Eine transnationale Geschichte der medizinischen Wohnungserhebung zwischen 1880 und 1930
Seit der Covid-19-Pandemie ist die enge Verflechtung von Wohnen und Gesundheit mit neuer Dringlichkeit ins öffentliche Bewusstsein zurückgekehrt. Ein solches Bewusstsein gab es zuletzt wohl um das Jahr 1900, als Schriftsteller wie Jack London über die entsetzlichen Lebensbedingungen der „Menschen des Abgrunds“ berichteten, wie er die Bewohner des Londoner East End nannte. Doch nicht nur die öffentliche Vorstellungskraft wurde durch die grassierende Wohnungskrise in den europäischen Metropolen beflügelt. Architekten, Ingenieure, Ärzte und Gesundheitsbehörden auf der ganzen Welt begaben sich auf die Suche nach dem pathologischen Potenzial von Wohnraum, was zu unzähligen Wohnungserhebungen führte. Dieses Projekt zielt darauf ab, die erste globale Bestandsaufnahme dieser Erhebungen zu liefern.
Eine Collage an "casier sanitaire" Fragebögen aus vier Jahrzehnten
Mit dem Schwerpunkt auf der weltweiten Verbreitung zweier Erhebungsmethoden – des französischen „casier sanitaire des maisons“ (Gesundheitsregister für Häuser) und der monografischen Wohnungserhebung (oft als „Wohnungsenquête“ bezeichnet) – wird das Projekt zwei konkurrierende Erkenntnistheorien zur Verknüpfung von Wohnen und Gesundheit rekonstruieren. Während das „casier sanitaire“ die Pathologie von Wohnraum als statistisches Verhältnis von Morbidität und Baumängeln quantifizierte, zeichnete die Wohnungsenquête ein komplexes Bild der soziohygienischen Bedingungen, wobei neben Zahlen auch viele andere Medien herangezogen wurden. In dieser Divergenz offenbaren das Gesundheitsregister und die monografische Erhebung zwei grundlegend unterschiedliche Konzepte von gesundem Wohnen. Während das „casier sanitaire“ das erste Instrument war, das das Wohnen als epidemiologisches Problem behandelte, verstand die „housing enquête“ gesundes Wohnen in einem viel weiteren Sinne, der auch wirtschaftliche, psychologische und soziale Faktoren umfasste.