15.07.2026
Taktgeber der Heilung: Dresdner Forschende entschlüsseln, wie „gute“ Immunzellen bei der Regeneration von Rückenmarksverletzungen helfen
Xiaobo Tian und Prof. Thomas Becker.
Rückenmarksverletzungen beim Menschen führen meist zu bleibenden Schäden. Der Grund: Das körpereigene Immunsystem gerät nach der Verletzung oft völlig aus dem Gleichgewicht. Diese überschießende Entzündungsreaktion lässt permanentes Narbengewebe entstehen, das das Nachwachsen von Nervenzellen und die Reparatur ihrer Verbindungen blockiert. Zebrafische hingegen haben die biologische Kunst perfektioniert, dieses zelluläre Chaos zu bändigen und Schäden am Rückenmark vollständig zu heilen. In einer neuen Studie im Journal of Neuroinflammation entschlüsselt ein Forschungsteam um Prof. Thomas Becker am Zentrum für Regenerative Therapien Dresden (CRTD) der Technischen Universität Dresden (TUD) und der University of Edinburgh nun diesen Mechanismus: Die Fische setzen gezielt einen bestimmten Typ von Immunzellen ein, um die Entzündung sanft herunterzuregeln und den Weg für die Nervenregeneration freizumachen.
Das Immunsystem gleicht einem komplexen Orchester aus vielen verschiedenen Zelltypen, von denen jeder seinen ganz eigenen Teil beiträgt. Nach einer Verletzung eilen die sogenannten Neutrophile als allererste an den Ort des Geschehens. Bisher dachte man, diese Zellen räumen lediglich an der Wunde auf. Das Becker-Team entdeckte nun jedoch, dass eine ganz bestimmte Untergruppe dieser Neutrophile eine entscheidende Aufgabe hat: Wie ein Dirigent im Orchester signalisieren diese Zellen dem restlichen Immunsystem, seine Reaktion herunterzuregeln in einen harmonischen Rhythmus der Regeneration. Ihr Werkzeug dabei ist ein Signalmolekül namens Il-4.
„Ersthelfer“ bringen das System in Balance
Die Forschenden untersuchten die Rolle der Neutrophilen und des Signalmoleküls Il-4 bei Rückenmarksverletzungen von Zebrafischlarven. Wurde diese spezielle Zellgruppe im Experiment ausgeschaltet, geriet die Situation an der Wunde komplett aus der Balance: Andere Immunzellen produzierten entzündungsfördernde Proteine im Übermaß. Diese unkontrollierte Überreaktion blockierte die Fähigkeit der Fische, neue Nervenfasern zu bilden und ihre Bewegungsfähigkeit zurückzuerlangen.
Als die Forschenden das Signalmolekül Il-4 jedoch künstlich an die Verletzungsstelle verabreichten, beruhigte sich die Entzündung sofort. Das Rückenmark regenerierte sich perfekt – selbst, wenn die Neutrophile physisch gar nicht vor Ort waren.
„Zum ersten Mal konnten wir zeigen, dass Neutrophile eine massiv aktive Rolle bei der erfolgreichen Reparatur des Rückenmarks spielen“, erklärt Prof. Thomas Becker, der die Studie geleitet hat. „Sie sind kein reines Aufräumkommando. Sie agieren wie Taktgeber, die anderen Immunzellen signalisieren, wieder einen harmonischen Rhythmus einzulegen. Ohne sie gerät das Immunsystem in eine zerstörerische Eigendynamik und verhindert jede Heilung. Mithilfe des Il-4-Moleküls dämmen die Neutrophile die Entzündung ein, sodass die empfindlichen Nervenfasern direkt durch die Verletzungszone wachsen können.“
Mikroskopische Aufnahme von zwei drei Tage alten Zebrafischlarven. Die Immunzellen wurden mit fluoreszierenden Proteinen markiert: Die Neutrophile leuchten grün, während die übrigen Immunzellen in Magenta dargestellt sind. Das verblüffend ähnliche Verteilungsmuster der Immunzellen zeigt, wie bemerkenswert konstant die Immunantwort selbst bei verschiedenen Individuen abläuft. Es sind genau diese körpereigenen Regenerationsmechanismen, die das Forschungsteam der Arbeitsgruppe Becker am CRTD entschlüsseln möchte.
Lehren für den Menschen
Warum Zebrafische das schaffen, was dem Menschen verwehrt bleibt, ist ein großes Rätsel der regenerativen Medizin. Während unsere eigene Immunantwort oft bleibende Schäden im Zentralnervensystem hinterlässt, liefert der Zebrafisch den Fahrplan für bisher ungenutzte medizinische Potenziale. Die Studie beweist nicht nur, wie wichtig die feine Regulation einer Entzündung für den Heilungsprozess ist, sondern zeigt auch exakt, wie das richtige Signal zum richtigen Zeitpunkt die Nervenregeneration reaktivieren kann.
„Natürlich stellt sich die Frage, inwieweit unsere Ergebnisse auf den Menschen zutreffen. Es bleibt abzuwarten, ob Il-4 beim Menschen eine ähnliche Rolle spielt und ob es die Entzündung so ausbalancieren kann, dass eine bessere Heilung an der Verletzungsstelle möglich wird“, sagt Xiaobo Tian, treibende Kraft hinter der Durchführung der Studie. „Es ist definitiv ein sehr vielversprechender Weg für zukünftige Studien am Menschen.“
Über die Studie
Die Studie wurde von Xiaobo Tian und einem internationalen Forschungsteam am Zentrum für Regenerative Therapien Dresden (CRTD) der TU Dresden, dem Exzellenzcluster „Physics of Life“ (Dresden) und dem Centre for Discovery Brain Sciences der Universität Edinburgh durchgeführt. Gefördert wurde die Arbeit durch den Chinese Scholarship Council und die Alexander-von-Humboldt-Stiftung.
Originale Veröffentlichung
Xiaobo Tian, Alberto Docampo-Seara, Kim Heilemann, Friederike Kessel, Daniela Zöller, Anja Bretschneider, Thomas Becker & Catherina G. Becker: A reparative neutrophil subpopulation accelerates spinal cord regeneration in zebrafish by controlling macrophage inflammation via Il-4. Journal of Neuroinflammation (Juni 2026)
Link: https://doi.org/10.1186/s12974-026-03878-0
Tierversuche an der TUD
In der wissenschaftlichen Forschung sind Tierversuche nach wie vor notwendig. Vor allem in den Lebenswissenschaften und in der Medizin werden an der TUD Tierversuche durchgeführt, um wirksame Therapien zu entwickeln oder Grundlagen zu erforschen, ohne Menschen Risiken auszusetzen. Die Forschenden, die Tierversuche durchführen, bewegen sich dabei immer in einem ethischen Spannungsfeld zwischen Tierschutz und wichtigen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die z. B. Grundlagen für die Entwicklung neuer lebensrettender Medikamente und Therapien sein können. Allen Tierversuchen liegen strenge gesetzliche Regularien und hohe ethische Standards wie das 3R-Prinzip zugrunde. Auf der folgenden Webseite sind relevante Informationen zum Thema verfügbar: https://tud.link/tfbwcc
Über das Zentrum für Regenerative Therapien Dresden (CRTD)
Am Zentrum für Regenerative Therapien Dresden (CRTD) der TU Dresden widmen sich Spitzenforscher und -forscherinnen aus rund 25 Ländern neuen Therapieansätzen. Sie entschlüsseln die Prinzipien der Zell- und Geweberegeneration und ergründen deren Nutzung für Diagnose, Behandlung und Heilung von Krankheiten. Das CRTD verknüpft Labor und Klinik, vernetzt Forschende mit Klinikerinnen und Klinikern, nutzt Fachwissen in Stammzellforschung, Entwicklungs- und Regenerationsbiologie, um letztlich die Heilung von Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson, hämatologischen Krankheiten wie Leukämie, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes sowie Augen- und Knochenerkrankungen zu erreichen. Das CRTD wurde 2006 als Forschungszentrum der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gegründet und bis 2018 als DFG-Forschungszentrum, sowie als Exzellenzcluster gefördert. Seit 2019 wird das CRTD mit Mitteln der TU Dresden und des Freistaates Sachsen finanziert.
Das CRTD ist eines von drei Instituten der zentralen wissenschaftlichen Einrichtung Center for Molecular and Cellular Bioengineering (CMCB) der TU Dresden.