17.09.2026
KI für mehr Patientensicherheit: Projekt PRIME
Dr. Yusef Moulla (l.) und Sören Stöckel (r.) im Rechenzentrum.
Im Krankenhaus ist der Einsatz von KI-Systemen mit besonderen Anforderungen verbunden: Sie müssen sicher, transparent, datenschutzgerecht und so gestaltet sein, dass sie die medizinische Versorgung sinnvoll unterstützen.
Am Medizincampus Chemnitz der Technischen Universität Dresden wird seit Mai 2025 mit dem Projekt PRIME (Personalized Recommendations through Intelligent Medical Engines) an einem solchen Ansatz geforscht. PRIME untersucht, wie ein KI-gestütztes Unterstützungssystem im Umfeld des Tumorboards sinnvoll, sicher und verantwortungsvoll eingesetzt werden kann. Im Mittelpunkt steht dabei nicht, ärztliche Entscheidungen zu ersetzen, sondern die klinischen Teams bei der Vorbereitung, Recherche und strukturierten Bereitstellung relevanter Informationen zu unterstützen.
Eine erste zentrale Herausforderung ist der Datenschutz. KI-Systeme benötigen häufig erhebliche Rechenleistung, die oft über große Rechenzentren bereitgestellt wird. Diese können sich teilweise außerhalb Deutschlands oder Europas befinden. Bei Gesundheitsdaten ist ein solcher Datenfluss besonders sensibel. PRIME verfolgt deshalb einen lokalen Ansatz: Patientendaten und Forschungsdaten sollen innerhalb einer eigenen, kontrollierten IT-Umgebung verarbeitet werden können. Damit sollen die Möglichkeiten moderner KI mit einem hohen Schutz sensibler medizinischer Informationen verbunden werden.
Eine weitere Herausforderung liegt in der digitalen Krankenhauslandschaft selbst. Relevante Informationen befinden sich häufig in unterschiedlichen Systemen. Beispielsweise in der elektronischen Patientenakte, in Labor- und Radiologiesystemen, in Befundarchiven, Dokumentationssystemen oder spezialisierten Fachanwendungen. Die sichere und strukturierte Zusammenführung dieser Informationen ist technisch und organisatorisch anspruchsvoll. Gleichzeitig ist sie insbesondere für interdisziplinäre Entscheidungen von großer Bedeutung.
Im Tumorboard ist eine vollständige Informationslage entscheidend. Fehlen bei der Anmeldung notwendige Angaben, Befunde oder Unterlagen, kann ein Fall unter Umständen nicht abschließend diskutiert werden und muss auf einen späteren Termin verschoben werden. Bei bestimmten Krankheitsverläufen kann eine Verzögerung der interdisziplinären Beratung und Therapieplanung problematisch sein. PRIME soll auch dabei unterstützen, erforderliche Informationen für die Tumorboard-Anmeldung vollständig und strukturiert bereitzustellen.
Eine dritte zentrale Herausforderung besteht darin, KI-Systeme mit hoher Qualität und Genauigkeit zu entwickeln. Medizinische Informationen müssen korrekt, aktuell, nachvollziehbar und für die behandelnden Teams überprüfbar sein. Ein System darf nicht zu einer undurchsichtigen „Black Box“ werden, deren Ergebnisse ungeprüft übernommen werden. PRIME soll deshalb Informationen aus Leitlinien, klinischen Standards und aktuellen wissenschaftlichen Studien strukturiert aufbereiten und mit nachvollziehbaren Quellen bereitstellen.
Die Hoheit über die Therapieentscheidung bleibt dabei jederzeit beim behandelnden ärztlichen Team und beim interdisziplinären Tumorboard. Klinische Erfahrung, die Kenntnis der persönlichen Situation, individuelle Präferenzen der Patientinnen und Patienten sowie Empathie können und sollen nicht durch KI ersetzt werden. Die Aufgabe eines solchen Systems besteht vielmehr darin, eine verlässliche Informationsgrundlage für die ärztliche Entscheidungsfindung zu schaffen.
Für Klinikärztinnen und Klinikärzte gehören Zeitdruck, zunehmende Bürokratie sowie die wachsende Menge neuer Studien, Leitlinien und medizinischer Erkenntnisse zum Alltag. Gerade bei komplexen Erkrankungen müssen Informationen aus verschiedenen Fachgebieten berücksichtigt und innerhalb kurzer Zeit bewertet werden. Hier setzt das Projekt an: Das System soll relevante Inhalte gezielt auffindbar machen, sie aus geprüften Quellen zusammenführen und strukturiert bereitstellen. Dadurch kann es die Vorbereitung von Tumorboards erleichtern, den Rechercheaufwand reduzieren und dazu beitragen, dass medizinisches Wissen im richtigen Moment verfügbar ist.
Langfristig soll PRIME neben administrativer Unterstützung und Recherchehilfe auch den Weg in Richtung klinischer Entscheidungsunterstützungssysteme, sogenannter Clinical Decision Support Systems (CDSS), eröffnen. Systeme, die individuelle Therapieoptionen unterstützen, unterliegen jedoch besonders hohen Anforderungen. Sie benötigen eine sorgfältige wissenschaftliche Überprüfung, ein umfassendes Qualitätsmanagement und gegebenenfalls spezielle regulatorische Zulassungsverfahren. Diese Anforderungen sind kein Hindernis, sondern dienen dem Schutz der Patientinnen und Patienten.
KI kann ihre Rechenleistung und ihre Fähigkeit zur schnellen Verarbeitung großer Wissensmengen einbringen. Ärztinnen und Ärzte behalten mit ihrer Erfahrung, klinischen Expertise und Empathie die Verantwortung für die medizinische Entscheidung. So kann KI dort entlasten, wo sie besonders sinnvoll ist: bei Bürokratie, Strukturierung und Recherche. Der Mensch bleibt dort entscheidend, wo individuelle Abwägung, Kommunikation und Verantwortung erforderlich sind. PRIME untersucht, wie diese Verbindung im Tumorboard patientensicher, transparent und datenschutzgerecht gestaltet werden kann.
Das Projekt wird mit Unterstützung des Just Transition Funds (EFRE/JTF) durchgeführt.