Testbericht Epson Moverio
Allgemein
Die Augmented-Reality (AR) -Brille Moverio BT-45CS gehört wie die ähnliche Moverio BT-45C zur BT-45-Serie der Firma Epson. Während erstere einen eigenen intelligenten Controller (BO-IC400N) besitzt, benötigt die letztere ein kompatibles System des Anwenders zur Nutzung. Als Einsatzgebiete sind vor allem Bereiche wie Fernwartung und Training vorgesehen.
WIr haben die Variante BT-45CS getestet. Die Funktionen sind identisch zur anderen erwähnten Brille.
Bildqualität und Optik
Die genutzten Si-OLED-Displays besitzen eine hohe optische Qualität. Dadurch können digitale Inhalte nahtlos in die reale Umgebung eingeblendet werden.
Das verwendete Full-HD-Display (1080p) bietet ein Sichtfeld von 34 Grad mit einem Kontrast von 500.000:1. Für eine optimale Gegenlichtkompensation in sehr hellen Umgebungen (z.B. Blick auf den Computerbildschirm oder in Richtung eines Fensters) gibt es Sichtschutzblenden, welche das Blickfeld abdunkeln, so dass der Kontrast der Moverio wieder besser wird.
Design und Robustheit
Die Widerstandsfähigkeit der Brille liegt nach Herstellerangaben im geforderten Bereich des Militärstandards MIL-STD-810H. Das bedeutet, dass sie einen Sturz aus 122 cm Höhe unbeschadet übersteht. Desweiteren besitzt die Brille eine IP52-Zertifizierung gegen Staub und Spritzwasser.
Das System gestattet es Brillenträgern die eigene Korrekturbrille zu nutzen. Die Moverio kann einfach über der normalen Brille (maximal 144 mm breit) getragen werden. Durch eine Fixierung des Kopfbandes am Kopf per Drehrad können beide Brillen auch bei Bewegung nicht rutschen.
Die Moverio verfügt außerdem über ein gepolstertes Kopfband und Halterungen für Schutzhelme. Eine sehr starke Korrekturbrille kann das Sichtfeld von 34 Grad geringfügig verkleinern. Optional gibt es auch noch sogenannte Nasenpads für die weitere Optimierung des Tragekomforts.
Trotz all' dieser Hilfen für Brillenträger wurde die Kombination Brille-Moverio doch nach einiger Zeit im Test anstrengend. Das optimale Justieren der Moverio in Zusammenarbeit mit der normalen Brille ist nicht trivial. Desweiteren gab es teilweise in den horizontalen Randbereichen der Epson-Brille Spiegelungen.
Eine schöne Idee ist das Flip-up-Design der Moverio, wodurch das Display hochgeklappt werden kann, wenn es gerade nicht benötigt wird.
Nach etwa einer Stunde beginnt sich das Eigengewicht der Moverio auszuwirken. Wir empfehlen dann eine kurze Pause in der AR-Welt.
Kamera und Konnektivität
Die Moverio besitzt eine integrierte Kamera, Lautsprecher und Mikrofon. Die zentral in der Mitte positionierte 8-MP-Kamera mit Autofokus ermöglicht es fernen Teilnehmern (z.B. Experten) genau das zu sehen, was der Träger sieht. Hierdurch sind vielfältige Szenarien der ortsunabhängigen Hilfe denkbar.
Der Experte kann zudem von seinem Standort aus Dokumente in die Brillenansicht einspielen, die vor Ort benötigt werden. Die integrierten Lautsprecher und die Mikrofone mit Geräuschunterdrückung sorgen für eine stets klare Kommunikation auch in lauten Umgebungen.
WIe schon weiter oben erwähnt, benötigt das Modell BT-45C für diese Kommunikation ein kompatibles Smartphone oder wird per USB-C-Anschluß (mit DisplayPort Alternate Mode) mit einem Laptop verbunden. Dem getestete Modell liegt ein Android-basierten Controller (BO-IC400N) bei, der über einen Touchscreen und erweiterbaren Speicher verfügt.
Für die örtlich getrennte Zusammenarbeit können spezialisierte Apps (wie z.B. Teamviewer Assist AR oder Brochesia) genutzt werden. MIttels eines SDK, welches Epson bereitstellt, können auch eigene Anwendungen programmiert werden.
Auch Zoom und Microsoft Teams werden unterstützt. Für die Nutzung auf der Epson-Brille müssen sie auf den Controller installiert werden. Eine direkte Installation mittels der bekannten App-Stores ist aber nicht möglich. Es muss der Umweg über die APK-Datei gegangen werden.
Akkulaufzeit
Die Akkulaufzeit des Systems hängt stark vom Nutzungsszenario ab. Der Controller verfügt über 3.400 mAh. Das reicht bei reiner Videowiedergabe bei Standardhelligkeit für vier Stunden Laufzeit. Im Test war aber oft schon bei dieser Nutzung nach ungefähr zwei Stunden das Ende erreicht.
Wenn die Brille für aktive Remote-Unterstützung im Einsatz ist, also Audio und Video genutzt werden, sinkt die nutzbare Betriebsdauer auf ca. 90 Minuten.
Die Ladezeit beträgt demgegenüber für eine vollständige Aufladung drei Stunden. Hierbei sollte man eine direkte Verbindung zur Steckdose deutlich dem Umweg über einen Laptop oder Smartphone per USB-A-Kabel vorziehen. Letzteres dauert erheblich länger.
Wenn der Controller beim Aufladen eingeschaltet bleibt oder an der Brille angeschlossen ist, findet de facto kein Aufladen statt, weil der Eigenverbrauch dafür zu hoch ist.
Der Controller gibt beim Aufladen mittels eines LED-Leuchte einen groben Überblick über den Zustand (genauer zeigt es natürlich die Android-Oberfläche an). Wenn der Akku sehr leer ist, kann es sein, dass die Leuchte nichts anzeigt. Bei unter 10% Ladung wird sie rot sein, zwischen 10% und 89 % gelb und darüber grün.
Der Controller
Quasi das Herzstück des Systems ist der Controller BO-IC400N. Es ist ein Android-basiertes System mit einem 7,493 cm Bildschirm (=2,95 Zoll). Der Controller bildet die zentrale Steuer- und Bedienungseinheit der Moverio-Brille. Dadurch wird das gesamte Einheit unabhängig von anderen Systemen. Allerdings ist immer eine kabelgebundene Verbindung zwischen Brille und Controller nötig.
Der Controller ähnelt in seiner Bedienung einem Smartphone. Das Display ist ein Touchscreen, was aber angesichts der Größe des Gerätes nicht einfach zu bedienen ist. Neben den notwendigen Systemeinstellungen, die hier nicht näher beleuchtet werden, sind alle notwendigen Funktionen zur Steuerung der Kamera hier vorzufinden.
Die Brille besitzt zwei Modi: Trackpad-Modus und Spiegelmodus. Im Trackpad-Modus werden die Bilder nur im Headset angezeigt und zwar über die gesamte Fläche. Die Steuerung erfolgt über das Touchscreen-Monitor der Controllers, der als Trackpad fungiert. Im Spiegelmodus sind die Darstellungen im Headset und im Gerät identisch.
Es ist völlig ungewohnt, den Bildschirm vor sich auf der Brille zu sehen, aber auf dem Controller zu bedienen. Anfangs erfordert das immer wieder den Wechsel zwischen dem Bild der AR und dem kleinen Bildschirm mit entsprechender Schrift (in gewissen Grenzen vergrößerbar) des Controllers. So erfordert z.B. die Eingabe eines WLAN-Schlüssels sehr viel Geduld und einige Versuche vom Anwender bis es funktioniert.
Neben der Softbedienung gibt es einige physische Tasten (z.B. Power on/off, die Home- oder Zurück-Taste), die wir als sehr hilfreich im Test empfanden.
Der Controller hat zwei USB-C-Ports (Aufladen, Verbindung zur Brille), WiFi 5, Bluetooth 5.0 und ein 3,5-mm-Klinkenanschluss für Headsets mit Mikrofon.
Fazit
Die AR-Brille Epson Moverio ist ein gelungenes Produkt in der gehobenen Mittelklasse vergleichbarer Produkte. Ihre Stärken sind die Optik (Darstellung auf beiden Augen), das Design mit Flip-Up, ihre Robustheit und die Auswahlmöglichkeit zwischen zwei Systemen mit und ohne gelieferten Controller.
Die wenigen Probleme für Brillenträger und die wirklich kleinen Bedienelemente des Controllers trüben den guten Gesamteindruck nur unwesentlich.
Richtig ärgerlich ist die relativ kurze Akkulaufzeit und die demgegenüber lange Ladezeit.
Im universitären Bereich sind aus unserer Sicht gute Einsatzmöglichkeiten im Bereich der Barrierefreiheit (bspw. Anzeigen von Hilfsmitteln für betreffende Personengruppen im Hörsaal oder Vermitteln von Wegen für gehbehinderte Personen) oder auch die Hilfe für ortsfremde Personen als eine Art "Routenplaner" im Universitätsgelände gegeben. Durch die Möglichkeiten der Fernassistenz ergeben sich auch ganz neue Möglichkeiten der Inklusion.