03.04.2026
Dem Eis auf der Spur: Wie sich Änderungen des südlichen Patagonischen Eisfelds vermessen lassen
Aufbau des FG5-Absolutgravimeters am Messpunkt Estancia Helsingfors
Anfang März 2026 sind Wissenschaftler der Technischen Universität Dresden und des Bundesamts für Kartographie und Geodäsie (BKG) Leipzig von einer vierwöchigen Messkampagne im südlichen Patagonien (Argentinien) zurückgekehrt. Im Gepäck haben sie neue Messdaten, die am östlichen Rand des südlichen Patagonischen Eisfelds bis hin zur Atlantikküste erhoben wurden und Aufschluss über das Schrumpfen der Eismassen geben sollen.
Im südlichen Patagonien befinden sich die größten Eismassen in der südlichen Hemisphäre außerhalb Antarktikas: die Patagonischen Eisfelder. Wie andere Gletscher weltweit und selbst die beiden kontinentalen Eisschilde in Grönland und Antarktika verlieren auch die Patagonischen Eisfelder wegen der Klimaerwärmung zunehmend an Masse.
Übersichtskarte des Arbeitsgebiets vom südlichen Patagonischen Eisfeld bis zur Atlantikküste, mit den Messpunkten für die Absolutgravimetrie.
Um diese Eismassenänderung zu vermessen, realisieren Mirko Scheinert von der Professur für Geodätische Erdsystemforschung der TU Dresden und Axel Rülke vom BKG Leipzig als Projektleiter ein gemeinsames Forschungsprojekt, das durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird.
Alfredo Pasquare richtet das Absolutgravimeter FG5 für die Messung in Puerto San Julian ein.
2026 konnte nun also nach 2020 und 2022 die dritte Messkampagne erfolgreich abgeschlossen werden. Ein kurzer Film gibt einen ersten Eindruck der Feldarbeiten. Neben den Wissenschaftlern André Gebauer und Erik Brachmann (BGK Leipzig) und dem Masterstudenten Benjamin Göbel (TU Dresden) waren weitere Kollegen von Projektpartnern aus Argentinien beteiligt: Alfredo Pasquare vom Argentinisch-Deutschen Geodätischen Observatorium (AGGO), das zudem in diesem Jahr sein 10jähriges Jubiläum feiert, Andreas Richter (Universidad Nacional de La Plata und TU Dresden), Eric Marderwald (Estación Astronomico de Rio Grande) sowie Steffen Welsch (El Calafate).
Erik Brachmann bei der FG5-Messung in Tres Lagos.
Für die Vermessung setzen die Wissenschaftler ein besonders empfindliches Messverfahren ein: die Absolutgravimetrie. Axel Rülke betont: „Das hierbei benutzte Absolutgravimeter vom Typ FG-5 ist in der Lage, kleinste Schwereänderungen zu messen. Die Schwerebeschleunigung in einer Größenordnung von ungefähr 9,8 m/s² kann so auf die achte Nachkommastelle genau erfasst werden.“ Die über den Zeitraum von sechs Jahren an acht Punkten bestimmten Schwereänderungen werden zudem zu den an diesen Punkten mittels GNSS (Globales Navigationssatellitensystem) gemessenen Höhenänderungen in Relation gesetzt.
Benjamin Göbel führt relative Schweremessungen mit einem Gravimeter Scintrex CG6 durch, um den lokalen Schweregradienten an der Messstation in El Calafate zu bestimmen.
Durch die Kombination dieser Messverfahren soll die komplizierte geowissenschaftliche Gemengelage im Gebiet des südlichen Patagonischen Eisfelds besser verstanden werden: Die Eismassenänderungen müssen von heute bis über mehrere tausend Jahre in die Vergangenheit zurückverfolgt werden, um die aktuell mit GNSS gemessene Deformation der Erdkruste zu verstehen. Hierbei spielt der komplizierte Aufbau des Erdinnern in Patagonien eine besondere Rolle: Mit der Nazca-, der Südamerika- und der Antarktisplatte treffen in der Region gleich drei tektonische Platten aufeinander und führen zu einer einzigartigen Situation.
Die Analyse aller Messdaten der drei Kampagnen 2020, 2022 und 2026 wird ein tieferes wissenschaftliches Verständnis ermöglichen, wie das südliche Patagonische Eisfeld auf die Klimaänderung reagiert und wie es mit der festen Erde in Wechselwirkung steht.
Das Forschungsprojekt "Gravimetrische Bestimmung der Reaktion der festen Erde auf Eismassenänderungen in Süd-Patagonien" (GravPatagonia) wird von der DFG gefördert (GZ. SCHE 1426/28-1 und RU 2380/1-1).
Gemeinsame Pressemitteiung von TU Dresden und BKG Leipzig.
Kurzes Video zur Messkampagne (Trailer).
Kontakt:
Dr. Mirko Scheinert, TU Dresden, Professur für Geodätische Erdystemforschung, Helmholtzstr. 10, 01069 Dresden
Email: , Telefon: 0351 463 33683
Dr. Axel Rülke, Bundesamt für Kartographie und Geodäsie, Referat Satellitennavigation, Karl-Rothe-Straße 10-14, 04105 Leipzig
Email: , Telefon: 069 6333 2878
Im Gebiet der Estancia Christina führt Benjamin Göbel relative Schweremessungen an einem Exzentrum (Sicherungspunkt) durch.
Mittels GNSS-Reflektometrie wird der momentane Wasserstand des Ozeans bzw. der großen Seen bestimmt, um Korrektionswerte für die Auswertung der Absolutgravimetrie zu erhalten. Andreas Richter hat die GNSS-Messausrüstung in Puerto San Julian aufgebaut.
Blick auf den Glaciar Perito Moreno, einem der größten Gletscher des südlichen Patagonischen Eisfeld, der von Zeit zu Zeit den südlichen Arm des Lago Argentino blockiert und damit aufstaut.
Durchführung eines Präzisionsnivellements zur Bestimmung der Höhenunterschiede zwischen den verschiedenen Messpunkten (Absolutgravimetrie, GNSS, Sicherungspunkte), hier im Gebiet der Estancia Cristina. A. Richter, E. Marderwald und A. Rülke (v.l.n.r.).