May 11, 2026
„Gutes“ Cholesterin auf dem Prüfstand: Dresdner Forscher untersuchen Sicherheit von Schlaganfall-Eingriffen
Im Rahmen einer großangelegten nationalen Initiative unter Federführung des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden steht ein multizentrisches Forschungsprojekt kurz vor dem Abschluss. Die „SHIELD-EVT“-Studie unter Leitung von Prof. Timo Siepmann untersucht eine drängende Frage der modernen Schlaganfallmedizin: Warum kommt es nach einer erfolgreichen Gefäßwiedereröffnung bei manchen Patienten zu gefährlichen Hirnblutungen und bei anderen nicht?
Die mechanische Entfernung von Blutgerinnseln (Thrombektomie) hat die Behandlung des schweren Schlaganfalls revolutioniert. Doch trotz technischer Perfektion erleidet ein Teil der Patienten im Anschluss eine sogenannte Reperfusionsblutung – eine Einblutung in das zuvor unterversorgte Hirngewebe. Studien deuteten darauf hin, dass das HDL-Cholesterin, oft als „gutes Cholesterin“ bezeichnet, als potenzieller Schutzfaktor für die Gefäßwände darstellt. Doch neuere Daten lieferten widersprüchliche Signale.
Das Zusammenspiel von Fett- und Zuckerstoffwechsel im Fokus
Das Team um Prof. Timo Siepmann von der Klinik und Poliklinik für Neurologie hat gemeinsam mit 15 spezialisierten Zentren aus ganz Deutschland die Daten von über 6.500 Patienten analysiert. Im Kern der Untersuchung steht die Hypothese, dass die Wirkung des HDL-Cholesterins maßgeblich vom chronischen Blutzuckerspiegel des Patienten beeinflusst wird.
„Mit der SHIELD-EVT-Studie wollen wir einen scheinbaren Widerspruch der Forschung auflösen“, erklärt Prof. Siepmann, Leiter der Studie. „Unsere Analysen werden zeigen, ob das HDL-Cholesterin bei Patienten mit hohen Zuckerwerten seine schützende Funktion verliert oder sich gar ins Gegenteil verkehrt. Sollte sich dies bestätigen, müssten wir das Risiko nach einem Eingriff neu bewerten.“
Schutz durch HDL Cholesterin auf dem Prüfstand
Die Studie geht dabei weit über bisherige Ansätze hinaus, indem sie verschiedene Arten von Blutungen, von feinen Sickerblutungen im Infarktgewebe bis hin zu mechanisch bedingten Gefäßrissen, differenziert betrachtet.
Prof. Hagen Huttner.
Prof. Hagen Huttner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie, betont die Bedeutung für die Zukunft: „Diese großangelegte Kooperation wird zeigen, ob wir in Zukunft den Stoffwechselstatus viel stärker in unsere Therapieentscheidungen einbeziehen müssen. Unser Ziel ist eine personalisierte Schlaganfall-Therapie, bei der wir schon bei der Aufnahme des Patienten abschätzen können, wie sein Körper auf die Wiedereröffnung des Gefäßes reagieren wird. Die Studie liefert hierfür einen wichtigen Beitrag.“
Multizentrisch zum Ziel
Dr. Annahita Sedghi.
Die Untersuchung nutzt die Daten und bündelt die Expertise von 15 Spitzenzentren. Dr. Annahita Sedghi, Studienärztin am Uniklinikum Dresden, die bereits erste Single-Center-Daten zu diesem Thema ausgewertet hat, ergänzt: „Die Ergebnisse werden zeigen, ob eine chronische Überzuckerung das HDL-Molekül so verändert, dass es die Blut-Hirn-Schranke nicht mehr oder anders stabilisieren kann. Das wäre ein entscheidender Hinweis darauf, warum Diabetiker nach einer Thrombektomie oft einen anderen Heilungsverlauf zeigen als Nicht-Diabetiker.“
Die SHIELD-EVT-Studie steht kurz vor dem Abschluss: Die vollständige Publikation der Ergebnisse wird in Kürze erwartet. Die Forscher sind überzeugt, dass die Erkenntnisse die Grundlage für neue, medikamentöse Begleittherapien bilden könnten, die das Gehirn während des Eingriffs gezielt schützen.
Über das Projekt
Die SHIELD-EVT-Studie ist eine der bisher größten multizentrischen Analysen zu Lipid-Biomarkern bei der mechanischen Thrombektomie. Beteiligt sind 15 führende Schlaganfall-Zentren in ganz Deutschland.