AKTUELLE PROJEKTE
DAS PLANBARE UND DAS UNVERFÜGBARE
MODELLE VON TRANSZENDENZ UND GEMEINSINN IN ARCHITEKTUR UND
STÄDTEBAU IM 20. JAHRHUNDERT
In architektonischen Visionen, im Gebrauch und in
der Wahrnehmung von Architektur manifestieren sich
Konstruktionen gesellschaftlicher
Identität.
Architekturhistorisches Teilprojekt im
Sonderforschungsbereich 804 „Transzendenz und Gemeinsinn“,
Projektleiter: Prof. Dr.-Ing. Hans-Georg Lippert
www.sfb804.de
Die Architektur des 20.Jahrhunderts entstand im Kontext eines
umfassenden sozialen und gesellschaftlichen Wandels, der
einerseits eine euphorische Aufbruchsstimmung auslöste,
andererseits aber auch als krisenhaft und bedrohlich erfahren
wurde. Der eine Pol dieses Spannungsfeldes manifestiert sich in
Strömungen, die den technisch-sozialen Entwicklungsprozess als
Fundament für neue, gerade auch architektonisch formulierte
Ideen von Gemeinsinn nutzen. Ihr Leitbild ist die Metaphysik
der Maschine, die Verfügbarmachung des bisher Unverfügbaren zur
Schaffung einer besseren Welt. Ihr Feindbild das in Tradition
Gebundene und dem Zugriff Entzogene. Der andere Pol wird
markiert durch Entwicklungen, die der modernen Kontingenz mit
Visionen entgegnen, die das Bauen an Unhinterfragbares und
Unverfügbares anbinden. Angesichts der als beunruhigend
empfundenen „transzendentalen Obdachlosigkeit“ (Georg Lukács)
suchen sie Halt in der Tradition, in der Geschichte und im
zeitlos Gültigen. In ihrem Kontext werden Bildende Kunst,
Architektur und Städtebau zum Fels in der Brandung, zur
Kompensation für den Verlust früherer Glaubenswahrheiten.
Aus diesem spannungsvollen Bezugsrahmen werden im
baugeschichtlichen Projekt des Dresdner
Sonderforschungsbereichs 804 „Transzendenz und Gemeinsinn“ fünf
Themenfelder bearbeitet, die an Kristallisationspunkten dieser
Entwicklung stehen und wechselseitig aufeinander bezogen
sind.
Die Ruhe nach dem Sturm. Konstruktionen von
Identität im Wiederaufbau Frankreichs, Belgiens und Ostpreußens
nach 1914
Dr.-Ing. Kai Krauskopf
Der Erste Weltkrieg zeichnete eine Schneise der Zerstörung
durch Europa. Architektur rückte als bedrohtes Kulturgut in die
öffentliche Wahrnehmung und erlangte hinsichtlich ihres
identifikationsstiftenden Symbolwerts für die Gemeinschaft
nationale Wichtigkeit. Ein die Kriegshandlungen sekundierender
propagandistischer Kampf um kulturelle Überlegenheit schrieb
auch Bauten und Kunstwerken in der Provinz mit einem Male den
Wert höchster und spezifisch nationaler Kultur zu. An
Fallbeispielen in Belgien und Nordfrankreich sowie im Bereich
Ostpreußen werden die Mechanismen sowohl zur Heimatbindung, wie
zur Transzendenz und Gemeinsinnbildung erforscht.
Homogenität und Diversität. Konstruktionen von
Identität im Wiederaufbau Frankreichs nach 1940
Dipl.-Ing. Kerstin Zaschke
Der französische Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg
markiert eine Phase der Umbrüche nicht nur unter politischen
und sozioökonomischen, sondern auch unter städtebaulichen und
architektonischen Aspekten. Anhand ausgewählter Städte sowie
des zeitgenössischen Diskurses wird erforscht, wie Architekten
und Stadtplaner versuchten, die Städte neu zu strukturieren und
gleichzeitig das historische Erbe zu sichern: Trotz ihrer
materiellen Zerstörung blieb die historische Stadt als ein
Fundus von „Zeichen“ bestehen, der beispielsweise in der
Verwendung ortstypischer Materialien gezielt als
Identifikationspotenzial eingesetzt wurde.
Topos und Polis. Zentrale Stadträume und
Gemeinschaftsbauten in Frankreich und Deutschland
1900-1960
Prof. Dr.-Ing. Hans-Georg Lippert
Die unruhige Zeit der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts
erweckte den Wunsch nach dauerhaft symbolischem Ausdruck in
Architektur vor allem dort, wo politische und soziale Werte
traditionell kulminieren. Einer modernen und säkularen
Gesellschaft war es jedoch nicht mehr möglich, für die
zentralen Stadträume und Gemeinschaftsbauten die alten
Institutionen wie Kirche oder Patriziat zu bemühen. Anhand von
Planungen für Industriestädte in Deutschland und Frankreich
wird untersucht, welche Werte in den neu errichteten Zentren
ihren Ausdruck finden, und ob der politisch-moralische Anspruch
mit dem verwendeten gestalterischen Apparat zur Deckung zu
bringen ist.
Campus als Kosmos. Amerikanischer
Universitätsbau 1890-1940
Dr.-Ing. Anke Köth M.A.
Um 1900 wurden für die inzwischen etablierten amerikanischen
Universitäten vermehrt Gesamtplanungen in historisierenden
Stilen errichtet, die den „Geist der Universität“ verkörpern
sollen. Die Angehörigen dieser Universitäten verstanden sich in
einem hohen Maße als Gemeinschaft, die sich durch den
gemeinsamen Studienalltag konstituiert, für den wiederum die
Architektur den Rahmen bietet. Hier können gleichsam unter
Laborbedingungen Transzendierungsmechanismen und die
Generierung von Gemeinsinn untersucht werden: In welcher Form
strukturiert Architektur diese „Heimat auf Zeit“ und darüber
hinaus auch die Erinnerung an sie?
Materialität und Bedeutung. Bautechnologie und
Architekturwahrnehmung im 20. Jahrhundert
Dr.-Ing. Andreas Schwarting (ab WS 2011/12
Professur für Baugeschichte Hochschule Konstanz)
Ungeachtet des seit dem 19. Jahrhundert diskutierten
Zusammenhangs zwischen Konstruktion, Material und Form, der
sich bis heute in der Forderung nach „Materialgerechtigkeit“
und „konstruktiver Ehrlichkeit“ niederschlägt, hat sich erst in
jüngster Zeit ein Bewusstsein der spezifischen Materialität der
Architektur der Moderne herausgebildet. Hier gilt es zu
untersuchen, in welcher Weise Materialien mit Bedeutungen wie
„Modernität“ oder „Tradition“ aufgeladen werden und in welcher
Beziehung dabei die materielle Architekturoberfläche als
Schnittstelle zwischen Bauwerk und Benutzer mit deren medialer
Vermittlung in Literatur, Fotografie und Film steht.
un|planbar
Die jährlich stattfindende Tagungsreihe beleuchtet vier für
alle Projektbereiche relevante Themenfelder:
Weltbaumeister und Ingenieur. Der Architekt als „Rivale
des Schöpfers“.
17.-18. Juni 2010 [Link Flyer ]
Planungen des 20. Jahrhunderts sind häufig von einem
Universalitätsanspruch geprägt, da sie von einem Architekten
ausgeführt werden, der alles vorausdenkt und als „Gestalter
einer Totalität des Lebens“ (Hans Poelzig) auftritt. Er
konstruiert Gemeinsinn ex nihilo und verkörpert Transzendenz in
eigener Person.
Agora und Void. Die Inszenierung der Mitte in
Architektur und Städtebau.
23.-24. Juni 2011 [Link Flyer]
Architektonische Visionen menschlichen Zusammenlebens gipfeln
häufig in monumentalen Gemeinschaftsbauten. Für diese Bauten
wird oft kein Inhalt vorgeschlagen, an die Stelle
traditioneller Symbolisierungen von Transzendenz wie Kathedrale
oder Schloss tritt der leere, wenngleich baulich überhöhte Ort
oder sogar der von materieller Substanz losgelöste,
metaphorisch überhöhte Begriff.
Mensch und Maschine. Die Technik als Mittel der
Transzendenzerfahrung.
Die industrielle und maschinelle Produktion von
Architektur wird einerseits als „notwendiges Übel“ einer
rationellen und kostengünstigen Bauproduktion angesehen,
andererseits als „Taylorized Beauty of the Mechanical“ gelobt.
Bereits 1912 pries Henry van de Velde Maschinen als „Geschöpfe
einer höheren Stufe“.
Unbehaustheit und Heimat. Die Stiftung von
Gemeinsinn durch Traditionalismus und durch eine neue
Bürgerlichkeit.
Nicht nur die Kirchen möchten der modernen
Immanenz ein Transzendenz und Gemeinsinn stiftendes Modell
entgegensetzen, das in der Vergangenheit verankert wird. Auch
im Alltag sollten die Verwerfungen der Moderne aufgefangen
werden im Sicherheit versprechenden supranationalen Phänomen
der neuen Bürgerlichkeit.
Interuniversitäre Forschergruppe unter Beteiligung der TU
Dresden, TU Darmstadt, Bauhaus Universität Weimar, HCU
Hamburg
Prof.
Dr.-Ing. habil. Hans-Georg Lippert
Dr.-Ing.
Kai Krauskopf
Dipl.-Ing. Kerstin Zaschke
Das Lehrgebiet Baugeschichte des Instituts für Baugeschichte,
Architekturtheorie und Denkmalpflege (IBAD) der TU
Dresden veranstaltet eine Tagungsreihe zum Thema "Neue
Tradition".
Die Veranstaltungen richten sich an Forscher, die sich in ihren
Arbeiten mit den Themenkomplexen "Stuttgarter Schule",
Heimatschutzarchitektur" und "Nationale Bautraditionen"
beschäftigen.
Die nächste Tagung findet am 10. Oktober 2008 in Dresden statt.
Wir danken allen Forschern für die Einreichung ihrer
Vortragsvorschläge. Das Tagungsprogramm wird zur Zeit
erstellt.
ABGESCHLOSSENE
FORSCHUNGSPROJEKTE
Architektur als Behauptung von Institutionalität und
Geschichtlichkeit
Teilprojekt im Sonderforschungsbereich 537 „Institutionaliät
und Geschichtlichkeit“
Prof. Dr.-Ing. Hans-Georg Lippert
Dipl.-Ing. Anke Köth M.A.
Dr.-Ing. Kai Krauskopf
Dipl.-Ing. Andreas Schwarting
Thema des Teilprojekts ist die Konstruktion fiktiver
historischer Kontinuitäten, Verwurzelungen, Eigengeschichten
und Entstehungsmythen, ausgedrückt in Architektur.
Hauptgegenstand der Betrachtung sind Beispiele einer
absichtsvoll historisierenden und zitierenden Architektur in
den Vereinigten Staaten von Amerika im späten 19. und im 20.
Jh., schwerpunktmäßig in der Zeit zwischen 1900 und 1970.
Das Teilprojekt wird in drei Themenschwerpunkte untergliedert.
Themenschwerpunkt I Boulevard of broken dreams beschäftigt sich
mit historisierenden und eklektizistischen US-amerikanischen
Kirchen- und Museumsbauten des 20. Jahrhunderts sowie mit der
dieser Architekturentwicklung zugrunde liegenden
Vergleichbarkeit der Denk- und Handlungsmuster zwischen den USA
des 20. Jahrhunderts und dem Imperium Romanum der frühen
Kaiserzeit. Dies gilt sowohl für die Spielarten der
synkretistischen Aneignung historischer Kulturtraditionen als
auch für den aus dieser Aneignung abgeleiteten
allgemeinverbindlichen zivilisatorischen Anspruch und die auf
ihm basierenden Visionen einer besseren Welt unter der „gütigen
Hegemonie“ einer Supermacht. Parallel dazu untersucht
Themenschwerpunkt II Manhattan Transfer die in derselben Zeit
sich vollziehende Entstehung der Hochhausstadt, mit deren
Formensprache und deren metaphorischer Aufladung als „Neues
Jerusalem“, als city upon a hill oder, in kulturkritischer
(häufig europäischer) Sicht als „Neues Babylon“. Zu diesem
Betrachtungshorizont gehört auch das Heraufkommen der
europäischen Moderne, die eine spezielle Geschichtskonzeption
formuliert und ihrerseits den Anspruch erhebt, eine
Zukunftsmacht mit universalem Gültigkeitsversprechen zu sein.
In einer zweiten Bewilligungshase soll der Themenschwerpunkt
III ab 2006 den Bezug zu Europa verdichten, indem er den Konnex
zwischen der Entwicklung in den USA und europäischen
Architekturtendenzen der jüngsten Vergangenheit herstellt und
generell der Frage nachgeht, wie die amerikanischen Bauten und
Debatten in Europa während der letzten hundert Jahre rezipiert
und bewertet wurden. Im Rahmen des Forschungsprojekts findet
regelmäßig das Symposium Building America statt.
Building America
Dresdner Symposien zur US-amerikanischen Kultur- und
Technikgeschichte
Eine große Erzählung
Kanonisierung
(29.-30.11.2007)
Kulturexport (22.06.2007)
Identitätsfindung (17.11.2006)
Migration der Bilder
Immigration und
Exil (16.06.2006)
Eigenbilder - Fremdbilder (21.10.2005)
Kultur - Ästhetik – Wahrnehmung (10.06.2005)
Die Erschaffung einer neuen
Welt
Fortschritt - Technik - Geschwindigkeit
(04.12.2004)
Macht - Autorität - Moral (23.04.2004)
Identität - Geschichte - Gedächtnis (13.03.2003)
nähere Informationen unter Tel.: +49 351 463 35779
Die Beiträge der Symposien sind in folgenden Sammelbänden
publiziert:
- Anke Köth, Anna Minta, Andreas Schwarting (Hrsg.):
Building America. Die Erschaffung einer neuen
Welt. Dresden 2005 (Link TUDpress )
- Köth, Anke; Krauskopf, Kai; Schwarting, Andreas (Hrsg.):
Building America. Migration der Bilder,
Bd. II, Dresden 2007 (Link TUDpress )
- Köth, Anke; Krauskopf, Kai; Schwarting, Andreas (Hrsg.):
Building America. Eine große Erzählung, Bd.
III, Dresden 2008 (Link TUDpress )
Planung und Bau eines Schutzgebäudes über den Ruinen eines
hellenistischen Peristylhauses in Pergamon
Dr.-Ing. Andreas Schwarting
Der so genannte Bau Z, ein hellenistisches Peristylhaus in
Pergamon (Türkei) wurde in den Jahren 1990 - 1993 im Rahmen der
deutschen Ausgrabungen in Pergamon freigelegt. Dabei kam eine
reichhaltige und kostbare Ausstattung mit sehr gut erhaltenen
Mosaiken der römischen Kaiserzeit (1.Jh. n. Chr.) zutage,
außerdem konnten zahllose Fragmente einer hellenistischen
Wanddekoration des Ersten Pompeianischen Stils (1.Jh. v.Chr.)
geborgen werden. 1996 - 2004 wurde über der nördlichen Hälfte
des ca. 1500 qm großen Gebäudekomplexes ein von Dr.-Ing. Martin
Bachmann und Dr.-Ing. Andreas Schwarting konzipierter Schutzbau
errichtet, um die erhaltene Ausstattung dauerhaft zu schützen
und Besuchern zugänglich zu machen. Die Durchführung des
Projekts lag in den Händen des Deutschen Archäologischen
Instituts, Abteilung Istanbul.
Nähere Informationen auf der Website des Deutschen
Archäologischen Instituts, Abteilung Istanbul.
Literatur:
Martin Bachmann, Andreas Schwarting: Pergamon Bau Z. Schutzbau
über römischen Mosaiken. Dresden 2005. (Link TUDpress )
Martin Bachmann, Andreas Schwarting: Der antike Bau Z. Ein
Schutzbau für Mosaikfußböden in Pergamon. In: Bauwelt 37/2005,
S. 30-33.
Expressionistische Architektur in Dresden
Ausstellungsprojekt des Lehrstuhls für Baugeschichte
Prof. Dr.-Ing. Hans-Georg Lippert
Dipl.-Ing. Tanja Scheffler
Im Rahmen der Dresdner Festwochen "Brücke 100: Hundert Jahre
Expressionismus" fokussierte das studentische
Ausstellungsprojekt die architektonische Facette dieser
Kunstbewegung. Ausgehend von einem Überblick über die Merkmale
und wichtigsten Vertreter dieser Architekturströmung wurden
expressionistische Gebäude Dresdens in Form von Fotografien,
Zeichnungen und Text vorgestellt.
Die Ausstellung fand im Transformatorengebäude des
ehemaligen Heizkraftwerks Mitte, Wettiner Platz, vom 25.06.2005
bis zum 10.07.2005 statt. Ergänzend dazu gab es Vorführungen
von expressionistischen Filmen und Architekturrundgänge.
Filmveranstaltungen:
Der Magier - Dokumentarfilm über Hans Poelzig
(24.06.2005)
Der Golem, wie er in die Welt kam, 1920, Regie: Paul Wegener
(25.06.2005)
Metropolis (restaurierte Fassung), 1926, Regie: Fritz Lang
(26.06.2005)