonstruieren, aber auch souverän ignorieren kön­nen. Es ist davon auszugehen, dass die Modi des Invektiven zu fluide, transformierbar und an unter­schied­liche kommunikative Situationen anpassbar sind, als dass sie in einer Liste von Gattungen auf­gehen würden. Es stellt sich von daher die Frage, ob in der Moderne die Relevanz ästhetischer Gat­tungen für die Realisierung von Invektivität gegenüber den kommunikativen Gattungen insgesamt ab­nimmt oder ob umgekehrt die kommunikativen Gattungen ästhetische Formen zunehmend prägen.

d. Historische Perspektivierung von Invektivität

Eine weitere zentrale Dimension der Konstellationsanalyse wird die historische Situierung von Invektiv­phänomenen sein. Dies umfasst die Herausarbeitung von epochenspezifischen Ausprägungen wie auch das Aufzeigen epochenübergreifender Gemeinsamkeiten (vgl. z. B. Azoulay/Boucheron 2009): Welche Are­nen des Invektiven gibt es zu einer gegebenen Zeit, welche Lizenzen erteilt eine Gesellschaft welchen Funktionsträgern, um legitim und öffentlich schmähen und lästern zu dürfen? Gerichtsredner und (Hof‑)Narren in der Vormoderne sowie Kabarettisten und Comedians in der Gegenwart wären z. B. In­haber invektiver Lizenzen mit einer offenkundig sehr unterschiedlichen Autonomie und Funktions­zu­weisung. Aber auch anderen Rollenträgern wurde und wird das Recht auf heftige Schmähungen und Pole­miken zugestanden, den Predigern ebenso wie politischen Akteuren, für die der ritualisierte ver­bale Schlag­­­abtausch gleichsam zum Geschäft gehört und die Lagerbildung performativ bestärkt. Wie um­fangreich ist das Repertoire invektiver Praktiken bzw. welche Äußerungsformen können potentiell als invek­tiv gerahmt werden? Welche medialen Voraussetzungen (Buchdruck, Internet) evozieren spezi­fische epochentypische Invektivarenen und welche epochenübergreifenden bzw. distinkten Modi der Invektiv­kommunikation sind darin zu beobachten? Welche Markierungen sozialer Differenzierung treten zu bestimmten Zeiten besonders in den Fokus invektiver Kommunikation? Wie verhalten sich die ein­zel­nen Dimensionen zueinander, etwa Geschlecht und ständische Lage in Spätmittelalter und Früher Neu­zeit, wo sich z. B. erweist, dass fluchende Männer in Herrschaftspositionen ihre Machtposition mar­kie­ren, Männer in niederen Strata der Gesellschaft und, mehr noch, Frauen dagegen sich mit ähnlichen Sprech­akten selbst sozial marginalisieren (Schwerhoff 2005)?

Die Analyse von epochentypischen Ausprägungen und epochenübergreifenden Gemeinsamkeiten bzw. Unterschieden zieht die Frage nach sich, inwieweit bestimmte Epochen durch die jeweiligen Aus­prä­gun­gen von Invektivität zu charakterisieren sind. Derartige Spezifitäten sind in der Geschichts­wis­senschaft wiederholt thematisiert worden. So hat bereits Jacob Burckhardt das agonale Prinzip bei den Griechen als Besonderheit der Antike herausgestellt, wobei er vor allem den unerbittlichen Wett­kampf und die Kon­kur­renz unter den Adligen vor Augen hatte. Einen zentralen Brennpunkt derartiger Debatten in der sozial- und geschichtswissenschaftlichen Forschung stellt das Problem der Ehre dar, das bereits von den Klassikern der Soziologie (Weber, in neuer Zeit Bourdieu) behandelt wurde und seit gut zwanzig Jahren auch die geschichtswissenschaftliche Forschung beschäftigt (Frevert 1991; Schreiner/Schwer­hoff 1995; Speitkamp 2010). Mehr und mehr ist die schlichte Vorstellung eines Transformations­prozesses pro­ble­matisch geworden, in dessen Verlauf die ständische Kollektivehre der Vormoderne durch das Konzept der inneren Würde in der Moderne abgelöst, die Ehre mithin ‚obsolet‘ (Peter Berger) geworden sei (Burk­hart 2006, 75ff.; Vogt/Zingerle 1994). Hier ist zu prüfen, ob die Virulenz von Invektivität in der Moderne möglicherweise darauf hindeutet, dass es sich bei der Ehre keineswegs um eine vormoderne, auf die ständische Gesellschaft begrenzte Erscheinung handelt (Frevert 1991; Ludwig 2016). So stellt das for­ma­­lisierte Duell in Deutschland tendenziell eine vergleichs­weise moderne Praxis im Übergang zur bürger­lichen Gesellschaft dar. Praktiken der Ehrzuweisung, der invektiven Ehrentziehung und des Um­gangs mit Ehrkonflikten in diachroner Perspektive könnten einen differenzierten Zugang zu epo­chen­typischen Ausprägungen von sozialer Ehre und Aner­kennung (Honneth 1990) eröffnen und über stereo­type Wahr­nehmungen von Ehre als ‚archaische Potenz‘ oder ‚anthropologische Konstante‘ hin­ausführen. In die gleiche Richtung weist die überraschende Wiederkehr von Blasphemie-Diskursen in der globali­sier­­ten Moderne, deren systematische Analyse und historische Einordnung für den SFB ein attraktives For­­schungs­­feld eröffnet.

An diesen Beispielen zeigt sich, dass das Invektivitätskonzept geeignet ist, gängige historische Groß­erzählungen zu überprüfen. Dazu wäre mit einer ergebnisoffenen Heuristik zu untersuchen, ob und wie die westlichen Kulturen in Geschichte und Gegenwart in spezifischer Weise von Invektiven geprägt sind. Entwickelten die westlichen Gesellschaften seit der Antike besondere Mechanismen, um mit dem Stress umzugehen, unter den sie durch Schmähungen und Lästerungen gesetzt wurden? Inwiefern gab es Tole­ranz­­spielräume für verbale Aggressionen, die Eskalationen verhinderten? Oder spielt(e) Invektivität so­gar umgekehrt eine wichtige Rolle für die Integration sozialer Ordnungen? Stellt sie gar ein not­wendiges katalysatorisches Moment für eine dynamische Gesellschaft dar? Können spezifische Invek­tiven wie die­jenige gegen den ‚Spießer‘ als vorgebliche Exponenten einer passiven und konformistischen Mittel­schicht gesellschaftliche Transformationsdynamiken befördern? Gleichsam als starkes Gegenbild zur her­­kömmlichen Großerzählung wäre also der Frage nachzugehen, ob die Wurzel einer modernen euro­päischen Streitkultur in der spezifischen Lästerungskultur der Vormoderne liegt oder ob die west­liche Moderne differente Umgangsweisen mit Invektivität entwickelt hat und inwieweit das eine oder an­dere als eine neuartige, invektivitätstheoretisch informierte Perspektive für den Vergleich mit nicht­west­lichen historischen und modernen Kulturräumen tauglich ist.

Aufgrund seiner breiten historischen Anlage kann der SFB Invektivkonstellationen über die Unter­suchung ihrer jeweiligen konkreten Ausprägungen hinausgehend in einem Vergleichshorizont situieren, der von der Antike bis zur Gegenwart reicht. Dabei setzt er zunächst an zwei historischen Knotenpunkten an: zum einen bei der Epoche der späten römischen Republik und des frühen Kaiserreichs bzw. des frühen Christentums, in der nicht ohne Grund die reichhaltigen Formenensembles invektiven Sprechens kano­nisiert worden sind; zum anderen an der Wende vom Mittelalter zur frühen Neuzeit, wo mit Renaissance­humanismus, Medienumbruch und Reformation neue Anlässe und Ausprägungen des Invektiven jenseits der Anwesenheitskommunikation entstanden. Unter der Perspektive einer Geschichte der gegenwärtigen Konjunkturen des Invektiven, die möglicherweise einen weiteren historischen Knotenpunkt indizieren, eröffnet der SFB einen historischen Vergleichshorizont, in dem aktuelle Invektivkonstellationen ihr zeit­spezifisches Profil gewinnen. Dieser historische Verfremdungseffekt kann dann auch in reziproker Weise genutzt werden, um geläufige Geschichtsnarrative wie jenes von einer zunehmenden Versachlichung ge­sellschaftlicher Aushandlungsprozesse kritisch zu überprüfen. Dieses letztlich auf die Auf­klärung zu­rück­gehende Motiv hat schließlich maßgeblich dazu beigetragen, die soziale, politische und kulturelle Produktivität des Invektiven systematisch zu verdunkeln. Vielversprechend erscheint in dieser Hinsicht die für die Arbeit des SFB in einer möglichen zweiten Förderphase avisierte Relektüre zentraler Auf­klä­rungs­erzählungen, deren invektiver Gehalt und invektive Praxis – so die Vermutung – sehr viel höher zu ver­anschlagen sind, als es die gängigen Selbstbeschreibungen der Epoche vermuten lassen (Oesterle 1986; Gierl 1997; Goldenbaum 2004; Pečar/Tricoire 2015; Martus 2015).

 

[1]     Zum Beispiel Matsuda 1993; Neu 2008; Larochelle 2007; Moïse 2008; Conley 2010; Beers Fagersten 2012; Gauger 2012.

[2]     Etwa Beard 2014; Casagrande/Vecchio 1991; Lobenstein-Reichmann 2013; Fuchs 1999; Emig/Jarzebowski 2008; Czech 2010; Speitkamp 2010.

[3]        Die folgenden Überlegungen versuchen, einige zentrale Schneisen in ein Forschungsfeld zu schlagen, das nur unvoll­ständig und näherungsweise abgebildet werden kann.

[4]        Überblick bei Nullmeier 2000, 148ff. Hirschi 2005, 258ff.; Laureys/Simon 2010; Richter 2005.

[5]     Eder 1994, 1998. Polemogenität ist im Übrigen nicht zu verwechseln mit der von Gaston Bouthoul initiierten „Polémologie“ im Sinne einer Erforschung des Krieges.

[6]        Diese Bestimmung, die den Prozesscharakter von Kommunikation betont, steht in gewisser Nähe zu Luhmanns generalistischer Definition als Einheit von Mitteilung, Information und Verstehen (Luhmann 1984).

[7]     Vgl. die Kritik von Butler 2006, 138ff. und die Austin-Lektüre bei Habermas 1981, Bd. 1, 427ff.

[8]     Zu den Grundlagen einer kulturpragmatischen Medientheorie, die in je unterschiedlicher Perspektivierung und Ak­zentsetzung die konkreten Austauschprozesse zwischen kulturellen Organisationsformen, Zeichenverwendungen und materiellen Artefakten zu beschreiben erlaubt, vgl. u.a. Krämer/Bredekamp 2003; Schüttpelz 2006.

[9]     Auch die Terminologie (invehor = u. a. ich gehe auf jemanden los) spiegelt dieses aggressiv-emotionale Moment.

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Letzte Änderung: 10.01.2018