Debatten um die "Hetzjagd"-Petition

  • 1. Reaktion auf die "Hetzjagd"-Petition: Offener Brief an Prof. Patzelt (15. September 2018) - Link (flurfunk dresden)

  • Bericht der FAZ über die Debatte (19. September 2018) - Link (faz.net)

  • Antwort Prof. Patzelt - Link (wjpatzelt.de)

  • Rückantwort an Prof. Patzelt (20. September 2018): 

"Sehr geehrter Herr Patzelt,

Ihre öffentlichen Stellungnahmen zu meinem offenen Brief verlangen nach einer öffentlichen Erwiderung. Ich repliziere in aller Kürze, denn weite Teile Ihrer Darstellungen betreffen kaum den von mir dargestellten Sachverhalt. Insofern hält sich der Lerneffekt bei mir tatsächlich in sehr engen Grenzen.

Zunächst: Ihre wortreichen Klagen über die Ungerechtigkeit der Beurteilung Ihrer Person gehen ins Leere. Meine Kritik an der politischen Agitation zielte nicht auf eine Gesamtbewertung Ihrer Person als Wissenschaftler und Bürger. Der Maßstab zur Beurteilung der Petition kann nicht das Gesamtwerk von Werner Patzelt sein, sondern Erscheinungsform und Platz der Petition im politischen Diskurs der letzten Wochen. Diese fügt sich ein in eine Reihe von Versuchen, mittels der Kritik des Begriffs „Hetzjagd“ (für die es gute Gründe geben mag, wie ich einräumte), diesen Diskurs zu verschieben weg vom Mobilisierungspotential des Rechtsextremismus in Chemnitz. Eine „Skandalinszenierung“ sehe ich mithin in der Petition und ihrer Rahmung, nicht in meiner Interpretation. Diese Inszenierung lässt sich kaum mit Hinweis auf Ihr vielfach unter Beweis gestelltes Eintreten für die plurale Demokratie unsichtbar machen, ebenso wenig, wie jahrzehntelanges unfallfreies Fahren vor einem Bußgeld bei Geschwindigkeitsüberschreitung schützt.

Weiterhin: Auch Ihre Stellungnahmen zum Kern der Sache sind wenig ertragreich. Was die Petition angeht, beharren Sie treuherzig darauf, Aufschluss und Klarheit von der Regierung erbeten zu haben. Wie Sie selbst schreiben, kamen Sie aber schon vor der Petition zum Ergebnis, Hetzjagden habe es nicht gegeben – eine mögliche, jedenfalls legitime Einschätzung, wie gesagt. Die Petition aber insinuiert, die Regierung habe – falls es nicht noch bislang unbekanntes Videomaterial gebe – gelogen. Diese Semantik des „wahr“ und „falsch“ bzw. „lügnerisch“ erschien und erscheint mir agitatorisch, und das erst recht im Kontext des Goebbels-Bildes und der „Lügenspiralen“-Graphik. Ihre Ausführungen in dieser Hinsicht sind einigermaßen spitzfindig. Zitat: „Hätte ich mich je mit der Kombination von Hintergrundbild, Theoriegrafik und Aufruf identifiziert, würde ich mich jetzt von ihr distanzieren.“ Verwunderlich scheint mir die Verwunderung eines öffentlichen Intellektuellen darüber, für das Gesamterscheinungsbild einer von Ihnen gezeichneten Petition in Mithaftung genommen zu werden, auch und gerade mit Blick auf die dubiosen Mitinitiatoren. Und seltsam mutet die Kritik an der angeblichen Oberflächlichkeit meiner Interpretation der „Lügenspirale“-Graphik an, weil ich nur den oberen Teil der Spirale berücksichtigt hatte, die auf der Petition abgebildet war. Ich wüsste nicht, was ich durch den Einbezug der vollständigen Spirale von meinen Aussagen zurückzunehmen hätte. Immerhin nehme ich befriedigt zur Kenntnis, dass Sie die von mir kritisierte „Kombination“ nun ebenfalls für zumindest problematisch zu halten scheinen.

Zuletzt: Ihre Stellungnahmen durchzieht als roter Faden eine Selbststilisierung als aufrechter Kämpfer für die Wahrheit, der heroisch den Vertretern eines übermächtigen Meinungskartells die Stirn bietet. Das ist ein übliches und gerade gegenwärtig verbreitetes rhetorisches Stilmittel, kaum aber eine angemessene Beschreibung der Streitkonstellationen. Was Sie betrifft, so sprechen Ihre mediale Allgegenwart und die damit verbundenen Möglichkeiten, Ihre Position öffentlich zur Geltung zu bringen, für sich. Was mich betrifft, so bin ich von einer Überschätzung meiner Person und meiner Stellungnahme weit entfernt. Ich spreche für mich selbst, nicht für eine Institution oder gar für ein ominöses „System“. Aufgrund des offenen Briefes hat mich in den vergangenen Tagen allerdings viel Zuspruch von Angehörigen der TU Dresden erreicht. Offensichtlich erschien es ihnen nicht überflüssig, dass aus unserer Universität heraus eine öffentliche Gegenrede zu Ihrer Petition formuliert worden ist.

Mit freundlichen Grüßen
Gerd Schwerhoff"

  • hier der Antworttext von Prof. Patzelt als von ihm "erhoffter Ausklang" der Debatte (25. September 2018) - Link (wjpatzelt.de)
  • und hier Prof. Patzelts Zusammenfassung vom Vortag (24. September 2018); man beachte auch hier die Visualisierung - Link (wjpatzelt.de)

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Alexander Kästner
Letzte Änderung: 26.09.2018