20.10.2026
Erinnerung mit Zukunft. Internationale Konferenz stellt Entwicklungsperspektiven für Terezín/Theresienstadt vor
„Theresienstadt“ ruft bei vielen Deutschen wohl eine eindeutige Assoziation mit den Verbrechen der NS-Zeit hervor. Dass „Terezín“ zugleich eine barocke, ehemalige Garnisonsstadt in Tschechien ist, nur eine Stunde von Dresden und Prag entfernt, haben wahrscheinlich nicht einmal die meisten Dresdner:innen präsent. Der kleine Ort trägt schwer an seiner Vergangenheit und ist dabei zusätzlich mit den Herausforderungen ländlicher Grenzregionen konfrontiert, die auch andernorts zu Buche schlagen: Alterung der Gesellschaft, Rückgang der Bevölkerung, klamme öffentliche Kassen.
Aus dieser Situation eine Zukunftsperspektive zu entwickeln, hat sich eine internationale Projektgruppe aus Wissenschaftler:innen und Studierenden der TU Dresden, der TU Liberec, der TU Prag, dem Technion Haifa und dem MIT Boston zur Aufgabe gemacht. Am 12. und 13. Oktober 2026 fand in Terezín eine Konferenz statt, auf der die Ergebnisse aus mehreren Workshops, LABs und Studienprojekten vorgestellt und diskutiert wurden.
Die Arbeiten der Studierenden sind im Stadtmuseum Terezín im Rahmen einer Ausstellung zu sehen, die am Abend des 12. Oktober feierlich eröffnet wurde. Da mit Städtebau, Raumplanung, Landschaftsarchitektur und Kunst im öffentlichen Raum verschiedene Fachrichtungen beteiligt waren, gestalten sich die Entwürfe in sehr unterschiedlichen Formen. Einige zentrale Fragen formulierte Architekt und Dozent Rafi Segal vom MIT Boston einleitend in seiner Key Note: Wie können in Architektur und Raumplanung Elemente eines Ortes, seiner Vergangenheit und der Erinnerung daran aufgegriffen und transportiert werden?
Wie lassen sich die Wahrnehmungen und Bedarfe der betroffenen comunity einholen und berücksichtigen?
Diese Aspekte wurden direkt oder indirekt in der anschließenden Projektvorstellung und Diskussion wieder aufgegriffen und für Terezín versucht, zu beantworten: Aus der Zusammenarbeit gemischter Studierendengruppen aus Deutschland und Tschechien, wie sie im Frühjahr 2026 stattfand, und im Vorfeld der Konferenz um israelische Vertreter:innen erweitert werden konnte, wurde klar ersichtlich, welche unterschiedliche Narrative und „Denkrahmen“ jede:r Einzelne an den Ort bringt und damit die Perspektive auf ihn beeinflusst. Auf diese besonderen Umstände des Erinnerns in Grenzregionen ging auch das Panel am zweiten Konferenztag noch einmal ein. Unterschiede in Assoziation und Perzeption ließen sich auch zwischen den Generationen feststellen. Die Lehrenden, insbesondere auf tschechischer Seite sind noch stark geprägt von der rigorosen Form der Erinnerungskultur sozialistischer Zeiten, welche die Vorstellungskraft eines lebenswerten Ortes abseits des Erinnerns stark eingrenzt. Einige studentische Entwürfe machten sich hingegen gänzlich frei von der nationalsozialistischen Vergangenheit und versuchten explizit andere Traditionslinien ins Zentrum zu stellen, wie etwa Pferdehaltung und -training.
Die Keynote von Dr. Eliyahu Keller vom Technion Haifa am zweiten Konferenztrag erweiterte die Perspektive auf die Bedingungen für Erinnerung, unter den Aspekten von Kollektivität und Traumaerfahrung. Abschließend widmete sich eine Podiumsdiskussion den konkreten Zukunftsaussichten – von Erinnerungsorten allgemein und Terezín speziell. Weiterhin bestand weitgehend Einigkeit darüber, dass der Zugang zu den Einwohner:innen von Terezín keine leichte Aufgabe ist und es kreativer Ansätze bedarf, um in Interaktion zu treten. Kunst im öffentlichen Raum kann dafür eine ebenso wichtige Rolle spielen wie in der Neuausrichtung des Ortes insgesamt. Um der wahrgenommenen Leere und Bedrücktheit des Ortes entgegenzutreten, wurden im Projekt verschiedene Vorschläge entwickelt – von Kulturfestivals über regelmäßige Wissenschaftsforen bis zum Fernziel Kulturhauptstadt Europas. Aber auch eine Fokussierung auf die Vergangenheit der Stadt, bei der neue Formen der Erinnerung gestaltet und in verschiedene Nutzungsräume übertragen werden, fand in den Entwürfen und Überlegungen Platz.
Konkrete Umsetzungsangebote machte schließlich der anwesende Vertreter des tschechischen Ministeriums für Regionalentwicklung Miroslav Daněk: Der Entwurf eines Masterplans für Stadt und Region, in den einige der Erkenntnisse und Ideen des Projekts einfließen und auf dessen Grundlage Partner an- und Gelder eingeworben werden können. Die Projektbeteiligten jedenfalls setzen ihre Arbeit fort und planen weitere Studienprojekte sowie einen Workshop am MIT Boston im Frühjahr 2027.
Das Projekt wurde unterstützt durch das DAAD-Programm Ostpartnerschaften und die Konferenz ermöglicht durch Fördermittel aus dem Kleinprojektefonds der Euroregion Elbe/Labe.
Vertreter des tschechsichen Ministeriums für Regionalentwicklung: Miroslav Daněk, Head of unit, Regional development strategy implementation unit
Department of regional policy, Section of regional development, tourism, public investment, housing and cohesion.