23.10.2026
Dresdner Studie zeigt Nutzen KI-generierter Befundzusammenfassungen für Arztgespräche
Studienleitung: Dr. Sven Richter (l.) und Dr. Elida Hasani-Benker (r.), die zum Zeitpunkt der Studie an der Klinik für Neurochirurgie tätig waren.
Forschende der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie an der Medizinischen Fakultät der Technischen Universität Dresden (TUD) und am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden haben in einer randomisiert-kontrollierten Studie untersucht, wie sich KI-generierte, laienverständliche Zusammenfassungen medizinischer Unterlagen auf das Arztgespräch auswirken. Patient:innen fühlten sich dadurch besser informiert und stärker in Entscheidungen einbezogen; zugleich waren die Gespräche im Median kürzer. Die Ergebnisse wurden am 15. Oktober 2026 im Fachjournal NEJM AI veröffentlicht.
Für viele Patient:innen sind Arztbriefe, Befunde oder radiologische Berichte schwer verständlich. In Deutschland berichten rund 60 Prozent der Erwachsenen von Schwierigkeiten, Gesundheitsinformationen zu verstehen und zu nutzen. Gleichzeitig bleibt im ambulanten Alltag oft nur begrenzt Zeit, um komplexe medizinische Sachverhalte ausführlich zu erklären. Die Studie AI-INFOCARE unter der Leitung von Dr. Elida Benker-Hasani, ging daher der Frage nach, ob verständlich aufbereitete Informationen Patient:innen dabei helfen, sich besser auf ein neurochirurgisches Erstgespräch vorzubereiten.
Zwischen Mai 2025 und Januar 2026 nahmen 300 Patient:innen und 17 Ärzt:innen der Dresdner Neurochirurgie an der Studie teil. Die Patient:innen erhielten per Zufall entweder die übliche Versorgung oder zusätzlich vor dem Gespräch eine Zusammenfassung ihrer Unterlagen in allgemein verständlicher Sprache, die mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt wurde. Diese Zusammenfassungen wurden mit der Software des Startups Simply Onno erstellt, das als Kooperationspartner an der Studie beteiligt war.
Die Ergebnisse zeigen: Personen, die eine solche Zusammenfassung erhielten, bewerteten die Qualität derInteraktion zwischen Ärzt:innen und Patient:innen positiver. Sie fühlten sich im Gespräch besser informiert und stärker in Entscheidungen einbezogen. Gleichzeitig verkürzte sich die Dauer der Erstgespräche im Median von 33 auf 25 Minuten, ohne dass die wahrgenommene Qualität der Aufklärung darunter litt.
Aus ärztlicher Sicht zeigte sich ein differenzierteres Bild: Die Ärzt:innen schätzten die Gespräche tendenziell als geringfügig anspruchsvoller; dieser Unterschied war klein und statistisch nicht eindeutig. Die Autor:innen führen dies vorsichtig auf eine veränderte Gesprächsdynamik zurück, bei der die Vermittlung medizinischer Grundlagen stärker in den Hintergrund trat und gemeinsame Abwägungen mehr Raum einnahmen.
„Früher war es Dr. Google, heute ist es Dr. KI: Patient:innen kommen informiert ins Sprechzimmer, aber nicht immer richtig informiert. Wir wollten wissen, was sich im Gespräch ändert, wenn sie vorher ihren eigenen Befund verstehen“, erläutert Dr. Witold Polanski, Letztautor der Studie und stellvertretender Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie. "Solche Zusammenfassungen können Ärztinnen und Ärzte nicht ersetzen. Wer seinen Befund versteht, kann jedoch informierter an Entscheidungen mitwirken. Genau das haben wir untersucht – und die Gespräche wurden dabei nicht länger, sondern kürzer".
Gleichzeitig machen die Forschenden deutlich, dass die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf andere medizinische Fachgebiete oder Versorgungssituationen übertragbar sind. Langfristige klinische Auswirkungen, etwa auf das weitere Verhalten der Patient:innen oder die Nachhaltigkeit der Effekte wurden nicht untersucht.
AI-INFOCARE liefert damit einen Baustein für die weitere Erforschung von KI in der Medizin, nicht als Ersatz für ärztliche Expertise, sondern als unterstützende Technologie, deren Einsatz schrittweise weiter untersucht werden sollte.
Zur Publikation: DOI: 10.1056/AIoa2600136
Hinweis zum Interessenkonflikt
Dr. Witold Polanski ist Mitgründer und medizinischer Leiter des Unternehmens Simply Onno, dessen Software in der Studie eingesetzt wurde. Er war nicht an den Patientengesprächen, der Datenerhebung oder der statistischen Auswertung beteiligt.
Wissenschaftlicher Kontakt:
Dr. Witold Polanski
Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie
Medizinische Fakultät und
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus
an der Technischen Universität Dresden