05.01.2026
#FactFriday: Giséle Pelicot Update
Giséle Pelicot : Update
Triggerwarnung!
Dieser Post enthält sensible Themen. Wenn du von Vergewaltigungen, Gewalt, Betäubung, Mord und ähnlichen Themen getriggert wirst, solltest du diesen Post vielleicht nicht lesen.
Was geschah?
Gièle Picot wurde von ihrem Ehemann Dominique Picot jahrelang ohne ihr Wissen mit Medikamenten betäubt und von ihm sowie von 80 weiteren Männern über 200 mal vergewaltigt. 2020 wurde der Prozess der “Vergewaltigungen von Mazan” aufgrund von Videomitschnittfunden begonnen.
Um ein feministisches Statement zu setzen, bat Gisèle Pelicot um einen öffentlichen Gerichtsprozess: “Das Schamgefühl muss die Seiten wechseln.”
Berufungsverfahren & Strafverschärfung
Nachdem der aufsehenerregende Prozess um Gisèle Pelicot im Jahr 2024 offiziell beendet worden war, versuchte der verurteilte Täter Husamettin Dogan, sein Urteil anzufechten. Das Berufungsgericht in Nîmes bestätigte jedoch nicht nur seine Schuld, sondern verschärfte auch die Strafe: Statt neun Jahren muss der Mann nun zehn Jahre ins Gefängnis. Diese Entscheidung gilt als klares Signal der französischen Justiz, dass Gewalt gegen Frauen mit voller Härte geahndet wird. Mit dem Abschluss dieses letzten Berufungsverfahrens sind nun alle Urteile rechtskräftig, und der Fall gilt auch formal als endgültig abgeschlossen.
Öffentliche Anerkennung & Auszeichnung
Nach dem Ende des Prozesses wurde Gisèle Pelicot in Frankreich und weit darüber hinaus zu einer Symbolfigur für Mut, Durchhaltevermögen und den Kampf gegen sexuelle Gewalt. Sie erhielt mehrere bedeutende Auszeichnungen, darunter den renommierten „Preis der Freiheit“ der Region Normandie. Französische Medien kürten sie zur „Persönlichkeit des Jahres 2024“, und das US-Magazin Time ehrte sie 2025 als „Frau des Jahres“. Diese Ehrungen sind Ausdruck einer breiten gesellschaftlichen Anerkennung für ihr Engagement, ihre Stärke und ihren unerschütterlichen Willen, den Opfern eine Stimme zu geben. Pelicot hat es geschafft, aus einem grausamen persönlichen Schicksal eine Bewegung der Aufklärung und Solidarität zu formen.
Veröffentlichung der Memoiren
Gisèle Pelicot hat angekündigt, ihre Lebensgeschichte in einem Buch festzuhalten. Die Memoiren tragen den Titel A Hymn to Life („Ein Hymnus an das Leben“) und sollen im Januar 2026 erscheinen. Darin beschreibt sie nicht nur die schmerzhaften Erfahrungen der jahrelangen Misshandlungen und Vergewaltigungen, sondern auch ihren Weg zur Heilung und Selbstbestimmung. Das Buch entsteht in Zusammenarbeit mit der französischen Journalistin Judith Perrignon und wird in rund 20 Sprachen übersetzt, um weltweit Leserinnen und Leser zu erreichen. Mit dieser Veröffentlichung möchte Pelicot anderen Betroffenen Mut machen und zugleich die gesellschaftlichen Strukturen hinterfragen, die solche Taten ermöglichen oder verschweigen.
Gesetzesänderung in Frankreich
Der Fall Gisèle Pelicot hat Frankreich nicht nur schockiert, sondern auch nachhaltig verändert. Nach dem Abschluss des Prozesses gegen mehr als 50 Täter im Jahr 2024 wurde deutlich, dass die bestehenden Gesetze zum Schutz von Opfern sexueller Gewalt Lücken aufwiesen. Besonders empörend war, dass viele der Täter argumentierten, sie hätten „geglaubt“, Pelicot habe eingewilligt – obwohl sie durch Betäubungsmittel bewusstlos war. Diese juristische Schwachstelle führte zu einer intensiven öffentlichen und politischen Debatte, die schließlich in eine umfassende Reform des französischen Sexualstrafrechts mündete.
Im Oktober 2025 verabschiedete die französische Nationalversammlung ein neues Gesetz, das die Definition von Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen grundlegend verändert. Zum ersten Mal wird im Strafgesetzbuch ausdrücklich festgehalten, dass sexuelle Handlungen nur dann rechtmäßig sind, wenn sie auf einer klaren, freiwilligen und informierten Zustimmung beruhen. Damit gilt in Frankreich künftig das sogenannte Affirmative-Consent-Prinzip – also: Nur ein „Ja“ bedeutet wirklich Zustimmung.
Zuvor war die französische Gesetzeslage enger gefasst: Vergewaltigung setzte nach dem alten Artikel 222-23 des Strafgesetzbuchs eine „penetrative Handlung unter Anwendung von Gewalt, Zwang, Drohung oder Überraschung“ voraus. In Fällen, in denen das Opfer betäubt, eingeschüchtert oder handlungsunfähig war, war der Nachweis oft schwierig. Mit der neuen Reform reicht es aus, wenn die Zustimmung fehlt – selbst ohne sichtbare Gewalt oder Widerstand. Schweigen oder fehlende Reaktion gelten ausdrücklich nicht mehr als Einverständnis.
Politikerinnen, Juristinnen und Aktivistinnen sehen in dieser Änderung einen historischen Fortschritt für die Rechte von Opfern sexueller Gewalt. Frankreich schließt sich damit Ländern wie Schweden, Spanien und Deutschland an, die bereits ähnliche consent-basierte Regelungen eingeführt haben. Besonders Frauenrechtsorganisationen loben, dass das Gesetz die Realität vieler Betroffener besser abbildet – nämlich, dass sexuelle Gewalt oft ohne physische Gewalt, aber unter psychischem Druck oder durch Betäubung geschieht.
Die Reform gilt als direkter Erfolg des Engagements von Gisèle Pelicot, deren Mut und Öffentlichkeit den politischen Druck erst ermöglichten. Ihr Motto „La honte doit changer de camp“ – „Die Scham muss die Seite wechseln“ – steht sinnbildlich für diesen gesellschaftlichen Wandel. Durch den neuen Rechtsrahmen soll es künftig leichter werden, Täter zur Verantwortung zu ziehen und Opfern Gerechtigkeit zu verschaffen.
Gleichzeitig warnen einige Rechtsexperten, dass die Anwendung des neuen Gesetzes in der Praxis Herausforderungen mit sich bringen könnte – etwa bei der Beweisführung, ob Zustimmung tatsächlich gegeben oder verweigert wurde. Dennoch gilt die Reform als Meilenstein: Sie markiert den Übergang von einem System, das den Fokus auf Gewalt legt, hin zu einem, das den Willen und die Selbstbestimmung der betroffenen Person ins Zentrum stellt.
Gesellschaftliche Wirkung
Über die juristischen und persönlichen Folgen hinaus hat der Fall Gisèle Pelicot in Frankreich eine tiefgreifende gesellschaftliche Diskussion ausgelöst. Ihr Leitspruch „La honte doit changer de camp“ – „Die Scham muss die Seite wechseln“ – wurde zu einem zentralen Motto der französischen Frauenbewegung. Viele Betroffene fanden durch Pelicots Beispiel den Mut, selbst über erlittene Gewalt zu sprechen oder Anzeige zu erstatten. Politikerinnen, Journalistinnen und Aktivistinnen nutzen den Fall seither, um über Themen wie Konsens, Betäubungsmittelmissbrauch und den Umgang der Justiz mit sexualisierter Gewalt zu diskutieren. Pelicot selbst engagiert sich weiterhin öffentlich und setzt sich dafür ein, dass Opfer nicht länger stigmatisiert, sondern unterstützt und gehört werden.
Fazit
Der Fall Gisèle Pelicot hat Frankreich tief erschüttert und weit über die Justiz hinaus Wirkung gezeigt. Aus einem unfassbaren Verbrechen wurde ein Symbol für Mut, Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Wandel. Pelicot selbst wandelte persönliches Leid in öffentliches Engagement und wurde zu einer Stimme für viele Betroffene sexueller Gewalt.
Durch ihre Entschlossenheit und den öffentlichen Druck kam es nicht nur zu rechtskräftigen Urteilen gegen alle Täter, sondern auch zu einer historischen Gesetzesänderung, die „Zustimmung“ erstmals als zentralen Maßstab für sexuelle Handlungen im französischen Strafrecht verankert. Damit wurde eine bedeutende Lücke geschlossen und der Opferschutz nachhaltig gestärkt.
Gisèle Pelicots Geschichte steht heute für Aufklärung, Veränderung und Hoffnung. Sie hat gezeigt, dass selbst aus größtem Unrecht gesellschaftlicher Fortschritt entstehen kann – und dass die Scham tatsächlich die Seite gewechselt hat.
Quellen
(03.11.2025)
[2] https://www.dw.com/de/gis%C3%A8le-pelicot-eine-frau-besiegt-ihre-vergewaltiger/a-71109716
[4] https://apnews.com/article/c72f7f80af12690120bbf37fbfc34e56
[5] https://www.reuters.com/world/france-revamps-rape-law-after-gisele-pelicot-case-2025-10-29
[7] https://time.com/7330026/gisele-pelicot-france-rape-law-updated-affirmative-consent-force-oecd/