06.06.2026
Bessere IHA-Erkennung soll Organspendeprozesse in Deutschland stärken
Deutschland weist seit Jahren eine der niedrigsten Organspenderaten in Europa auf. Gleichzeitig zeigen Analysen, dass potenzielle Fälle eines irreversiblen Hirnfunktionsausfalls (IHA, umgangssprachlich „Hirntod“) im klinischen Alltag teilweise zu spät oder gar nicht erkannt werden. Dabei ist die Feststellung des IHA unabdingbare Voraussetzung für die postmortale Organspende in Deutschland.
An der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Medizinischen Fakultät und des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus an der TUD wird die Erkennung und Diagnostik des IHA aus verschiedenen Perspektiven wissenschaftlich untersucht. Das Forschungsteam um Prof. Kristian Barlinn und Dr. Daniela Schöne arbeitet gemeinsam mit der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) an innovativen Ansätzen. Diese reichen von der Früherkennung gefährdeter Patientinnen und Patienten über die Unterstützung der Diagnostik bis hin zum besseren Verständnis klinischer Verläufe.
IHA-Verläufe besser verstehen
In einer kürzlich in Critical Care veröffentlichten deutschlandweiten Analyse von mehr als 6.400 Patientinnen und Patienten wurde erstmals die zeitliche Dynamik bis zur Feststellung eines IHA untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass der Verlauf und die Geschwindigkeit der Entwicklung eines IHA wesentlich von Alter und Ursache der Hirnschädigung abhängen. Die Daten bieten eine wichtige Orientierungshilfe für intensivmedizinische Teams bei der Einschätzung kritischer Zeitfenster in der klinischen Praxis. Die Studie ist die bislang größte Analyse von Patientinnen und Patienten mit IHA.
Potenzielle IHA-Fälle erkennen
Mit DETECT wurde an der Hochschulmedizin Dresden ein digitales Unterstützungssystem entwickelt, das klinische Routinedaten automatisiert analysiert und auf Befundkonstellationen hinweist, die auf einen drohenden IHA hindeuten können. Die multizentrische randomisierte DETECT-IVE-Studie untersucht derzeit an 19 Kliniken in Deutschland, ob hierdurch potenzielle IHA-Fälle besser erkannt und Organspendeprozesse verbessert werden können.
Neurointensivmedizinische Expertise standortunabhängig verfügbar machen
Die Diagnostik des IHA erfordert spezialisierte neurointensivmedizinische Expertise, die nicht in jedem Krankenhaus jederzeit verfügbar ist. In der VISTA-BD-Studie wird deshalb der Einsatz von Assisted-Reality-Technologie zur telemedizinischen Unterstützung der neurologisch-klinischen Untersuchung untersucht. Ziel ist es, neurologische Expertise auch außerhalb spezialisierter Zentren besser verfügbar zu machen.
Prof. Hagen Huttner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie, sieht in diesen Projekten einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Neurointensivmedizin: „Die Dresdner Forschungsprojekte verbinden Versorgungsforschung, Digitalisierung und Telemedizin mit dem gemeinsamen Ziel, die Erkennung und Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls zu verbessern und damit langfristig auch die Organspendesituation in Deutschland positiv zu beeinflussen.“
Zum Tag der Organspende lenken die Projekte den Blick auf die medizinischen Voraussetzungen, die eine postmortale Organspende in Deutschland überhaupt ermöglichen.