07.08.2017

Nachruf auf Martin Roth

Die Philosophische Fakultät der Technischen Universität Dresden trauert um Prof. Dr. Martin Roth. Mit Bestürzung haben wir die Nachricht vom Tod dieses weltweit agierenden Museumsmanns und Hochschullehrers aufgenommen.

Nach einem Studium der Empirischen Kulturwissenschaft und einer sich anschließenden Dissertation über die Geschichte und Funktion des Heimatmuseums in Deutschland führten ihn Forschungsaufenthalte und eine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter zunächst nach Paris und an das Deutsche Historische Museum in Berlin, bevor er ab 1991 die Entwicklung der Dresdner Kultur- und Wissenschaftslandschaft in entscheidendem Maße prägen sollte. War es in den ersten Dresdner Jahren das Deutsche Hygiene-Museum, das er gemeinsam mit dem Ko-Direktor Martin Vogel  durch eine mutige Neuausrichtung und spannende Ausstellungen innerhalb der europäischen Museumslandschaft zu etablieren verstand, beförderte er seit 2001 als Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) maßgeblich deren heutiges internationales Renommee und erwarb sich durch zahlreiche Ausstellungs- und Kooperationsprojekte einen Ruf, der ihn 2011 als ersten Deutschen an die Spitze des Londoner Victoria & Albert Museums führte.

Unmittelbar nachdem er nach Dresden gegangen war, zeigte Martin Roth sich verbunden auch mit der Technischen Universität Dresden. So brachte er seit 1993 im Rahmen mehrerer Lehraufträge Studierenden der Fachbereiche Pädagogik, Geschichte und Soziologie museumspädagogische Inhalte sowie die Bedeutung des Dresdner Kunst- und Kulturquartiers nahe. Weitere Lehraufträge und Gastprofessuren nahm er in Karlsruhe und Hannover wahr, wohin ihn seine zeitweise Tätigkeit als Leiter des Themenparks der Expo 2000 geführt hatte.

Im Jahre 2003 wurde Martin Roth im Rahmen des Studienganges „Kultur & Management“ am Institut für Soziologie der TU Dresden (der unter seiner Mitwirkung später in der Dresden International University fortgeführt wurde) zum Honorarprofessor für „Kulturpolitik und Kulturmanagement“ ernannt; übrigens legte er auf den zuletzt genannten Bereich auch als Generaldirektor der SKD besonderen Wert, verstand sich (wie es auf seiner Visitenkarte stand) explizit als „General Manager“ dieses großen Museumsverbundes. In Großbritannien wurde es eher als in Deutschland anerkannt, dass gerade seine erfolgreiche Arbeit am Londoner „V & A“ (das 2016  zum „Museum of the Year“ gekürt wurde) auf seiner Fähigkeit beruhte, ein großes Haus zu führen und zugleich nicht nur Impulse  zu geben, sondern auch Bedingungen für deren Realisierbarkeit zu schaffen. Im Mittelpunkt stand sein Interesse an einer weltweiten Vermittlung von Künsten und Kulturen. Deshalb war sein Entsetzen über alle Formen eines Neo-Nationalismus groß, sei es in der Form des Brexit, sei es in einer rechtspopulistischen Abwehr des „Fremden“ und Unvertrauten, wie sie mit PEGIDA gerade auch in Dresden besonderen Zulauf hatte. Insofern war sein Engagement für eine „offene Gesellschaft“ ein Moment der Kontinuität in allen seinen Aktivitäten – bis zuletzt.

Als Hochschullehrer konnte er seinen Ideenreichtum und seine internationalen Erfahrungen mit Ausstellungen mit den Studierenden teilen, war ein Meister auch der Kontaktherstellung, durch welche er ihnen manche Tätigkeit im Berufsfeld des Kulturmanagements zu vermitteln wusste. Überhaupt gelang es ihm, eine enge Verbindung zwischen den Dresdner Museen und der Universität zu intensivieren und in Forschung und Lehre eine anregende und fruchtbare Zusammenarbeit zwischen den Institutionen zu fördern. Ihm ist es zu verdanken, dass die SKD sich zu einem speziellen Forschungsmuseum entwickeln konnten, wobei es ihm immer um angewandte Forschung ging, auch als Leiter des „V & A“, wo er in Kooperation mit dem dortigen beachtlichen Research Department das in Dresden Begonnene weiterentwickeln konnte.

Nicht nur die Dresdner Kultur- und Wissenschaftsinstitutionen haben seinem Einsatz und seinem Gespür viel zu verdanken. Uns als ehemaligen Kolleginnen und Kollegen sowie seinen ehemaligen Studierenden wird er vor allem als kluger, wahrlich weltoffener und inspirierender Vermittler der Kulturen in Erinnerung bleiben.

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Frank Pawella
Letzte Änderung: 10.08.2017