10.03.2026
Affektive Berührungsverarbeitung bei Autismus und ihre Bedeutung für die Berührungsforschung
Einleitung
Zwischenmenschliche Berührung spielt eine grundlegende Rolle in der sozialen Kommunikation, der Emotionsregulation und dem Wohlbefinden. Studien zeigen zunehmend, dass Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) häufig eine atypische sensorische Verarbeitung aufweisen, darunter veränderte Reaktionen auf taktile Reize. Eine aktuelle psychophysikalische Studie von Makita et al. (2025) untersuchte, wie Erwachsene mit ASS die Angenehmheit und Weichheit von Materialien mit unterschiedlicher Nachgiebigkeit bewerten, insbesondere von Materialien, die den mechanischen Eigenschaften menschlicher Körperteile ähneln.
Ergebnisse
Makita et al. (2025) fanden heraus, dass sowohl neurotypische Erwachsene als auch Erwachsene mit ASS eine Zunahme der Weichheit mit zunehmender Materialnachgiebigkeit ähnlich wahrnahmen. Die Gruppen unterschieden sich jedoch in ihren affektiven Bewertungen. Menschen mit ASS zeigten einen signifikant geringeren Anstieg der wahrgenommenen Angenehmheit beim Berühren weicherer Materialien, insbesondere im Nachgiebigkeitsbereich vergleichbar mit der menschlichen Haut. Diese Ergebnisse legen nahe, dass die diskriminative taktile Wahrnehmung zwar weitgehend intakt bleibt, die affektive Verarbeitung taktiler Reize bei ASS jedoch verändert ist.
Interpretation
Diese Ergebnisse stimmen mit theoretischen Unterscheidungen zwischen diskriminativen und affektiven Berührungssystemen überein (McGlone et al., 2014) und stützen umfassendere Rahmenkonzepte, die motivationale und belohnungsbezogene Mechanismen bei Autismus betonen (Chevallier et al., 2012). Eine reduzierte affektive Bewertung hautähnlicher Berührungsreize könnte zur häufig beobachteten Vermeidung zwischenmenschlicher Berührung bei Autismus-Spektrum-Störungen beitragen und somit soziale Interaktionsmuster beeinflussen.
Implikationen für die Berührungsforschung und die Berührungsmedizin
Für interdisziplinäre Forschungsgruppen wie das ConTakt Lab liefert die Studie wichtige empirische Belege dafür, dass Unterschiede in der sozialen Berührung primär auf einer veränderten emotionalen Bewertung und weniger auf einer beeinträchtigten sensorischen Wahrnehmung beruhen. Diese Erkenntnis kann zukünftige Forschung zur neuronalen Verarbeitung affektiver Berührung, zu adaptiven haptischen Technologien und zu inklusiven experimentellen Paradigmen bereichern. Im klinischen Kontext könnten Ansätze der Berührungsmedizin von personalisierten taktilen Interventionen profitieren, die individuelle affektive sensorische Profile, eine abgestufte Exposition gegenüber taktilen Reizen und anpassbare, auf die Patientenpräferenzen zugeschnittene Therapiematerialien berücksichtigen.
Fazit
Die Studie unterstreicht die Bedeutung der Unterscheidung zwischen perzeptuellen und affektiven Dimensionen der taktilen Verarbeitung bei Autismus-Spektrum-Störungen. Die Integration psychophysikalischer, neurowissenschaftlicher und klinischer Perspektiven ist unerlässlich, um diese Erkenntnisse in zukünftige therapeutische und technologische Anwendungen zu übertragen.
Literatur:
Cascio, C. J., Moore, D., & McGlone, F. (2019). Social touch and human development. Developmental Cognitive Neuroscience, 35, 5–11.
Chevallier, C., Kohls, G., Troiani, V., Brodkin, E. S., & Schultz, R. T. (2012). The social motivation theory of autism. Trends in Cognitive Sciences, 16, 231–239.
Makita, K., Kitada, R., Makino, T., Sakakihara, N., Fukuoka, A., & Kosaka, H. (2025). Atypical tactile preferences in autism spectrum disorder: Reduced pleasantness responses to soft objects resembling human body parts. Psychiatry and Clinical Neurosciences.
McGlone, F., Wessberg, J., & Olausson, H. (2014). Discriminative and affective touch: Sensing and feeling. Neuron, 82, 737–755.