Carl Gustav Carus
Carl Gustav Carus (1789–1869) gilt als einer der bedeutendsten Ärzte der romantischen Medizin des frühen 19. Jahrhunderts. Nach dem Medizinstudium in Leipzig und einer anschließenden Tätigkeit als Privatdozent wurde er 1814 als Direktor des Königlichen Entbindungsinstituts und Professor für Geburtshilfe an die spätere Chirurgisch-medicinische Akademie nach Dresden berufen. Seit 1827 war er Leibarzt des sächsischen Königshauses. Seine wissenschaftlichen Arbeiten befassten sich unter anderem mit Anatomie, Embryologie, vergleichender Naturforschung sowie Psychologie und Naturphilosophie. Daneben war er als Maler tätig und stand in Verbindung mit Johann Wolfgang von Goethe und Caspar David Friedrich.
Die Forschung bewertet sein Werk insgesamt als breit angelegt, ohne ihm auf einem einzelnen Fachgebiet eine dauerhaft prägende oder herausragende Stellung zuzuschreiben. Seine zeitgenössische Wahrnehmung und seine Wirkungsgeschichte beruhen vor allem auf der Verbindung unterschiedlicher Wissens- und Arbeitsfelder, mit der er das im 19. Jahrhundert verbreitete Ideal des Universalgelehrten repräsentierte.
Carl Gustav Carus. Portraitmedaillon von Pierre Jean David d’Angers, 1834
Carus' vielfältige Begabungen, sein transdisziplinäres Denken sowie seine ganzheitliche Betrachtungsweise der Medizin und des Menschen lassen ihn auch heute noch als faszinierenden Arzt und Geistesmenschen erscheinen, wenngleich seine Methodik wenig mit der heutigen Medizin zu tun hat.
Anders und problematischer verhält es sich dagegen mit seiner Rassentheorie, in der er eine wertende Einteilung von Menschen in vermeintlich unterschiedlich begabte Gruppen vornimmt: sogenannte Tag-, Nacht- und Dämmerungsvölker. Diese schon damals von manchen Forscherkollegen wissenschaftlich wie ethisch angezweifelte Auffassung, die Carus' Schriften seit 1838 durchzieht und die er bis an sein Lebensende unverändert vertreten hat, wirft einen Schatten auf Person und Werk. Dieser fragwürdigen Seite von Carus wurde lange Zeit wenig Beachtung geschenkt.
Durch ein von der Hochschulmedizin Dresden finanziell unterstütztes Forschungsprojekt hat das Institut für Geschichte der Medizin die Rolle von Carl Gustav Carus speziell in der Geschichte der Rassentheorie neu beleuchtet. Hierzu sind drei Arbeiten in führenden medizingeschichtlichen Zeitschriften entstanden. Die erste Studie analysiert Carus’ radikal-polygenistische Rassentheorie im Kontext der romantischen Medizin und des wissenschaftlichen Rassismus des 19. Jahrhunderts. Dabei wird deutlich, dass Carus – im Gegensatz zu Zeitgenossen wie Blumenbach oder Tiedemann – von unüberwindbaren „rassenspezifischen“ Unterschieden ausging und seine Ansichten eng an die rassistische American School of Ethnology anlehnte. Die zweite Arbeit widmet sich der materiellen Dimension dieser Theorien: Erstmals wurde die Provenienz der über 300 Schädel- und Abgussexponate aus Carus’ Sammlung, die heute in Leipzig und Dresden lagern, in Teilen erforscht. Die Rekonstruktion seines europaweiten Netzwerks zeigt, wie Carus durch Austausch mit der anatomischen Elite seine Theorien verbreitete, aber letztlich vom Gründungsmoment der deutschsprachigen Anthropologie ausgeschlossen wurde. Der dritte Beitrag untersucht das Nachleben von Carus, insbesondere das in der DDR von ihm verbreitete Bild: Trotz seiner problematischen Rassentheorie wurde Carus lange als Universalgenie und 1954 als Namensgeber der Medizinischen Akademie Dresden geehrt, während eine kritische Auseinandersetzung erst spät einsetzte. Heute wird zunehmend diskutiert, ob Carus angesichts seiner fragwürdigen Ansichten als Namensgeber der Dresdner Hochschulmedizin geeignet ist.
Das Institut für Geschichte der Medizin hat 2022 begonnen, das Thema Carus nicht nur zu beforschen, sondern auch verstärkt in die Lehre hineinzutragen. Im Sommersemester 2023 fand erstmals ein Wahlfach statt, das sich vertieft mit der Rassentheorie von Carus sowie der Debatte um die Benennung von Fakultät und Universitätsklinikum auseinandersetzte. Zentrales Lernziel war, die Studierenden zu einer kritischen Reflexion der rassenkundlichen Schriften Carus' zu befähigen und sie bei der Entwicklung einer informierten Haltung zur Umbenennungsdebatte zu unterstützen. Neben einer Einführung in die allgemeinen Aspekte der Carus'schen Rassentheorie widmete sich das Institut auch der materiellen Dimension seines Werks – insbesondere seiner kraniologischen und chirognomischen Sammlung. Seit dem Sommer 2023 ist das Thema Carus, Rassentheorie und Anthropologie fest in das Kerncurriculum des Instituts integriert und wird dort im Rahmen des Querschnittsbereichs 'Geschichte Theorie Ethik' in mehreren Studiengängen behandelt.
Die Frage, ob sich Carus weiterhin als Namensgeber der Dresdner Hochschulmedizin eignet, ist komplex und wird auf vielen Ebenen lebhaft diskutiert, unter Studierenden, aktiven und ehemaligen Mitarbeitenden der Hochschulmedizin sowie in der Stadtgesellschaft. Die klare Ablehnung seiner rassentheoretischen Ideen geht einher mit der Anerkennung seiner sonstigen Leistungen, etwa in Gynäkologie und Geburtshilfe, vergleichender Anatomie oder in der Malerei. Bei der Abwägung spielen auch die Umstände der 1954 erfolgten und 1993 erneuerten Benennung eine Rolle, mit der keineswegs seine Rassentheorie geehrt werden sollte, sondern Carus' Wirken als Arzt, Naturforscher und Künstler. Nicht zuletzt geht es auch um Aspekte wie Tradition und Identifikation mit der Medizinischen Fakultät und dem Universitätsklinikum.
Stand: Juli 2026
Prof. Dr. Florian Bruns