Kurt Beyer

Kurt Beyer (1881 - 1952)
Erinnerung an einen bedeutenden Statiker und Bauingenieur


veröffentlicht in: Bautechnik 79(2002)5, S. 335-339
hier publiziert mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung des Verlages Ernst & Sohn, Berlin, Redaktion Bautechnik



Anläßlich des 50. Todestages von Prof. Dr.-Ing. Kurt Beyer wird an den bedeutenden Statiker und Bauingenieur erinnert. Dabei werden sein wissenschaftliches Werk, seine herausragenden Leistungen als Ingenieur, der Mensch und seine Ausstrahlung auf nachfolgende Ingenieurgenerationen gewürdigt.

Kurt Beyers Wirken ist auch heute - 50 Jahre nach seinem Tode - noch spürbar. Diese Wirkung gründet sich auf sein wissenschaftliches Werk, seine erfolgreiche Tätigkeit als Ingenieur bei vielen Bauaufgaben und seine außergewöhnliche Persönlichkeit. Die Alma mater dresdensis ehrt Kurt Beyer - einen ihrer großen Wissenschaftler - durch die Namensgebung Beyer-Bau für das Bauingenieurgebäude und den jährlich für hervorragende Diplom- und Doktorarbeiten vergebenen Kurt-Beyer-Preis. Im Jahre 1981 beging die Technische Universität Dresden die 100. Wiederkehr seines Geburtstages mit einem akademischen Festakt. Hier soll anläßlich seines 50. Todestages an den bedeutenden Statiker und Bauingenieur erinnert werden.

Bild 1: Kurt Beyer (1881-1952)

Bild 1: Kurt Beyer (1881-1952)

Bild 2: Beyerbau der TU Dresden

Bild 2: Beyerbau der TU Dresden

Das wissenschaftliche Werk

Das wissenschaftliche Werk Kurt Beyers ist eingebettet in das Wirken bedeutender Bauingenieure und Professoren an der Technischen Hochschule Dresden. Genannt seien: Otto Mohr, Professor für Technische Mechanik, Festigkeitslehre und Graphische Statik von 1873 bis 1900, Georg Mehrtens, Professor für Eiserne Brücken von 1897 bis 1913, und Willy Gehler, Professor für Festigkeitslehre, Statik und Stahlbrückenbau von 1913 bis 1945.

In die Jahre vor Beyers 1919 erfolgter Berufung an die Technische Hochschule Dresden als Professor für Statik der Baukonstruktionen und Technische Mechanik fallen die Entwicklung des Eisenbetons und des Spannbetons, der Bau der ersten dünnwandigen Flächentragwerke in Eisenbeton und der Bau großer Eisenbrücken.

Vor diesem historischen Hintergrund ist das 1927 nach etwa fünfjähriger Arbeit erschienene Hauptwerk Kurt Beyers "Die Statik im Eisenbetonbau" zu sehen. Von der Fachwelt wurde es sofort als eine besondere Leistung gewürdigt. In der Westdeutschen Bauzeitung schrieb der Rezensent: "Man möchte das abgegriffene Wort 'epochemachend' für dieses Werk anwenden, denn es bringt grundsätzlich Neues." Gotthard Franz, Assistent Beyers von 1928 bis 1931, später Professor für Massivbau in Karlsruhe, charakterisiert dieses bedeutende Buch 1978 mit den Worten: "Dieses Werk sehe ich noch heute als den Abschluß der klassischen Statik an, aufgebaut auf dem Prinzip der virtuellen Arbeiten" /2/. Sowohl wegen des Umfanges von etwa 800 Seiten als auch wegen der anspruchsvollen Darstellung wurde dieses Buch bald als "Beyer-Bibel" tituliert.

Beyer bevorzugte in seinem Buch die deduktive Methode und entwickelte - ausgehend von den Bedingungsgleichungen für Gleichgewicht, Verträglichkeit und Stützung - die dualen Formen der Kraftgrößenmethode und der Deformationsmethode. Als Unbekannte der Deformationsmethode werden Knotendrehwinkel und bei sogenannten verschieblichen Systemen statt der Knotenverschiebungen Stabdrehwinkel eingeführt; elastische Stabdehnungen gerader Stäbe wurden erst in der zweiten Auflage seines Buches berücksichtigt. Das Gleichungssystem wurde so reduziert, daß es mit den Rechenhilfsmitteln seiner Zeit gelöst werden konnte.

Bild 3: "Statik im Eisenbetonbau" 1. Auflage: S. 462 Abb. 297

Bild 3: "Statik im Eisenbetonbau" 1. Auflage: S. 462 Abb. 297

Bild 4: "Statik im Eisenbetonbau" 1. Auflage: S. 463, Gl. (269) die ersten beiden Zeilen

Bild 4: "Statik im Eisenbetonbau" 1. Auflage: S. 463, Gl. (269) die ersten beiden Zeilen

Beyers "Statik im Eisenbetonbau" erschien zeitgleich mit der "Theorie der Rahmentragwerke auf neuer Grundlage" von L. Mann /3/; vorausgegangen war Ostenfelds Veröffentlichung zur Deformationsmethode /4/. Bemerkenswert ist die in sein Buch aufgenommene Systematik zur Lösung linearer Gleichungssysteme. Neben der direkten Lösung von Gleichungssystemen behandelt er auch deren iterative Lösung. Die Weiterentwicklung der iterativen Lösung von Gleichungssystemen (Gauss-Seidel, Gauss-Southwell) führte später zum Cross-Verfahren /5/ und zum Verfahren von Kani /6/. Auch der Begriff Matrix, der uns heute bei der Formulierung baustatischer Zusammenhänge geläufig ist, wurde bei der Lösung linearer Gleichungssysteme schon von Beyer eingeführt. Die Differenzenrechnung wird als numerische Lösung zur Berechnung von Platten angewendet.

Der Anwendung der theoretischen Grundlagen auf im Bauwesen häufig verwendete Stabwerke wie Stockwerkrahmen, Rahmenträger, Silozellen, Bogenträger, Kreisringträger oder Trägerroste wird in dem Buch breiter Raum eingeräumt.

Von weiteren Veröffentlichungen, an denen Beyer als Autor oder Herausgeber beteiligt war, seien genannt:

  • Abschnitt Baustatik im Taschenbuch für Bauingenieure,
    erschienen im Springer-Verlag, 1928
  • Handbuch der Baustatik (2 Bände),
    erschienen im Springer-Verlag, 1933, 1934
  • Abschnitt Baustatik im Handbuch für Bauingenieure (Hrsg.: F. Schleicher),
    erschienen im Springer-Verlag, 1943, bearbeiteter Nachdruck, 1949
  • 3. Auflage der Technischen Mechanik von Otto Mohr,
    erschienen im Verlag Ernst u. Sohn, 1928
  • Elasto-kinetische Untersuchungen über Turbinenfundamente,
    Sonderdruck der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke, 1928
  • Statik für Großgeräte des Braunkohlenbergbaues,
    2. Int. Kongreß der Vereinigung für Brücken- und Hochbau, München, 1936

Beyer nahm vielfältige Öffentliche Aufgaben wahr. Dazu gehörten seine Mitarbeit im Schriftleitungsausschuß der ZAMM seit 1930, seine Tätigkeit als beratendes Mitglied des Deutschen Beton-Vereins seit 1929 und die Mitgliedschaft im Deutschen Ausschuß für Stahlbeton; 1949 wurde er ordentliches Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften in Leipzig, 1950 der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Berlin und 1951 der Deutschen Bauakademie in Berlin.


Der Planer und Erbauer beeindruckender Ingenieurbauten

Das Schaffen des bauenden Ingenieurs Beyer kann in drei Phasen unterteilt werden: seine sechsjährige Auslandstätigkeit in Siam (heute Thailand), die Zeit bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges und die Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg.

Eine ausführliche und detaillierte Würdigung der von Kurt Beyer maßgeblich geplanten und in der Bauausführung geleiteten Ingenieurbauwerke ist in /7/ vorgenommen worden. Hier sei nur ein summarischer Überblick gegeben.

Während seiner Tätigkeit in Siam (1908-1914) plante und leitete er unterschiedliche Bauprojekte; u.a.

  • Stahlbrücken, z.B. die  Bondora-Brücke über den Menon mit Druckluftgründung (Bild 5),
  • die Hafenanlage von Bangkok,
  • die Planung des Königspalastes oder
  • den Bau von Eisenbetonbrücken.

Bild 5: Bondora Brücke über der Menon

Bild 5: Bondora Brücke über der Menon

In die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen fallen vorrangig

  • die Gründung seines Ingenieurbüros (1929),
  • die Errichtung der stählernen Straßenbrücke über die Elbe bei Dresden-Kaditz (Bild 6) - die damals
    größte Vollwandträgerbrücke in Europa,
  • der Bau der Elbbrücke in Meißen und die Leitung der Verstärkungsarbeiten an der 1893
    von C. Köpcke gebauten Elbbrücke  "Blaues Wunder" in Dresden-Loschwitz (Bild 7),
  • die Planung stählerner Abraumförderbrücken zum Braunkohlenabbau,
    z.B. die Förderbrücke der Grube Espenhain (Bild 8),
  • der Bau des Pumpspeicherwerkes Niederwartha bei Dresden mit Staubecken,
    Turbinenanlagen und Druckrohrleitungen 3200 mm (Bild 9).

Bild 6: Straßbrücke über die Elbe bei Dresden-Kaditz

Bild 6: Straßbrücke über die Elbe bei Dresden-Kaditz

Bild 7: Elbbrücke "Blaues Wunder" Dresden-Loschwitz

Bild 7: Elbbrücke "Blaues Wunder" Dresden-Loschwitz

Bild 8: Förderbrücke der Grube Espenhain

Bild 8: Förderbrücke der Grube Espenhain

Bild 9: Pumpspeicherwerk Niederwartha bei Dresden

Bild 9: Pumpspeicherwerk Niederwartha bei Dresden

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war er als Leiter der Hauptabteilung Bauwesen der Landesregierung Sachsens auch wesentlich am Wiederaufbau der zerstörten Dresdner Brücken beteiligt - und dies stets neben seiner umfangreichen Lehrtätigkeit in den Fächern Technische Mechanik, Festigkeitslehre, Statik der Baukonstruktionen und Stahlbau.

Der Mensch Kurt Beyer

Beyer galt einerseits als streng und dabei manchmal gar als etwas rauhbeinig, andererseits war er für seine Menschlichkeit, Aufrichtigkeit, Hilfsbereitschaft, Güte und große Arbeitsintensität bekannt. Vielleicht war die rauhe Schale auch nur sein Schutzschild.

Sein unerschütterlicher Gerechtigkeitssinn kommt in folgender Begebenheit zum Ausdruck: "Nach der Röhm-Revolte 1937 erließ Hitler im völkischen Beobachter einen Aufruf an die SA-Führer mit dem Grundtenor, sich in ihrem Lebensführungsstil zu mäßigen, z.B. die Benutzung großer Wagen zu unterlassen. Ein Student der Bauingenieurabteilung hatte diesen Erlaß ausgeschnitten, durch Randbemerkungen mit Bezug auf den damaligen Studentenschaftsführer, der gleichzeitig SA-Studentensturmführer war, ergänzt und an das Schwarze Brett der Bauingenieurabteilung geheftet. Dabei war er offensichtlich gesehen worden, denn er wurde kurz danach aus dem Zeichensaal heraus verhaftet. Als Beyer, der zu dieser Zeit Abteilungsvorstand war, davon erfuhr, rief er sofort den StuSchaFü zu sich. Dieser hatte sich trotz hochsommerlicher Temperaturen über seine Uniform einen leichten Uniformmantel gezogen, so daß an seinem Kragen 12 Sterne zu sehen waren. Als er anklopfte, brüllte Beyer 'herein', stürzte auf die Tür zu und fuchtelte ihm mit der Hand vor dem Gesicht herum: 'Ob Sie da 6 oder 12 Sterne ha´m, macht auf mich überhaupt keinen Eindruck. Vor Ihnen hab´ch keine Angst, ich hab´ früher in Siam die Tiger mit der Hand gefangen.' Am nächsten Tag war der Student wieder im Zeichensaal" /2/.

Begabte Studenten und Assistenten erfuhren stets seine Unterstützung, so auch W. Flügge, der von 1925 bis 1928 Beyers Assistent war und später zum Professor für Mechanik in Stanford berufen wurde. Als die Technische Hochschule Dresden 1931 ein Reisestipendium für die USA zu vergeben hatte und Flügge kein großes Interesse zeigte, sich zu bewerben, sagte Beyer einfach: "Natürlich haben Sie Interesse. Sie gehen für ein paar Monate nach Amerika." Im nachhinein bekennt Flügge: "... alles, was ich hier (USA) erlebt und getan habe, hat eine seiner Wurzeln in jener Reise"/2/.

Seine Assistenten und Doktoranden profitierten von dem schöpferischen Klima am Lehrstuhl. Beispielsweise initiierte Beyer mathematische Seminare, die durch die Teilnahme des Dresdner Mathematikers E. Trefftz besondere Bedeutung erlangten. Der Einfluß Kurt Beyers auf seine Mitarbeiter wird treffend auch von Professor G. Franz charakterisiert /2/: "Ich darf bekennen, daß dieser Mann mit seiner Arbeitsintensität und seiner Hilfsbereitschaft, seiner Unbestechlichkeit und Menschlichkeit in den Jahren enger Zusammenarbeit meine Berufsauffassung entscheidend geprägt hat."

Beyers Ausstrahlung auf nachfolgende Ingenieurgenerationen

Seinen 1950 verfaßten Lebenslauf schließt Beyer mit den Worten /2/: "Der schönste Lohn meiner Lebensarbeit dünkt mir aber die Liebe und Verehrung meiner zahlreichen Schüler, insbesondere die Anhänglichkeit der früheren Assistenten und der Mitarbeiter des Büros."

Aus dieser Verehrung und dem wissenschaftlichen Werk Kurt Beyers ist die durch ihre theoretische und konstruktive Orientierung geprägte Dresdner Schule des Konstruktiven Ingenieurbaues hervorgegangen. Unmittelbarer Amtsnachfolger wurde G. Bürgermeister, von 1952 bis 1971 Professor für Statik der Baukonstruktionen und Stahlbau. Nach dessen Emeritierung wurden H. Müller als Professor für Statik (1970-1996) und W. Hoyer als Professor für Stahlbau (1970-1978) berufen. G. Grüning war 1953 bis zu seinem Tod 1962 als Professor für Technische Mechanik und Festigkeitslehre tätig. Aber auch weitere - inzwischen verstorbene - Dresdner Professoren der Bauingenieurfakultät wie G. Brendel (Stahlbetonbau), R. Rabich (Flächentragwerke), A. Hütter (Baustoffkunde und Festigkeitslehre), W. Kinze (Holz- und Grundbau) und M. Koch (Stahlbau) haben im Sinne Beyers gelehrt und geforscht.

Daten aus dem Leben Kurt Beyers

   27.12.1881 geboren in Dresden
 1901-1905      Studium des Bauingenieurwesens an der Technischen Hochschule Dresden
       1907 Promotion über Auslegerbrücken
  1908-1914 Tätigkeit in Siam (heute Thailand), u.a. Bau von Eisen- und
Eisenbetonbrücken   
       1919 Ruf an die Technische Hochschule Dresden
als Professor für Statik der Baukonstruktionen und Technische Mechanik
       1927 Erstausgabe "Die Statik im Eisenbetonbau"
im Verlag Wittwer, Stuttgart, 2.Auflage 1933 Springer-Verlag, Berlin
       1929 Gründung eines Ingenieurbüros
   09.05.1952 verstorben in Dresden

Literatur

  • /1/ Festschrift anläßlich der 100. Wiederkehr des Geburtstages von Professor  Dr.-Ing. Kurt Beyer am 27. November 1981 (mit Beiträgen ehemaliger Beyer-Schüler), Wiss. Zeitschrift d. Techn. Univ. Dresden 31(1982), H.
  • /2/ Hemmleb, R. (Hrsg.)
    Erinnerungen an Prof. Kurt Beyer - Berichte von früheren Assistenten und Mitarbeitern, Eigenverlag, Bad Homburg,1978
  • /3/ Mann, L.
    Theorie der Rahmentragwerke auf neuer Grundlage, Springer-Verlag, Berlin, 1927
  • /4/ Ostenfeld, A.
    Die Deformationsmethode, Springer-Verlag, Berlin, 1926
  • /5/ Cross, H.
    Analysis of continous frames by distributing fixed-end moment, Transactions of American Society of Civil Engineers, vol. 96 (1932), pp.1-156
  • /6/ Kani, G.
       Die Berechnung mehrstöckiger Rahmen, Verlag Wittwer, Stuttgart, 1949
  • /7/ Koch, M.; Franz, G.; Steup, H.                                                                               Kurt Beyer - Hochschullehrer und Bauingenieur in Theorie und Praxis, In: VDI Jahrbuch der Gesellschaft für Bautechnik, 1992, Teil III (Herausragende Ingenieurleistungen in der Bautechnik), VDI-Verlag, Düsseldorf, S. 355-393

Die Autoren danken Herrn Dipl.-Ing. Klaus Beyer für das Bildmaterial aus seinem Privatarchiv.

Autoren des Beitrages:

Univ.-Prof. Dr.-Ing. habil. Bernd Möller, apl. Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Graf

Technische Universität Dresden, Fakultät Bauingenieurwesen, Lehrstuhl für Statik, D-01062 Dresden


 

Zu dieser Seite

Letzte Änderung: 16.07.2018