17.08.2026
Zum Tod von Agathe Böttcher (1929–2026) – Künstlerin und langjährige Angehörige der TU Dresden
Agathe Böttcher, Bildnis mit Vogel. 1994, Mischtechnik auf Papier, 30×30 cm, Nachlass
Mit großer Trauer nehmen wir Abschied von der Dresdner Künstlerin Agathe Böttcher, die am 20. Juli 2026 im Alter von 97 Jahren verstorben ist. Mit ihr verliert Dresden eine außergewöhnliche Künstlerin, deren eigenständiges Werk zwischen Malerei, Zeichnung, Collage und Textilkunst erst in den vergangenen Jahren wieder verstärkt in den Blick der Öffentlichkeit gerückt ist.
1929 in Bautzen geboren, studierte Agathe Böttcher von 1947 bis 1949 an der Hochschule für Werkkunst in Dresden und legte 1949 an der Textilfachschule Zittau die Gesellenprüfung im Fach Handweberei ab. Von 1950 bis 1952 setzte sie ihr Studium der Textilgestaltung an der Hochschule für Bildende Künste Dresden fort und diplomierte anschließend an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, wo sie bis 1957 eine künstlerische Aspirantur absolvierte.
Mit der TU Dresden war Böttchers Biografie über drei Jahrzehnte eng verbunden. Von 1958 bis 1979 arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin für Farbgestaltung im Innenraum an der damaligen Sektion Architektur, zunächst am Lehrstuhl von Ernst Alfred Mühler, anschließend bei Siegfried Hausdorf. In Wettbewerben und Architekturprojekten war sie für Fragen der Farbgestaltung verantwortlich. Nach Aufnahme ihrer freischaffenden Tätigkeit und ihrer Mitgliedschaft im Verband Bildender Künstler der DDR 1979 lehrte sie bis zu ihrem Renteneintritt 1989 weiterhin Farbgestaltung an der TU Dresden sowie im Abendstudium der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Im Zentrum ihrer Lehre standen die Farblehren Goethes und Johannes Ittens sowie die praktische Untersuchung von Farbe, Raum und Wahrnehmung.
Parallel zu dieser Tätigkeit entwickelte Böttcher ein eigenständiges künstlerisches Werk. Eine besondere Stellung nehmen darin ihre seit den 1960er-Jahren entstandenen textilen Arbeiten ein, die sie selbst als „Nadelmalereien“ bezeichnete. In ihnen verband sie Stoffe, Seiden, Wolltextilien, Samt, Chiffon und weitere Materialien zu vielschichtigen Bildräumen zwischen Figuration und Abstraktion. Natur, Körper und Umwelt erscheinen darin als fragile, miteinander verwobene Gefüge; traditionelle Grenzziehungen zwischen Malerei, Textilkunst und kunsthandwerklichen Verfahren werden bewusst überschritten. Auch für die baugebundene Kunst schuf Böttcher textile Arbeiten, darunter Applikationen für die Neue Mensa an der Bergstraße in Dresden.
2023 rückte die Galerie der Kustodie im Rahmen der Ausstellung „Kunst und Lehre an der TU Dresden in den 1990er-Jahren“ Agathe Böttchers Wirken an der Universität und ihre künstlerische Arbeit erneut in den Fokus. Besonders dankbar sind wir, dass wir in diesem Zusammenhang noch persönlich mit ihr über ihre Erinnerungen, ihre Lehre und ihr künstlerisches Selbstverständnis sprechen konnten. Zugleich konnten zwei herausragende „Nadelmalereien“ für den Kunstbesitz der TU Dresden erworben werden: Gelbe Landschaft von 1975 und Landschaft mit rotem Baum und Sonne von 1979.
Agathe Böttcher, Landschaft mit rotem Baum und Sonne, 1979; Kunstbesitz der Kustodie der TU Dresden
Agathe Böttchers Werk steht exemplarisch für eine Generation von Künstlerinnen in der DDR, deren Positionen lange nur randständig innerhalb des kunsthistorischen Diskurses wahrgenommen wurden. Gerade ihre Verbindung textiler Verfahren mit einer freien, experimentellen Bildsprache eröffnet heute neue Perspektiven auf die Kunst in der DDR, auf weibliche Autorschaft und auf künstlerische Praktiken jenseits etablierter Gattungshierarchien.
Die Kustodie wird Agathe Böttcher als Künstlerin und langjährige künstlerische Mitarbeiterin der Universität in besonderer Erinnerung behalten. Wir sind dankbar für die persönlichen Begegnungen mit ihr und dafür, ihr künstlerisches Schaffen dauerhaft im Kunstbesitz der TU Dresden bewahren und sichtbar machen zu können.