17.04.2026
Entrustable Professional Activities - Ein Interview mit Prof. Kakkassery
Angestellte der Klinik für Augenheilkunde des Klinikums Chemnitz, links Prof. Kakkassery
Um die Lehre im Praktischen Jahr (PJ) besser zu strukturieren und die Entwicklung der Studierenden im PJ zu fördern, hat das Institut für Didaktik und Lehrforschung in der Medizin gemeinsam mit den Kliniken damit begonnen, das Konzept der „Entrustable Professional Activities“ einzuführen. Bei diesem Ansatz wird das Training auf der Basis von konkreten, alltäglichen Tätigkeiten organisiert. Durch die Methode erhalten Studierende schrittweise mehr Verantwortung, zur Vorbereitung auf ihre zukünftigen Aufgaben.
Eine der ersten Kliniken, in denen dieses Projekt gestartet wurde, ist die Klinik für Augenheilkunde des Klinikums Chemnitz. Im folgenden Interview berichtet Chefarzt Prof. Vinodh Kakkasery von seinen Erfahrungen.
Was hat Sie dazu motiviert, die EPAs in der Augenheilkunde für das PJ einzuführen?
Die Motivation entstand aus einer häufig beobachteten Situation: Studierende verfügen über solides Wissen, doch der Übergang zum eigenständigen ärztlichen Handeln bleibt oft aus. Gerade im Praktischen Jahr stellt sich die Frage sehr konkret: Was kann ich jemandem bereits verantwortungsvoll zutrauen? „Entrustable Professional Activities“ (EPAs) greifen genau diesen Punkt auf. Sie strukturieren ärztliche Tätigkeiten, verbinden sie mit einem nachvollziehbaren Konzept und fördern Verantwortung und Vertrauen. Prof. Dr. Marjo Wijnen-Meijer und medizindidaktische Arbeitsgruppen haben dazu beigetragen, den Fokus stärker auf Handlungsfähigkeit und die Vorbereitung auf eigenverantwortliches Arbeiten zu richten. Gleichzeitig entspricht dieser Ansatz einer Haltung, die Prof. Dr. med. D. Michael Albrecht, langjähriger medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden, geprägt hat. Gute Lehre ist die Grundlage für Qualität in Versorgung und Forschung. EPAs machen diese Verbindung im Alltag konkret.
Welche konkreten Vorteile haben Sie durch die Einführung der EPAs in der Lehre festgestellt?
Ein wesentlicher Effekt ist die Klarheit in der Ausbildung. Studierende wissen besser, worauf es ankommt, und können ihren Fortschritt realistischer einschätzen. Gleichzeitig wird für Lehrende greifbarer, wann Verantwortung sinnvoll übergeben werden kann und wann eine Überforderung entsteht. Das verändert das Lernen. Weniger passives Mitlaufen, mehr aktives einbinden. So werden definierte Tätigkeiten schrittweise übernommen – zunächst begleitet, dann zunehmend eigenständig. Auch die Feedbackkultur wird konkreter. Rückmeldungen beziehen sich auf reale Situationen und werden dadurch präziser und hilfreicher. Insgesamt entsteht eine Lernumgebung, die näher an der Realität des ärztlichen Handelns ist.
Gab es Herausforderungen bei der Umsetzung der EPAs, und wie haben Sie diese gemeistert?
Die Herausforderung lag weniger im Konzept als das Einfügen in den Alltag. EPAs erfordern Beobachtung und Feedback – Dinge, die vorhanden sein sollten, aber nicht immer erfolgen. Der entscheidende Schritt war, EPAs nicht als Zusatz, sondern als „Linse“ auf bestehende Abläufe zu verstehen. So ließ sich vieles integrieren, ohne zusätzliche Komplexität zu erzeugen. Gleichzeitig zeigen medizindidaktische Arbeiten, wie wichtig kontinuierliche Reflexion für den Beruf und das Lernen ist. EPAs entfalten ihren Wert nur, wenn sie nicht abgearbeitet sondern in ihrem pädagogischen Kern verstanden werden.
Welche Tipps würden Sie anderen Fachbereichen geben, die überlegen, EPAs in ihre Lehre zu integrieren?
Ein guter Einstieg ist, mit wenigen klar definierten Tätigkeiten zu beginnen und diese im Alltag zu verankern. Wichtig ist, hier immer wieder die Abpassung mit den Profis in der Medizindidaktik. Entscheidend ist zudem die gute Anpassung an die klinische Realität, nicht ihre Anzahl. Feedback sollte als zentraler Bestandteil des Lehrens und Lernens verstanden werden. Erst dadurch wird aus einer Tätigkeit ein Lernprozess. EPAs sind kein reines Strukturprojekt. Sie verändern den Umgang mit Verantwortung und Entwicklung. Wenn dieser Gedanke getragen wird, entsteht ein Mehrwert für Studierende, Lehrende und die Qualität der Versorgung.