16.03.2026
EDENT1FI-Projekt: 100.000 Teilnehmende auf frühe Stadien von Typ-1-Diabetes getestet
EDENT1FI („European action for the Diagnosis of Early Non-clinical Type 1 diabetes For disease Interception“), ein Forschungsprojekt unter der Leitung von Prof. Anette-Gabriele Ziegler von Helmholtz Munich und Prof. Chantal Mathieu von der KU Leuven, hat einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu seinem Ziel erreicht: Von den in Europa geplanten über 200.000 Kindern und Jugendlichen wurden bereits 100.000 auf frühe Stadien von Typ-1-Diabetes gescreent – 7.536 davon unter Beteiligung von Forschenden der TU Dresden und des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus allein hier in Sachsen.
Aufbau von Screening-Programmen für frühe Stadien von Typ-1-Diabetes in Europa
Typ-1-Diabetes ist eine chronische Erkrankung, bei der das Immunsystem die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse angreift. Dies führt zu einer lebenslangen Abhängigkeit von einer Insulintherapie. Der Autoimmunprozess, der letztlich zum Ausbruch der Erkrankung führt, beginnt häufig bereits früh im Leben, wird jedoch meist erst erkannt, wenn Symptome auftreten.
Eine verzögerte Diagnose und Behandlung kann zu lebensbedrohlichen medizinischen Notfällen führen. Ein einfacher Bluttest kann Typ-1-Diabetes bereits in frühen Stadien erkennen, indem Inselautoantikörper nachgewiesen werden. Damit wird die Autoimmunaktivität sichtbar gemacht, die mit der Erkrankung verbunden ist – noch lange bevor erste Symptome auftreten. Die frühzeitige Erkennung eröffnet entscheidende Möglichkeiten für kontinuierliches Monitoring, rechtzeitige Interventionen und verbesserte Ergebnisse für Patient:innen.
EDENT1FI wurde 2023 mit dem Ziel gestartet, Screening und Monitoring von Typ-1-Diabetes in Europa zu etablieren. Aufbauend auf der Grundlage und dem Erfolg der Fr1da-Studie, die das Screening auf frühe Stadien von Typ-1-Diabetes erstmals in Bayern etabliert hat, hat EDENT1FI Screening-Programme in Tschechien, Polen und Portugal aufgebaut und bestehende Initiativen in Deutschland, Italien, dem Vereinigten Königreich, Dänemark und Schweden gestärkt. Einer der Standorte für die EDENT1FI-Studie ist Dresden. Hier agiert am Zentrum für Regenerative Therapien Dresden (CRTD) der TU Dresden zusammen mit dem Universitätsklinikum Carl Gustav Carus ein Studienteam unter der Leitung von Prof. Reinhard Berner und Prof. Ezio Bonifacio.
„Obwohl zunächst unklar war, ob die in Deutschland durch die Fr1da-Studie entwickelten Screening-Prinzipien auch erfolgreich auf Regionen mit ganz unterschiedlichen Gesundheitssystemen übertragbar sind, haben sich diese Programme bereits als äußerst erfolgreich erwiesen. Der Erfolg von EDENT1FI zeigt, dass ein Screening auf frühe Stadien von Typ-1-Diabetes in ganz Europa effektiv umgesetzt werden kann“, sagt Anette-Gabriele Ziegler, leitende Co-Koordinatorin von EDENT1FI, Leiterin des Arbeitspakets 1 (Screening), wissenschaftliche Leiterin der Fr1da-Studie sowie Direktorin des Instituts für Diabetesforschung bei Helmholtz Munich und Inhaberin des Lehrstuhls für Diabetes und Gestationsdiabetes am TUM Universitätsklinikum.
Die Screening-Settings variierten von Land zu Land: Die Programme wurden in der Primärversorgung, in Krankenhäusern, Schulen und in Privathaushalten durchgeführt. Trotz dieser Unterschiede gelang es EDENT1FI, den Nachweis von Inselautoantikörpern zu harmonisieren und die Datenerfassung sowie -verarbeitung länderübergreifend zu standardisieren. Zusätzlich wurden zentrale Labore eingerichtet und umfassende Qualitätskontrollen etabliert. So konnten bislang mehr als 100.000 Kinder und Jugendliche untersucht werden – bei einer Screening-Rate von etwa 6.500 Teilnehmenden pro Monat.
„Durch die Identifizierung von Kindern mit einem Frühstadium des Typ 1 Diabetes können schwere Stoffwechselentgleisungen weitestgehend vermieden und gemeinsam neue Therapieansätze in Europa entwickelt werden“, sagt Dr. Gita Gemulla, Kinderdiabetologin und Funktionsoberärztin im Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden und Hauptuntersuchungsleiterin im Studienteam von Fr1da und EDENT1FI in Deutschland.
Unterstützung für Kinder und Jugendliche mit frühem Typ-1-Diabetes
Für die Teilnahme am Screening-Programm sind nur wenige Tropfen Blut erforderlich. Familien erhalten während des gesamten Prozesses umfassende Beratung und Unterstützung. Kinder und Jugendliche, bei denen Typ-1-Diabetes im Frühstadium festgestellt wird, werden regelmäßig nachuntersucht und über Möglichkeiten frühzeitiger Intervention informiert. Ziel ist es, Familien Wissen zu vermitteln und Hilfsmittel bereitzustellen, um Belastungen bei Auftreten des klinischen Diabetes zu verringern und sie im Umgang mit der Erkrankung zu unterstützen. Insgesamt plant EDENT1FI, 220.000 Kinder und Jugendliche aus der allgemeinen Bevölkerung in Europa zu untersuchen, um präsymptomatischen Typ-1-Diabetes frühzeitig zu erkennen.
„100.000 gescreente Kinder zu erreichen ist ein wichtiger Meilenstein für die Diagnose von Typ-1-Diabetes im Frühstadium. Angesichts neu zugelassener und zukünftiger krankheitsmodifizierender Therapien gewinnt eine frühzeitige Diagnose zusätzlich an Bedeutung. Dieser Erfolg zeigt, wie internationale Zusammenarbeit die Versorgung von Menschen mit Typ-1-Diabetes verändern kann“, erklärt Prof. Chantal Mathieu, leitende Co-Koordinatorin von EDENT1FI und Professorin an der Fakultät für Medizin der KU Leuven.
Neue Therapie unterstreicht die Bedeutung der Früherkennung
Im Januar 2026 wurde der immunmodulierende Wirkstoff Teplizumab in Europa für Kinder ab acht Jahren mit präsymptomatischem Typ-1-Diabetes (Stadium 2) zugelassen. Diese Zulassung verdeutlicht die Bedeutung von Früherkennungsprogrammen wie EDENT1FI. Eine frühe Diagnose ermöglicht es Familien und behandelnden Ärzt:innen, Therapien wie Teplizumab in Betracht zu ziehen, um den Ausbruch der Erkrankung zu verzögern. Weitere Therapien, die den Beginn von Typ-1-Diabetes verhindern oder hinauszögern könnten, werden derzeit in klinischen Studien untersucht.
Über EDENT1FI
EDENT1FI ist eine gemeinsame Initiative von 27 Partnerorganisationen aus Wissenschaft, Industrie und gemeinnützigen Organisationen aus 13 europäischen Ländern. Das Projekt wird von der Innovative Health Initiative (IHI) im Rahmen von Horizon Europe gefördert und erhält zusätzlich Unterstützung durch den Helmsley Charitable Trust, Breakthrough T1D sowie weitere Partnerorganisationen.
Das 2023 gestartete Projekt konzentriert sich darauf, Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen bereits vor dem Auftreten klinischer Symptome zu erkennen. Ziel ist es, frühzeitige Interventionen zu ermöglichen, die Risikostratifizierung zu verbessern und die Entwicklung innovativer Therapien voranzutreiben.
www.edent1fi.eu
Über das Zentrum für Regenerative Therapien Dresden (CRTD)
Am Zentrum für Regenerative Therapien Dresden (CRTD) der TU Dresden widmen sich Spitzenforscher und -forscherinnen aus mehr als 30 Ländern neuen Therapieansätzen. Sie entschlüsseln die Prinzipien der Zell- und Geweberegeneration und ergründen deren Nutzung für Diagnose, Behandlung und Heilung von Krankheiten. Das CRTD verknüpft Labor und Klinik, vernetzt Wissenschaft und Klinik, nutzt Fachwissen in Stammzellforschung, Entwicklungs- und Regenerationsbiologie, um letztlich die Heilung von Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson, hämatologischen Krankheiten wie Leukämie, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes sowie Augen- und Knochenerkrankungen zu erreichen. Das CRTD wurde 2006 als Forschungszentrum der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gegründet und bis 2018 als DFG-Forschungszentrum, sowie als Exzellenzcluster gefördert. Seit 2019 wird das CRTD mit Mitteln der TU Dresden und des Freistaates Sachsen finanziert.
Das CRTD ist eines von drei Instituten der zentralen wissenschaftlichen Einrichtung Center for Molecular and Cellular Bioengineering (CMCB) der TU Dresden.
www.tud.de/crtd
www.tud.de/cmcb