Sep 18, 2026
#FactFriday: "Karrierefrauen"
Karrierefrauen
Zwischen Chancen, Hindernissen und strukturellen Grenzen
“A woman must have money and a room of her own.”
-Virginia Woolf über die Voraussetzungen weiblicher Unabhängigkeit
Der Weg ins Berufsleben beginnt oft schon an der Universität. Doch für Frauen kann dieser Weg mit besonderen Hürden verbunden sein. Ob bei der Bewerbung, bei der Frage nach Familienplanung, beim Aufstieg oder auf dem Weg in eine Führungsposition: Geschlecht kann noch immer beeinflussen, wie Frauen wahrgenommen werden und welche Chancen sie bekommen. Dazu kommen strukturelle Probleme wie die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit, der Gender Pay Gap und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Was erwartet uns also als Frauen im Berufsleben und welche Rechte, Möglichkeiten und Unterstützungsangebote gibt es? Wir schauen heute genauer hin.
Bewerbung – gleiche Chance für alle?
Schon beim Einstieg ins Berufsleben können Frauen mit besonderen Hürden konfrontiert sein. Besonders die Themen Schwangerschaft, Kinderwunsch und Familienplanung spielen dabei eine Rolle. Eine Befragung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt: 6 % der befragten Frauen gaben an, in einem Vorstellungsgespräch schon einmal gefragt worden zu sein, ob sie schwanger seien. 37 % der Befragten wurden nach ihrem Familienstand gefragt. Dabei gilt: Fragen nach einer bestehenden oder geplanten Schwangerschaft sind im Bewerbungsgespräch grundsätzlich unzulässig. Eine Benachteiligung wegen Schwangerschaft gilt nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) als Diskriminierung wegen des Geschlechts.
Das Problem endet jedoch nicht mit der Einstellung. Die Antidiskriminierungsstelle berichtet auch von Benachteiligungen bei Beförderungen, Gehalt, Vertragsverlängerungen und beim Wiedereinstieg nach der Elternzeit. In einer älteren Befragung berufstätiger Mütter gaben beispielsweise rund 70 % an, dass berufliche Verbesserungen während ihrer letzten Schwangerschaft entweder auf Eis gelegt oder gestrichen wurden. Schwangerschaft und Kinderwunsch sind keine mangelnde berufliche Motivation. Trotzdem können sie im Berufsleben zum Nachteil werden.
Nach der Einstellung? Frauen im Berufsleben
Die Bewerbung ist geschafft, der Arbeitsvertrag unterschrieben , aber gleiche Chancen enden nicht mit der Einstellung. Frauen und Männer arbeiten in Deutschland noch immer häufig in unterschiedlichen Berufsfeldern. 2024 waren 65,6 % der Beschäftigten in Büro- und kaufmännischen Berufen Frauen. Auch in Dienstleistungsberufen stellten Frauen mit 61,7 % die Mehrheit. In vielen technischen und handwerklichen Berufen sind sie dagegen deutlich seltener vertreten. Auch die Arbeitszeit ist ungleich verteilt: 2025 arbeitete jede zweite erwerbstätige Frau in Teilzeit (50,6 %) – bei Männern waren es 14,3 %. Das wirkt sich auf Karriere und Einkommen aus. 2025 lag der Gender Pay Gap bei 16 %, d.h. Frauen verdienten im Durchschnitt pro Arbeitsstunde 16 % weniger als Männer. Ein Teil des Unterschieds hängt mit unterschiedlichen Berufen, Arbeitszeiten und Erwerbsbiografien zusammen. Und je weiter es nach oben geht, desto weniger Frauen finden sich in Entscheidungspositionen. 2024 waren nur 29,1 % der Führungskräfte Frauen, obwohl Frauen 46,9 % aller Erwerbstätigen ausmachten.
Die Frage ist also nicht nur: Wer bekommt einen Job? Sondern auch: Wer bekommt welche Jobs – und wer bekommt die Chance, aufzusteigen?
„Girl Boss“ – Karriere und Aufstiegschancen
Wie bereits zuvor beschrieben, sind Frauen gut ausgebildet und qualifiziert, jedoch viel seltener in Führungspositionen vertreten. Und dieser Anteil hat sich kaum verändert: 2014 waren 29,0 % der Führungskräfte Frauen, 2024 waren es 29,1 %. Gleichzeitig lag der Frauenanteil unter allen Erwerbstätigen 2024 bei 46,9 %. EIn Grund dafür liegt auch in unterschiedlichen Berufswegen: Weiblich geprägte Berufsfelder unterscheiden sich häufig auch in Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten.
Karriereförderung bedeutet nicht nur, „selbstbewusster“ aufzutreten. Mentoring, Netzwerke, Weiterbildung und gezielte Förderprogramme können Frauen dabei unterstützen, Führungsverantwortung zu übernehmen oder eigene Unternehmen zu gründen. Für Studentinnen und Absolventinnen gibt es beispielsweise EXIST-Women. Das Programm richtet sich an gründungsinteressierte Frauen an Hochschulen und Forschungseinrichtungen und bietet unter anderem Mentoring, Workshops, Netzwerke und finanzielle Unterstützung. Auch im öffentlichen Dienst gibt es gezielte Maßnahmen: Der Bund unterstützt beispielsweise Mentoringprogramme und Netzwerke zur Gewinnung weiblicher Führungskräfte.
Denn gleiche Voraussetzungen am Anfang bedeuten noch nicht automatisch gleiche Chancen auf dem Weg nach oben.
Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz
Der Arbeitsplatz sollte ein sicherer Ort sein. Trotzdem erleben viele Frauen dort sexuelle Belästigung und diese beginnt nicht erst bei körperlichen Übergriffen. Eine aktuelle EU-weite Erhebung zeigt: Etwa jede dritte Frau wurde bereits am Arbeitsplatz sexuell belästigt. Bei Frauen zwischen 18 und 29 Jahren sind es sogar zwei von fünf. Auch deutsche Daten zeigen das Ausmaß: In einer repräsentativen Studie hatten 13 % der Frauen in den drei Jahren vor der Befragung sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt, gegenüber 5 % der Männer. Bei den Betroffenen waren 76 % Frauen.
Sexuelle Belästigung kann ganz unterschiedliche Formen annehmen:
- sexualisierte Kommentare oder Witze
- aufdringliche Blicke oder Gesten
- unerwünschte Nachrichten mit sexuellem Inhalt
- unerwünschte Berührungen
- sexuelle Annäherungsversuche
Dabei muss keine körperliche Berührung stattfinden, damit Verhalten als sexuelle Belästigung gilt. Entscheidend ist, dass die betreffende Person das Verhalten nicht möchte und ihre Würde verletzt wird. Besonders problematisch ist, Belästigung kommt nicht nur von Kolleg:innen. In der Studie von 2019 gingen 53 % der berichteten Belästigungen von Kund:innen, Patient:innen oder anderen Dritten aus, 43 % von Kolleg:innen und 19 % von Vorgesetzten. Sexuelle Belästigung ist kein „Kompliment“, kein Kavaliersdelikt und kein persönliches Problem der Betroffenen. Sie ist Diskriminierung und Arbeitgeber sind verpflichtet, Beschäftigte davor zu schützen.
Sexueller Belästigung entgegenwirken
Du musst sexuelle Belästigung nicht hinnehmen. Und du musst nicht allein damit umgehen.
- Sprich darüber – wenn du möchtest. Wende dich an eine Person, der du vertraust. Das kann eine Kollegin, eine Vorgesetzter, der Betriebs- oder Personalrat oder die Gleichstellungsbeauftragte sein.
- Dokumentiere die Vorfälle. Notiere möglichst zeitnah Datum, Ort, beteiligte Personen und was passiert ist. Sichere außerdem Nachrichten, E-Mails oder andere Belege und notiere mögliche Zeug:innen. (Wichtig, wenn du später gegen die Belästigung vorgehen möchtest.)
- Du hast ein Recht auf eine Beschwerde. Nach § 13 AGG muss jeder Arbeitgeber eine Beschwerdestelle haben, an die sich Beschäftigte bei Diskriminierung und sexueller Belästigung wenden können. Der Arbeitgeber muss einer Beschwerde nachgehen.
- Hol dir Beratung, bevor du eine formelle Beschwerde einreichst. Eine Beschwerde kann weitere Schritte auslösen und die Anonymität ist danach meist nicht mehr gewährleistet. Deshalb kann es sinnvoll sein, sich zunächst vertraulich beraten zu lassen.
Hilfe & Beratung
- Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: 116 016 (Kostenlos, anonym und vertraulich, 24/7, auch bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Auf Wunsch vermitteln die Beraterinnen an passende Stellen vor Ort.)
- Online-Beratung (anonyme und geschützte Beratung per Chat oder E-Mail ist ebenfalls möglich.)
- Antidiskriminierungsstelle des Bundes (Informationen zu den eigenen Rechten und zum Vorgehen bei sexueller Belästigung und Diskriminierung)
Und ganz wichtig: Du bist nicht schuld an der Belästigung. Du bestimmst selbst, ob, wann und welche Hilfe du in Anspruch nehmen möchtest.
Karriere machen – für alle?
Frauen sind heute hochqualifiziert, beruflich aktiv und ambitioniert. Trotzdem zeigen sich entlang des gesamten Karrierewegs Unterschiede: bei der Berufswahl, der Arbeitszeit, der Bezahlung, den Aufstiegschancen und der Besetzung von Führungspositionen. Diese Unterschiede sind nicht allein eine Frage individueller Entscheidungen. Auch gesellschaftliche Rollenbilder und Strukturen beeinflussen, welche Möglichkeiten Frauen haben und wie sie im Berufsleben wahrgenommen werden. Deshalb bedeutet Gleichberechtigung nicht nur, Frauen zu ermutigen, nach „mehr“ zu streben. Es bedeutet auch, Arbeitsbedingungen und Strukturen so zu verändern, dass Karriere, finanzielle Unabhängigkeit und Führung nicht vom Geschlecht abhängen.
Wir müssen nicht weniger ambitioniert sein.
Wir müssen nicht zwischen Karriere und einem erfüllten Leben wählen.
Und wir müssen uns unseren Platz nicht erst verdienen.
Wir gehören überall dorthin, wo wir sein wollen.
Quellen (18.09.2026)
[3]https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/05/PD26_N035_13.html
[5] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/12/PD25_453_621.html
[6] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/02/PD26_064_621.html
[9] https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/alle-meldungen/sexuelle-belaestigung-am-arbeitsplatz-betrifft-vor-allem-frauen--140380?