25.09.2026
Verantwortung teilen, gemeinsam steuern: Eindrücke von der ICSEI-Tagung in Dortmund
Wie lässt sich kollektive Steuerung organisieren, wenn Verantwortung auf mehrere Akteure verteilt ist? Diese Frage stand im Mittelpunkt der internationalen Tagung „Reframing Leadership for School Improvement: Roles, Relationships, and Responsibilities in a Demanding World“, die am 10. und 11. September 2026 an der TU Dortmund im Rahmen des International Congress for School Effectiveness and Improvement (ICSEI) stattfand.
Als Wissenschaftlicher Koordinator des Boysen-TU Dresden-Graduiertenkollegs nahm Dr. Matthias Ritter an der Tagung teil und präsentierte Ergebnisse aus seiner Forschung zur Schulentwicklung und zur Organisation schulischer Steuerung an der Universitätsschule Dresden. Die Untersuchung betrachtet eine zentrale schulische Steuerungsgruppe und fragt, welche Themen diese im Verlauf eines Schuljahres bearbeitet, wie diese gemeinsam oder arbeitsteilig behandelt werden und wie sich dabei die Arbeitsweisen und die Organisationsstruktur der Gruppe verändern.
Die Universitätsschule Dresden bietet dafür einen besonderen Untersuchungsfall: Als wachsende Versuchsschule verbindet sie die Entwicklung eines innovativen pädagogischen und organisatorischen Konzepts mit den laufenden Anforderungen des Schulbetriebs. Entsprechend breit ist das Themenspektrum der untersuchten Steuerungsgruppe – von Fragen der Schulorganisation und Lernformate über Personal und Schüler bis hin zu Kommunikation, Kooperation und Schulentwicklung.
Die Analyse zeigt, dass die Verteilung von Verantwortung nicht automatisch bedeutet, dass Steuerung weniger kollektiv stattfindet. Im Verlauf des untersuchten Schuljahres entwickelte die Gruppe zunehmend unterschiedliche Formen der Bearbeitung: Informationen werden geteilt, bestimmte Fragen gemeinsam beraten und andere Aufgaben in kleinere Arbeitszusammenhänge delegiert. Gleichzeitig wird wiederholt die eigene Arbeitsweise zum Gegenstand der Diskussion. Die Steuerungsgruppe organisiert damit nicht nur Schulentwicklung, sondern auch die Bedingungen, unter denen gemeinsame Steuerung überhaupt stattfinden kann.
Dr. Ritter moderierte zudem die gesamte Paper Session „Distributed and Collaborative Leadership in School Development: Potentials and Limits“. Neben seinem Beitrag wurden zwei weitere Arbeiten vorgestellt: eine Untersuchung aus Deutschland zum Zusammenhang von Leadership-Praktiken von Schulleitungsteams und dem professionellen Engagement von Lehrkräften im Kontext digitaler Schulentwicklung sowie eine Studie aus Marokko zu den Grenzen von Distributed Leadership im Rahmen eines integrierten Schulprojekts. Die unterschiedlichen Kontexte boten dabei Anknüpfungspunkte für die Diskussion darüber, wie geteilte Verantwortung und kollektive Steuerung in unterschiedlichen organisationalen Bedingungen ausgestaltet werden.
Gebäude der Fakultät Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bildungsforschung an der TU Dortmund in der die Tagung stattfand.
Die Frage nach der Verbindung von Eigenverantwortung, geteilter Verantwortung und gemeinsamer Koordination weist dabei auch über den schulischen Kontext hinaus. Im Boysen-TU Dresden-Graduiertenkolleg arbeiten Promovierende, Principal Investigators, Sprecher, Vorstand und Koordination mit unterschiedlichen Rollen und Zuständigkeiten an gemeinsamen wissenschaftlichen Zielen. Auch hier kommt es darauf an, Verantwortlichkeiten zu verbinden, Abstimmung zu ermöglichen und zugleich eigenständiges wissenschaftliches Arbeiten zu unterstützen.
Die Tagung in Dortmund bot damit nicht nur Einblicke in internationale Forschung zu Leadership und Schulentwicklung, sondern auch Anlass, die Frage nach der Organisation gemeinsamer Steuerung unter Bedingungen verteilter Verantwortung aus unterschiedlichen organisationalen Perspektiven zu betrachten.