13.02.2026
Deutsche Import- und Infrastrukturprojekte für grünen Wasserstoff nehmen Gestalt an
Die Transformation unseres Energiesystems zu einer Wasserstoffwirtschaft ist ein komplexer Prozess, bei welchem einzelne Erfolge und Entwicklungen oft ungesehen bleiben. Im Nachfolgenden haben wir deshalb einige wichtige Entwicklungen zu Import- und Infrastrukturprojekten der Wasserstoffwirtschaft in Deutschland und deren Relevanz für das Boysen-TU Dresden-Graduiertenkolleg zusammengefasst.
Indien: Großauftrag für grünes Ammoniak
Die bereits 2024 geschlossene Vereinbarung zum Import von grünem Wasserstoff aus Indien wird konkret. Im Rahmen des Besuchs von Bundeskanzler Friedrich Merz in Indien wurde ein Liefervertrag über grünes Ammoniak zwischen dem indischen Unternehmen „AM Green“ und der fast vollständig verstaatlichten deutschen "Uniper SE" unterzeichnet. Der Vertrag sieht ab 2028 die Lieferung von bis zu 500.000 Tonnen pro Jahr vor. Dies entspricht etwa einem Fünftel des aktuellen deutschen Ammoniakverbrauchs. Das Abkommen ist ein zentraler Baustein der bilateralen Wasserstoff-Kooperation, die durch jüngste Handelsvereinbarungen mit Indien auf EU-Ebene weiter gefestigt wurde (ausführlich dazu: https://www.uniper.energy/news/de/uniper-und-am-green-unterzeichnen-langfristigen-abnahmevertrag-ueber-bis-zu-500000-tonnen-erneuerbares-ammoniak-pro-jahr-aus-indien).
Saudi-Arabien: Energiepartnerschaft für grünen Wasserstoff
Parallel zu dem Importvertrag mit Indien wurde mit Saudi-Arabien eine umfangreiche Energiepartnerschaft besiegelt. Kernpunkte sind der Aufbau einer Wasserstoff-Infrastruktur sowie die Lieferung von grünem Ammoniak (Presseinformation des Bundeswirtschaftsministerium: https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Pressemitteilungen/2026/01/20260131-delegationsreise-nach-saudi-arabien.html). Die Vereinbarung wurde während der Delegationsreise von Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche unterzeichnet. Unter anderem sicherte sich das Leipziger Unternehmen „VNG“ entsprechende Liefermengen. Der Transport soll per Schiff über den Rostocker Hafen erfolgen, wo das Ammoniak vor Ort in Rostock in Wasserstoff umgewandelt und in das Wasserstoff-Kernnetz eingespeist wird.
Wasserstoff-Kernnetz: Fortschritte beim Pipeline-Ausbau
Aktuell forcieren zahlreiche Projekte den Ausbau des Wasserstoff-Kernnetzes mit großem Nachdruck. Die geplante Pipeline zwischen Dänemark und Deutschland erhält nun zusätzliche staatliche Milliardenförderung beider Länder, um eine Fertigstellung bis 2030 zu gewährleisten (weitere Informationen hier: https://tyskland.um.dk/de/news/wasserstoff-pipeline). Andere Abschnitte sind bereits weiter: Eine 400 Kilometer lange Leitung von Lubmin (Ostsee) bis nach Bobbau (Sachsen-Anhalt) wurde bspw. bereits von Erdgas auf Wasserstoff umgestellt und befindet sich aktuell in der Testphase (mehr dazu: https://www.gascade.de/presse/presseinformationen/presseinformation/gascade-nimmt-400-kilometer-wasserstoff-kernnetz-in-betrieb).
Importe und Infrastrukturprojekte: Welche Fragen bleiben offen?
Das geplante Wasserstoff-Kernnetz bildet ein essenzielle Fundament, um grünen Wasserstoff sowohl für Produzenten als auch für Verbraucher wirtschaftlich attraktiv und wettbewerbsfähig zu gestalten. Dennoch bleiben zentrale Fragen der Marktentwicklung ungeklärt: Wer wird den grünen Wasserstoff in industriellen Mengen abnehmen, und zu welchem Preis?
Wie bereits in unseren News vom 30.01.2026 dargelegt, schreitet der Ausbau der Elektrolysekapazitäten innerhalb Deutschlands nur mühsam voran. Es steht die kritische Frage im Raum, ob die umfangreichen Importverträge mit Partnerländern den Aufbau einer heimischen Produktion durch entstehende Wettbewerbsnachteile eher hemmen als fördern. Genau an dieser Schnittstelle setzt die Forschung des Boysen-TU-Dresden-Graduiertenkollegs an. Die aktuellen Entwicklungen verdeutlichen die hohe Relevanz der Arbeiten in Cluster E („Wasserstoffimporte aus der MENA-Region im Vergleich zur Wasserstofferzeugung in Deutschland“) sowie Cluster H („Techno-ökonomische Modellierung von Wasserstoff-Wertschöpfungsnetzwerken“), die wissenschaftliche Grundlagen für fundierte energiepolitische und wirtschaftliche Entscheidungen schaffen.