Krankes Ich – heilendes Wir? Eine Therapie- und Gesellschaftsgeschichte der Depression im Sozialismus
Was bedeutete es, in der sozialistischen DDR depressiv zu sein? War der depressive typus melancholicus mit dem sozialistischen Menschenbild unvereinbar? Oder gab es im Sozialismus spezifische Therapieformen, die Menschen mit Depressionen nicht ausschlossen, sondern ihnen eine soziale Integration in Betriebe und Kollektive ermöglichten? Ziel des von Professor Florian Bruns (Institut für Geschichte der Medizin, Medizinische Fakultät der TU Dresden) und Professorin Silke Satjukow (Institut für Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) geleiteten Forschungsprojekt ist es, eine Therapie- und Gesellschaftsgeschichte der Depression im Sozialismus zu schreiben. Das Projekt konzentriert sich dabei auf die Jahre 1945 bis 1975, also die Jahre des Aufbaus, der Konsolidierung und dem Versuch der politischen wie gesellschaftlichen Etablierung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung.
Patientenakte der Psychiatrischen und Nervenklinik Halle aus der DDR-Zeit
Anfang der 1950er Jahre machte sich die DDR auf den „planmäßigen Weg“ in eine bessere Zukunft. Der forcierte Aufbau des Sozialismus verlangte von den Funktionseliten und von der gesamten Bevölkerung größtes Engagement und höchste Leistungen. Es gab jedoch auch Menschen, die von den Herausforderungen dieses Aufbruchs in eine neue Gesellschaft sowie dem Anspruch eines „neuen Menschen“ überfordert waren.
Depressive Menschen stellten mit ihren krankheitstypischen Symptomen wie Traurigkeit und Antriebslosigkeit eine Abweichung von der propagierten, grundoptimistischen Aufbruchsstimmung und gesellschaftlichen Dynamik dar. Im Zentrum des Projekts steht daher der „depressive Mensch“, der den tagtäglichen Anforderungen und Vorgaben der DDR-Arbeitsgesellschaft vermeintlich nicht genügte und den verordneten Optimismus für das vorwärtsdrängende sozialistische Projekt nicht aufbringen konnte.
Untersucht werden Diskurse und Zuschreibungen, die mit depressiven Menschen verknüpft wurden – vor allem am Behandlungsort, in unserem Fall die Klinik für Psychiatrie und Neurologie der Universität Halle (Saale). Ziel ist es, individuelle Vorstellungen und kollektive Normen sichtbar zu machen, die es erlauben, Grenzfragen nach Anpassung und Devianz, nach Toleranz und Unterstützung, nach Stigmatisierung und Pathologisierung sowie nach medizinischer Behandlung mit und ohne medikamentöse Hilfe zu verstehen.