18.08.2026
Taktile Verarbeitung und die multisensorische Konstruktion des Selbst
Einleitung
Zu den vielfältigen Funktionen des Tastsinns gehört als einer der faszinierendsten Aspekte seine Rolle bei der Entwicklung des Selbstgefühls. Insbesondere wurde nachgewiesen, dass Berührungen die Interozeption und damit das Körperbewusstsein als Einheit unterstützen. Dies geschieht über eine afferente Bahn, die taktile Signale von der Haut an den Inselkortex (Insula) weiterleitet; dort erfolgt eine kontinuierliche, momentweise Abbildung körperbezogener Signale (Puhr, Waterink und Van Hooren 2025). Diese Mechanismen fördern einerseits das Selbst- und Körperbewusstsein und unterstützen andererseits die Wahrnehmung des eigenen Selbst als eigenständige Einheit.
Ergebnisse
Ein zentraler Forschungszweig widmet sich dem körperbezogenen Selbstbewusstsein, indem das Gefühl der Körperzugehörigkeit (Body Ownership) auf Ebene der Hand untersucht wird – etwa mithilfe der bekannten „Gummihand-Illusion“ (Botvinick und Cohen 1998). Man geht davon aus, dass der Erfolg dieser Illusion auf einer Störung der Übereinstimmung (Kongruenz) zwischen multimodalen, handbezogenen sensorischen Signalen sowie auf multisensorischen Integrationsprozessen im Gehirn beruht. Aspell et al. (2009) weiteten diesen Ansatz empirisch auf den gesamten Körper aus, um zu untersuchen, inwieweit visuotaktile Reize die körperliche Selbstwahrnehmung modulieren können. In ihrem Versuchsaufbau trugen die Teilnehmenden ein Head-Mounted Display, das ihren eigenen Körper von hinten aus einer Entfernung von etwa zwei Metern zeigte. Während auf ihrem Rücken taktile Reize (Berührungen oder Vibrationen) appliziert wurden, erschienen am virtuellen Körper LED-Lichter – entweder synchron oder asynchron zum taktilen Reiz. Die Autoren stellten fest, dass eine synchrone Stimulation die Tendenz verstärkte, den eigenen Körper als näher an dem betrachteten virtuellen Körper wahrzunehmen.
Fazit
Diese Studie ist besonders aufschlussreich, da sie zeigt, wie das Gehirn taktile Reize neu zuordnen („remappen“) kann, wodurch nicht nur die wahrgenommene räumliche Position, sondern auch die taktile Lokalisation und – in einem umfassenderen Sinne – das Gefühl der Körperzugehörigkeit moduliert werden. Auf diese Weise sind Körperbewusstsein, taktile Verarbeitung und multisensorische Integration eng miteinander verknüpft.
Literaturverzeichnis
Aspell, Jane E., Bigna Lenggenhager, and Olaf Blanke. 2009. ‘Keeping in Touch with One’s Self: Multisensory Mechanisms of Self-Consciousness’ edited by M. A. Williams. PLoS ONE 4(8):e6488. doi:10.1371/journal.pone.0006488.
Botvinick, Matthew, and Jonathan Cohen. 1998. ‘Rubber Hands “Feel” Touch That Eyes See’. Nature 391(6669):756–756. doi:10.1038/35784.
Puhr, Ariane, Wim Waterink, and Susan Van Hooren. 2025. ‘The Effect of Touch on Affect, Stress, Sense of Connectedness and Sense of Self: An Experimental Study on Contact Improvisation Dance’. The Arts in Psychotherapy 93:102272. doi:10.1016/j.aip.2025.102272.