VerEMo - Verkehrsverdunstung: Empirische Analysen und Grundlagen für eine nachhaltige Mobilitätsplanung
Eingestürzte Carolabrücke in Dresden
Werden Kfz-Fahrstreifen zugunsten des Umweltverbunds umgewidmet oder werden baufällige Brücken gesperrt, dann befürchten Öffentlichkeit und Politik häufig erhebliche Staus und Zeitverluste bis hin zu einem „Verkehrskollaps“. Etablierte Verkehrsnachfragemodelle als wichtigste Werkzeuge der Verkehrsplanung verstärken diese Wahrnehmung, da sie meist von einer konstanten Verkehrsnachfrage ausgehen und Kapazitätsreduktionen fast ausschließlich als Engpass abbilden. Dies unterschätzt allerdings die Anpassungsfähigkeit der Verkehrsteilnehmenden: Auf Reduktionen der Straßenkapazitäten wird dynamisch reagiert. Ein Teil des Verkehrs „verdunstet“ und Verzögerungen fallen in der Realität geringer aus als erwartet.1 Dies lässt sich sehr gut am Beispiel der kürzlich eingestürzten Carolabrücke in Dresden studieren: Ein Drittel der zuvor gezählten Pkw-Fahrten über die Elbbrücken findet nicht mehr statt und hat sich wahrscheinlich auch nicht auf andere Verkehrsmittel verlagert.
Das Forschungsvorhaben VerEMo soll die empirische Evidenz zum Phänomen einer „Verkehrsverdunstung“ erweitern. Hierzu wird untersucht, wie stark sich die Kfz-Verkehrsnachfrage infolge von Kapazitätsreduktionen ändert, welche Anpassungen im Verkehrshalten und Einflussfaktoren dazu beitragen und welche Folgen die für die CO2-Emissionen des Verkehrs und Erreichbarkeiten hat. Zunächst werden Beobachtungen und Befragungen zum Fall der Carolabrücke sowie weiterer aktueller Fallbeispiele in Deutschland systematisch ausgewertet. Die Erkenntnisse werden anschließend durch eine deutschlandweite Online-Befragung (Stated- und Revealed-Preference) ergänzt. Mittels der Synthese der Ergebnisse können der Umfang der „Verkehrsverdunstung“ quantifiziert und die darunterliegenden Wirkungszusammenhänge systematisch verstanden werden.
Damit legt das Forschungsvorhaben empirische Grundlagen, macht das Phänomen der Verkehrsverdunstung für die Verkehrsplanungspraxis zugänglich und trägt zu einem Paradigmenwechsel in der Diskussion um die Neuverteilung von Straßenraum bei, welcher für eine Mobilitätswende notwendig ist.
Kontaktperson
Prof. Dr. Jens Borken-Kleefeld
Projektlaufzeit
März 2026 – März 2029
Fördermittelgeber
Fußnoten
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Bauer, U., Bettge, S., & Stein, T. (2023). Verkehrsberuhigung: Entlastung statt Kollaps! Deutsches Institut für Urbanistik (Difu). https://doi.org/10.34744/difu-policy-papers-2023-2
Cairns, S., Atkins, S., & Goodwin, P. (2002). Disappearing traffic? The story so far. Proceedings of the Institution of Civil Engineers - Municipal Engineer, 151(1), 13–22. https://doi.org/10.1680/muen.2002.151.1.13