Bring Your Own Source
Wessen Geschichte wird im Unterricht behandelt? Wer findet sich in ihm wieder und wer fühlt sich – andersherum – von den Themen, Materialien und Methoden aus dem Lehrplan und in der Unterrichtspraxis nicht angesprochen oder repräsentiert?
Vor allem durch zunehmend heterogene Klassengemeinschaften an allen Schulformen stellen sich diese Fragen, die sowohl auf den Inhalt, als auch auf die didaktische Form der Vermittlung im Unterricht zielen.
Da dieses Repräsentanz- und damit auch Relevanzproblem besonders in geisteswissenschaftlichen Fächern wie Geschichte oder Religion deutlich wird, begegnen wir dem Problem in diesen Fachdidaktiken, indem wir das Arbeiten mit und an der Quelle ins Zentrum unserer Überlegungen stellen.
In der Geschichtsdidaktik folgen wir einem – wenn nicht gar dem – wesentlichen Paradigma aktueller fachdidaktischer Überlegungen: dem Quellenparadigma. Wir gehen dabei aber nicht wie sonst üblich von der Quelle aus, sondern stellen die Schüler:innen an den Anfang unserer konzeptionellen Überlegungen. Damit nehmen wir sie „als kleine Historiker:innen“ ernst und nutzen ihr „Orientierungsbedürfnis“ zur Erschließung und Vermittlung von Vergangenheit.
Auch religionspädagogisch ist es ein wichtiges Anliegen, über die von den Schüler:innen mitgebrachte Theologie in das Unterrichtsgespräch einzusteigen und eine reflektive Auseinandersetzung zu erreichen. Eine von den Schüler:innen ausgehende Auswahl theologischer und historischer Quellen für den Religionsunterricht, an welcher sich solche Überlegungen zeigen lassen, wäre demnach ein erfolgversprechender Ausgangspunkt.
Durch diese Konzeption des Projektes richtet sich BYOS nicht nur an Schüler:innen, sondern auch an Lehrkräfte aller Schulformen, Studierende sowie interessierte Forschende.
Zeitgeschichtliche Familienarchive aus Schüler:innenperspektive (ZFS)
2026 widmet sich die Geschichtsdidaktik Dresden in Kooperation mit der Religionspädagogik der Georg-August-Universität Göttingen dem Lehrmodul Zeitgeschichtliche Familienarchive aus Schüler:innenperspektive (ZFS).
Das Lehr- und Forschungsmodul „Zeitgeschichtliche Familienarchive aus Schüler:innenperspektive“ geht von den Interessen der Schüler:innen aus. Sie werden von ihren Geschichtslehrkräften gebeten, eine Familienquelle zur Transformationszeit mit in den Unterricht zu bringen. Hier machen sie ihre Quellen und ihre Geschichten für ihre Mitschüler:innen zugänglich. Dieses Vorgehen ist strukturell in eine Lehrerfortbildung integriert. Ziel ist es, familiäre Quellenkompendien im Klassengefüge zu erstellen. In einem nächsten Schritt ordnen und didaktisieren Lehramtsstudierende die Schüler:innenquellen. Die Didaktisierung wird anschließend von den Lehrpersonen geprüft. Die so geordneten Quellen werden schließlich im Museum ausgestellt und als Kompendium digital veröffentlicht. Auch die begleitende didaktische Handreichung wird digital publiziert. Diese Produkte des strukturellen didaktischen Doppeldeckers stellen den Ausgangspunkt für künftige Lehrmodule dar, die geteilte Geschichte in eine gemeinsame Gegenwart überführen: Anhand der Liebesbriefe ihrer Großeltern, anhand der vom ersten Westgeld gekauften Ohrringe ihrer Mutter, anhand der Ausschussware, die in Form des jährlich zu Weihnachten herausgeholten Nussknackers die lebensweltlichen Auswirkungen des Devisenhandels vor Augen führen.
Dieses lebensweltliche Erzählen schätzt individuelle Lebensläufe wert und verbindet das Individuum mit Geschichte. Das ist es, was ZFS leisten möchte.
Wir danken der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur für die Förderung und freuen uns auf die Umsetzung dieses lebendigen, partizipativen Bildungsprojekts im kommenden Jahr.
Die Idee des 'Bring Your Own Source' Projektes © BYOS Projekt
Wie kann Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) so gestaltet werden, dass unterschiedliche Perspektiven ernst genommen und Lernende aktiv eingebunden werden? Mit dieser Leitfrage war das BYOS-Team im Oktober 2025 bei den BNE-Fachtagen an der Georg-August-Universität Göttingen vertreten. An zwei Tagen kamen hier Lehrkräfte, pädagogisches Personal, Studierende sowie Schülerinnen und Schüler zusammen, um BNE gemeinsam zu reflektieren und praktisch zu erproben. Der erste Veranstaltungstag stand im Zeichen des Austauschs mit Lehrkräften und schulischem Fachpersonal. Nach einer Einführung in den BYOS-Ansatz wurde vorgestellt, wie dieser im Seminarfach der Geschwister-Scholl-Gesamtschule Göttingen umgesetzt wurde. Die Teilnehmenden erhielten Einblick in die Arbeit der Schülerinnen und Schüler, deren selbst ausgewählte Quellen zu Bildung für nachhaltige Entwicklung auf Plakaten im Raum ausgestellt waren. Auf dieser Grundlage wurden Rückmeldungen formuliert, die den Schülerinnen und Schülern Orientierung für die Weiterarbeit geben sollten, insbesondere mit Blick auf die spätere Ausarbeitung einer Facharbeit.
Am zweiten Veranstaltungstag rückten die Schülerinnen und Schüler selbst in den Mittelpunkt. Eine Klasse der Geschwister-Scholl-Gesamtschule präsentierte ihre Arbeit im Rahmen von BYOS vor einem Publikum aus anderen Schüler:innen, Lehrkräften und Studierenden. Ein Video bot einen anschaulichen Einstieg in den Arbeitsprozess der Klasse und stieß auf großes Interesse; es ist auch auf unserer Homepage abrufbar. In den anschließenden Präsentationen und Gesprächen entwickelte sich ein lebendiger Austausch über Inhalte, Perspektiven und Deutungen von Bildung für nachhaltige Entwicklung. Insgesamt zeigten die beiden Tage eindrücklich, wie BYOS als partizipativer Ansatz dazu beitragen kann, Bildung für nachhaltige Entwicklung lebensweltbezogen, dialogisch und offen zu gestalten. Die BNE-Fachtage boten dafür einen passenden Rahmen und machten das Potenzial der Verbindung von schulischer Praxis, wissenschaftlicher Begleitung und aktiver Schüler:innenbeteiligung deutlich.
Die Idee des Projekts
Da die Unterrichtsfächer Geschichte und Religion Schüler:innen mit verschiedenen (historischen) Quellen in die Wissenschaft der Fächer einführen, liegt dieser fachdidaktische Kern auch dem Forschungsprojekt Bring Your Own Source zugrunde. Jedoch stellen wir nicht nicht – wie sonst üblich – die Quelle, sondern die Schüler:innen selbst an den Anfang unserer Überlegungen und die Frage, welche Quellen sie interessieren und warum, in das Zentrum des Projekts.
Dieser Forschungsansatz ist besonders geeignet die zunehmend sprachlich-kulturelle Heterogenität der Schulklassen zu adressieren. Schüler:innen unterschiedlicher sprachlicher, kultureller und religiöser Hintergründe können so durch die Wahl ihrer eigenen Quelle ihre Sprache und ihr geschichtskulturelles Verständnis in den Unterricht einbringen. Für die Schüler:innen mit Migrationshintergrund kann das Verständnis der Quellen dann auf zwei Ebenen betrachtet werden: Erstens benötigen diese Schüler:innen das notwendige Wissen und die kulturellen Kompetenzen, um die historischen und religiösen Hintergründe der (multimodalen) Quellen zu verstehen. Zweitens sind die sprachlichen Fähigkeiten entscheidend, um mit den mehrsprachigen Quellen umzugehen und ihre Kontexte richtig zu erfassen.
Die institutionelle Rahmung des Projekts
Die beschriebenen konzeptionellen Ansätze untersuchen wir fach- und institutionsübergreifend mit Hilfe von:
- Der ZEWIL der Georg-August-Universität als Förderer,
- Der Geschichtsdidaktik der Technischen Universität in Dresden durch Prof. Dr. Corinna Link,
- Der Religionspädagogik der Georg-August-Universität Göttingen durch Dr. Melanie Lukas,
- Dem Netzwerk Lehrkräftefortbildung (NLF) der Georg-August-Universität Göttingen, welches die Projektmaßnahmen in ihre Fortbildungsangebote für Lehrkräfte mit einbindet, und
- Der Niedersächsischen Landesschulbehörde sowie der Landeskirchen und Bistümer, welche die konzeptionellen Forschungen an den Schüler:innenquellen unterstützen.
Die Ergebnisse des Projekts werden digital über Universitätsbibliotheken und an außerschulischen Lernorten zugänglich gemacht.
Die Ziele des Projekts
- Die Erstellung eines kommentiertes Quellenkompendiums auf der Basis der Schüler:innenquellen, das durch die Impulse, die die Schüler:innen selbst zur Erschließung „ihrer Quelle“ geben, für unterrichtspraktische Zwecke aufbereitet wird.
- Die Zugänglichkeit des Kompendiums über ein digitales Archiv.
- Die Lehrkräfte, die an diesem Projekt mitwirken, begleiten die Entstehung des Quellenkompendiums fortlaufend. Als Produkt entsteht ein fach- und institutionenübergreifendes Fortbildungskonzept, das als kann. Lehramtsstudierende werden in diesen Prozess eingebunden.
- Die Entstehung eines fach- und institutionenübergreifendes Fortbildungskonzept, welches den Anspruch hat, durch die Begleitung des Projektes durch Lehrkräfte und Einbindung von Lehramtsstudierenden als „Blaupause“ für künftige Fort- und Weiterbildungsangebote zu dienen.
- Die Entstehung empirischer Studien durch empirisch-forschende Begleitung des Durchführungsprozesses des Projekts, u.a. durch studentische Forschungsarbeiten.
- Die Inversion des Unterrichts durch das Kennenlernen anderer „historiographischer Sprache(n)“ durch die heterogene Quellenauswahl, welche alle Schüler:innen gleichberechtigt durchführen.
Die Ansprechpartner:innen
Jun.-Prof Dr. Corinna Link
Inhaberin der Professur für Geschichtsdidaktik und stellv. Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Geschichte, Technische Universität Dresden
Dr. Melanie Lukas
Fachreferent:in im Projektmanagement der ZEWIL und stellv. Gleichstellungsbeauftragte, Georg-August Universität Göttingen