Jul 27, 2026
#FactFriday: Fußball und häusliche Gewalt
Fußball-WM und häusliche Gewalt
Wie das Stattfinden von Sportereignissen zum Anstieg häuslicher Gewalt führt
Achtung! 1 in 10 Frauen schlägt ihren Partner, wenn ihre Lieblings-Castingshow-Teilnehmerin nicht gewinnt.
Das stimmt natürlich nicht. was aber stimmt, ist ...
Wissenschaftliche Studien
…häusliche Gewalt steigt in der Fußball-Saison an.
Eine der bekanntesten Studien zu diesem Thema stammt von Forschenden der Lancaster University und wurde 2013 im Journal of Research in Crime and Delinquency veröffentlicht. Dafür wurden Polizeidaten aus Lancashire während der Fußball-Weltmeisterschaften 2002, 2006 und 2010 ausgewertet. Das Ergebnis: An Spieltagen der englischen Nationalmannschaft stieg die Zahl der gemeldeten Fälle häuslicher Gewalt um 26%, wenn England gewann oder unentschieden spielte. Nach einer Niederlage lag der Anstieg sogar bei 38%. Zusätzlich zeigte sich am Tag nach einem England-Spiel noch ein 11 % höheres Fallaufkommen.
Eine weitere Studie aus 2021 im Journal of Public Economics zeigt, dass während des Spiels die Meldungen sinken und typischerweise der Anstieg 8 bis 10 Stunden nach dem Spiel zu verzeichnen ist.
Ein Alkoholproblem?
Neuere Forschung bestätigt den Zusammenhang, zeigt aber auch, dass er differenziert betrachtet werden muss: Besonders deutlich steigt alkoholbezogene häusliche Gewalt, während der Anstieg bei nicht alkoholbezogenen Fällen deutlich geringer oder gar nicht nachweisbar ist. Die meisten Vorfälle werden zudem erst mehrere Stunden nach Spielbeginn registriert, nicht während des Spiels selbst, was auf den Effekt von Alkohol zurückgeführt werden kann. Wichtig ist dabei: Fußball oder andere Sportereignisse verursachen keine häusliche Gewalt. Sie können jedoch unter bestimmten Bedingungen, etwa durch erhöhten Alkoholkonsum, starke emotionale Reaktionen oder Gruppendynamiken, bestehende Gewaltbereitschaft verstärken. Die Verantwortung für die Gewalt liegt dabei immer bei den Täter*innen, nicht beim Sportereignis.
Trotzdem kann der Alkoholkonsum nicht als Erklärung aufgeführt werden. Grundprobleme sind immer noch patriarchal verwurzelte Ideen von Gewalt und Machtdynamiken.
Nur englischer Fußball
Kein lokales und spezifisches Problem
Die bisherigen Forschungsergebnisse beschränken sich nicht auf England. Auch in anderen Ländern wurden rund um große Sportereignisse ähnliche Entwicklungen beobachtet. So fanden Forschende in Kolumbien während der Fußball-Weltmeisterschaften 2014 und 2018 einen Anstieg medizinisch dokumentierter Gewalt gegen Frauen und Intimpartnergewalt an Spieltagen der Nationalmannschaft. Aus Australien berichten Beratungs- und Hilfseinrichtungen zudem regelmäßig von einer erhöhten Nachfrage rund um die Endspiele der Australian Football League (AFL) und National Rugby League (NRL).
Gleichzeitig ist die Datenlage außerhalb Englands deutlich lückenhafter. Viele Länder erfassen häusliche Gewalt nicht ausreichend oder nicht in einer Form, die einen Zusammenhang mit Sportereignissen untersuchen lässt. Auch für den regulären Ligabetrieb gibt es bislang keine eindeutige Evidenz für einen generellen Anstieg. Hinweise finden sich vor allem bei emotional besonders bedeutsamen Spielen, etwa Welt- und Europameisterschaften, Derbys oder Finals, insbesondere wenn zusätzlicher Alkoholkonsum eine Rolle spielt. Das Fehlen belastbarer Daten bedeutet dabei nicht, dass das Problem nicht existiert, sondern vor allem, dass es bislang nur unzureichend erforscht wurde.
Patriarchat & Fußball
Was bedeutet der Zusammenhang jetzt?
Warum kommt es überhaupt zu diesem Anstieg? Die Forschung geht davon aus, dass mehrere Faktoren zusammenwirken: erhöhter Alkoholkonsum, starke emotionale Reaktionen auf den Spielverlauf, Gruppendynamiken, Glücksspielverluste und traditionelle Männlichkeitsnormen. Entscheidend ist jedoch: Keiner dieser Faktoren verursacht häusliche Gewalt. Sie können vielmehr Situationen schaffen, in denen bereits bestehendes kontrollierendes oder gewalttätiges Verhalten eskaliert.
Deshalb ist häusliche Gewalt rund um Sportereignisse kein "Fußballproblem", sondern ein gesellschaftliches Problem. Dass ein verlorenes Spiel, Alkohol oder verletzter Stolz überhaupt dazu führen können, dass Frauen und Kinder häufiger Gewalt erleben, verweist auf patriarchale Machtverhältnisse, in denen Gewalt als Mittel der Kontrolle und Machtausübung eingesetzt wird. Nicht das Sportereignis ist die Ursache, sondern eine Gesellschaft, in der Gewalt gegen Frauen noch immer Realität ist und unter bestimmten Bedingungen häufiger eskaliert.
Die Aussage, dass die Zahl häuslicher Gewalttaten rund um große Fußballturniere ansteigt, wird durch mehrere Studien gestützt. Gleichzeitig gilt, dass die bekannten Zahlen sich auf kurzfristige Anstiege an Spieltagen und in den Stunden danach beziehen, vor allem im Zusammenhang mit Alkoholkonsum. Außerdem stammen sie überwiegend aus England. Sie zeigen jedoch ein grundsätzliches Problem auf: Für viele Frauen kann ein Ereignis, das für andere ein Grund zum Feiern ist, mit einem erhöhten Risiko verbunden sein, zu Hause Gewalt zu erleben. Das macht deutlich, dass häusliche Gewalt kein privates Einzelschicksal ist, sondern Ausdruck struktureller Ungleichheit und patriarchaler Gewalt.
Ein verlorenes Spiel darf niemals bedeuten, dass Frauen und Kinder zu Hause Gewalt erfahren. Dass dieses Risiko dennoch steigt, zeigt: Das eigentliche Problem ist nicht der Sport, sondern patriarchale Gewalt und die gesellschaftlichen Strukturen, die sie ermöglichen.
Quellen (19.07.2026)
[1] Kirby et al. (2014) Can the FIFA World Cup football (soccer) tournament be associated with an increase in domestic abuse? Journal of Research in Crime and Delinquency, 51(3), 259–276.
[2] Trendl et al. (2021) The role of alcohol in the link between national football (soccer) tournaments and domestic abuse - Evidence from England. Social Science and Medicine, 268, 113457.
[3] Ivandic et al. (2024) Football, alcohol, and domestic abuse. Journal of Public Economics, 230, 105031.
[4] Kirby & Birdsall (2021) Kicking off: Is the association between the FIFA world cup and domestic abuse an international phenomenon? The Police Journal, 95, 2.
[6] https://www.theguardian.com/society/2026/jun/27/prosecutors-cps-expect-rise-domestic-abuse-football-world-cup?utm_source=chatgpt.com