19.08.2025
Kann simulierte Berührung uns helfen, uns verbundener zu fühlen?
Haben Sie schon einmal eine Umarmung nach einem anstrengenden Tag oder eine Hand auf Ihrer Schulter gespürt, wenn Sie sich ausgeschlossen fühlten? Berührung ist mehr als nur ein körperliches Gefühl. Sie ist ein starkes soziales Signal, das Stress und Schmerzempfinden reduzieren, aber auch Stimmung, Intimität und Bindung stärken kann.
Aber nicht jeder erlebt Berührung gleich. Manche empfinden sie als wohltuend und angenehm. Für andere, insbesondere Menschen mit Erkrankungen wie Autismus oder traumatischen Erlebnissen, kann Berührung überwältigend oder sogar unangenehm sein. Was wäre also, wenn wir die Vorteile von Berührung simulieren könnten, ohne das Unbehagen von Körperkontakt?
Da wir immer mehr Zeit in digitalen und virtuellen Umgebungen verbringen, wird diese Frage noch relevanter: Kann virtuelle oder „pseudohaptische“ Berührung emotionale Vorteile ohne tatsächlichen Hautkontakt bieten?
Studien haben gezeigt, dass Berührung Stress reduzieren, Schmerzen lindern, die Stimmung verbessern und uns sogar vor den Auswirkungen des sozialen Schmerzes der Ablehnung schützen kann. Dies wurde beispielsweise durch Studien mit dem Cyberball-Spiel belegt – einer weit verbreiteten psychologischen Aufgabe, die soziale Ausgrenzung simuliert. Bei diesem Spiel spielen die Teilnehmer mit zwei anderen virtuelles Fangen, werden aber letztendlich ignoriert. Ausgeschlossen zu werden kann negative Emotionen und physiologischen Stress auslösen. Interessanterweise kann eine anschließende tröstende körperliche Berührung helfen, das emotionale Gleichgewicht wiederherzustellen.
Aber was genau ist affektive Berührung und warum ist sie wichtig?
- Affektive Berührung umfasst zwei Komponenten:
- Den sensorischen Aspekt, wie die Wärme und der Druck einer Liebkosung auf der Haut.
- Den sozialen Aspekt, also die emotionale Bedeutung hinter der Geste, wie Liebe, Unterstützung oder Glückwünsche.
Stellen Sie sich nun vor, Sie streicheln Ihren eigenen Arm. Sie spüren zwar das körperliche Gefühl, aber die emotionale, soziale Bedeutung fehlt. Diese Unterscheidung ist wichtig, wenn man darüber nachdenkt, wie Berührung in virtuellen Räumen simuliert oder ersetzt werden kann.
Unterschiede im menschlichen Berührungsempfinden können auf Persönlichkeit, Neurodiversität (z. B. Autismus) oder vergangene Traumata zurückzuführen sein. Könnte eine simulierte Berührung für Personen, die Berührungen als überstimulierend oder unangenehm empfinden, die Vorteile ohne das Unbehagen bieten?
Hier kommen Virtual Reality (VR) und Pseudohaptik ins Spiel.
In unserer Arbeit mit der ETC-Umgebung (Embodied Telepresent Connection), die von Prof. Bernhard E. Rieckes Gruppe an der Simon Fraser University entwickelt wurde, erforschen wir, wie Berührung in VR ohne direkten Körperkontakt simuliert werden kann. Anstelle von hautbasierter Stimulation nutzt das System visuelle Effekte, Klangsignale, Farbveränderungen und simulierten Widerstand, um die Illusion einer Berührung zu erzeugen.
Teilnehmer in dieser Umgebung berichten von Empfindungen wie Kribbeln, Wärme und Druck, obwohl ihre Haut physisch nicht berührt wird. Sie interagieren mit farbenfrohen Avataren, die entweder von einer anderen Person (sozialer Zustand) oder einer gespiegelten Version ihrer selbst (Solozustand) gesteuert werden. Dieser Aufbau hilft uns, die Auswirkungen der sensorischen und sozialen Komponenten von Berührung zu trennen.
In unserer laufenden Forschung im ConTakt Lab untersuchen wir, ob pseudohaptische Berührung die emotionalen Auswirkungen sozialer Ausgrenzung verringern kann. Wir interessieren uns insbesondere dafür, wie die persönliche Einstellung von Menschen zu Berührung ihre Wahrnehmung von simuliertem Kontakt beeinflusst.
Unsere zentralen Fragen:
- Können Menschen, die körperliche Berührung nicht mögen, dennoch von simulierter Berührung profitieren?
- Ist die soziale Bedeutung der Berührung wichtiger als das körperliche Gefühl?
- Sind die Vorteile von Berührung größer, wenn sie von einer anderen Person (sozialer Avatar) ausgeht, als von einer Selbstreflexion (Spiegelavatar)?
- Könnte simulierte Berührung eine sichere und sinnvolle Alternative für Menschen bieten, die mit echtem Körperkontakt zu kämpfen haben? Da sich die Gesellschaft zunehmend in Richtung Ferninteraktion bewegt, ist die Suche nach alternativen Wegen zur Förderung emotionaler Bindungen für die Aufrechterhaltung des psychischen Wohlbefindens unerlässlich.
Wir laden Sie ein, mit uns darüber nachzudenken:
Könnte Pseudotouch die Art und Weise verändern, wie wir in digitalen Räumen kommunizieren? Wir freuen uns auf Ihre Meinung.
Um mehr zu erfahren, verfolgen Sie unsere laufende Forschung im ConTakt Lab und besuchen Sie unser LinkedIn. Um mehr über die Forschung der TU Dresden zur taktilen Technologie zu erfahren, besuchen Sie https://ceti.one/.