18.05.2026
Erinnerung lebendig halten: Zeitzeugengespräch mit Renate Aris
Ein stiller Hörsaal ist selten. Ein vollständig gefüllter Hörsaal, in dem über Stunden hinweg kaum ein Geräusch zu hören ist, noch seltener. Am Dienstagabend, dem 12. Mai 2026, wurde genau das zur Realität: Das vom Fachschaftsrat Medizin/Zahnmedizin organisierte Zeitzeugengespräch mit der Holocaustüberlebenden Renate Aris verwandelte den Hörsaal in einen Ort des Erinnerns, des Zuhörens und der Verantwortung. Sie ist die letzte Überlebende des Holocausts im Großraum Dresden und klärt unermüdlich über die Geschehnisse der NS-Zeit auf.
Nach der Einführung durch Prof. Florian Bruns, vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, berichtete Renate Aris mit eindringlicher Klarheit von Verfolgung, Verlust und Überleben. Besonders bewegend war ihre lebendige und bildhafte Erzählweise sowie die mitgebrachten Erinnerungsstücke, darunter ihr Judenstern und originale Nahrungsmittelkarten. Es waren Worte, die keinen historischen Abstand zuließen, Worte, die den Nationalsozialismus nicht wie ein abgeschlossenes Kapitel eines Lehrbuchs erscheinen ließen, sondern als menschliche Tragödie. Erzählt von jemandem, der diese Zeit selbst erleben musste, wurden persönliche und prägende Erfahrungen zu eindringlichen Bildern in den Köpfen der Zuhörenden.
Besonders eindrucksvoll war die Vielfalt der Zuhörenden: Kinder und ältere Gäste, Studierende, Professorinnen und Professoren sowie Mitarbeitende des Universitätsklinikums kamen zusammen, um zuzuhören, zu erinnern und gemeinsam ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen. Der vollständig besetzte Hörsaal machte sichtbar, dass historisches Erinnern keine Frage des Alters oder der Profession ist, sondern eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung bleibt.
Der Abend zeigte eindrucksvoll, wie unverzichtbar Zeitzeugengespräche für eine lebendige Erinnerungskultur sind. Gerade in einer Zeit, in der antisemitische und menschenfeindliche Tendenzen wieder sichtbarer werden, war dieses Gespräch weit mehr als eine universitäre Veranstaltung: Es war ein eindringlicher Appell an Haltung, Verantwortung und Menschlichkeit. Für die Zukunft, also für die Zeit nach Zeitzeugen, wünscht sich Frau Aris Begegnungsstätten und hofft darauf, dass der Alte Leipziger Bahnhof in Dresden eine solche wird, um einen Austausch und Gedenken an die zahlreichen Deportationen zu ermöglichen.
Dass das Zeitzeugengespräch schließlich mit minutenlangem Applaus endete, spiegelte die tiefe emotionale Wirkung dieses Abends wider. Zurück blieb nicht nur Betroffenheit, sondern auch die Erkenntnis, dass Erinnern niemals allein der Vergangenheit gilt, sondern immer auch unserer Gegenwart und unserer Zukunft.