Arbeitsmedizinische Vorsorge bei temporären Arbeitsmigrant:innen am Beispiel von Live-in-Betreuer:innen
In Deutschland sind schätzungsweise 300.000 bis 600.000 Betreuungskräfte in sogenannten Live-in-Arrangements zur Versorgung älterer Menschen tätig. Die Erwerbstätigkeit dieser Personen erfolgt überwiegend in temporär begrenzten, transnationalen Beschäftigungsverhältnissen und ist durch hohe psychische Belastungen sowie geringen sozialen Schutz gekennzeichnet. Während die prekären Arbeitsbedingungen bereits Gegenstand sozialethischer und arbeitsrechtlicher Diskussionen sind, besteht weiterhin Forschungsbedarf hinsichtlich des mangelnden Arbeitsschutzes und der Integration dieser Beschäftigten in die arbeitsmedizinische Vorsorge.
Vorhabensbeschreibung:
Das Kooperationsprojekt verfolgt das Ziel, die Situation migrantischer Live-in-Betreuungskräfte in Deutschland – exemplarisch am Beispiel polnischer Arbeitnehmer:innen – sowohl aus Sicht der Betreuungskräfte selbst als auch aus Perspektive der arbeitsmedizinischen Akteur:innen zu erfassen. Aufbauend darauf sollen passgenaue Lösungsansätze entwickelt und pilothaft umgesetzt werden, um eine ganzheitliche arbeitsmedizinische Vorsorge gemäß Arbeitsmedizinische Regel 3.3. zu realisieren.
Methodik:
Zur Erreichung der Projektziele werden qualitative Forschungsmethoden zur Analyse der Problemsituation und zur Entwicklung von Handlungsansätzen eingesetzt (AP1 & AP2). Darauf aufbauend erfolgt eine pilothafte Intervention (AP3).
Situationsanalyse und Bedarfsermittlung (AP1):
Es werden leitfadengestützte, teilstandardisierte Einzelinterviews (n=40) mit polnischen Live-in-Betreuungskräften sowie relevanten Expert:innen der arbeitsmedizinischen Versorgung durchgeführt. Dabei werden aus den unterschiedlichen Perspektiven die arbeitsbedingten Gefährdungen der Live-ins, ihr Wissen über sowie ihr Zugang zum deutschen Arbeits- und Gesundheitsschutz einschließlich bestehender Hemmnisse und Herausforderungen systematisch erfasst. Auf Grundlage der Ergebnisse werden spezifische Problemlagen beschrieben und daraus abgeleitete Bedarfe formuliert.
Research to Action Lab - Generierung von Handlungsoptionen (AP2):
Der interdisziplinäre Teilnehmendenkreis des Forschungslabors umfasst die wesentlichen an der arbeitsmedizinischen Versorgung beteiligten Fachgruppen sowie wichtige Stakeholder und Arbeitgebenden- bzw. Arbeitnehmendenvertreter:innen. Es werden zwei Gruppendiskussionen mit maximal acht Teilnehmenden durchgeführt. Ziel ist es, für die in AP1 identifizierten Handlungsfelder möglichst passgenaue Lösungsansätze einer ganzheitlichen arbeitsmedizinischen Vorsorge im Setting der Live-in Betreuung aufzuzeigen und so die Übertragung in die Praxis (AP3) wissenschaftlich vorzubereiten.
Pilothafte Interventionsstudie (AP3):
Die in AP2 priorisierten Handlungsansätze werden in einer modellhaften Intervention gebündelt und pilothaft erprobt. Die Durchführung der Intervention wird begleitend evaluiert (Prozessevaluation). Im Mittelpunkt der Evaluation stehen Akzeptanz, Machbarkeit und Umsetzungsgenauigkeit, um Förderfaktoren und Hindernisse zu identifizieren. Abschließend werden übertragbare Elemente der Projektergebnisse extrahiert, um deren Anwendung auf andere transnationale Beschäftigungssettings zu ermöglichen.
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Aktueller Stand |
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AP1 (abgeschlossen): Im Projekt wurden leitfadengestützte, teilstandardisierte Interviews mit 16 Live-in-Pflegekräften und 24 Expert:innen zu Arbeitsbedingungen und arbeitsmedizinischer Versorgung durchgeführt. Nach einem Prätest wurden die Interviews – sofern erforderlich – übersetzt, transkribiert und mithilfe von MAXQDA qualitativ inhaltsanalytisch ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass viele Live-in-Pflegekräfte unter prekären Arbeitsbedingungen tätig sind. Arbeitsverträge sind häufig unzureichend, gesetzliche Vorgaben wie Mindestlohn und Sozialversicherung werden teilweise umgangen, und Scheinselbstständigkeit ist verbreitet. Viele Pflegekräfte kennen ihre Rechte nicht oder können diese nicht wirksam durchsetzen. Zudem sind Familien oft faktisch Arbeitgeber:innen, ohne die rechtlichen und finanziellen Anforderungen vollständig erfüllen zu können. Insgesamt besteht nur ein eingeschränkter Zugang zu arbeitsmedizinischen und präventiven Versorgungsangeboten. |
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AP2 (abgeschlossen): Im Research to Action Lab (hybrid, 12 Expert:innen) wurden Ergebnisse aus AP1 vorgestellt und die zentralen Probleme der arbeitsmedizinischen Versorgung von Live-in-Betreuungskräften diskutiert: unklare Beschäftigungsverhältnisse, rechtliche Grauzonen und fehlende Kontrollmechanismen im Arbeitsschutz. Im Workshop wurden Handlungsvorschläge entwickelt und anschließend mittels Delphi-Verfahrens vom wissenschaftlichen Beirat evaluiert. Daraus ergeben sich drei zentrale Interventionsempfehlungen für die Pilotstudie:
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AP3: in Bearbeitung |
Für weitere Informationen:
Projektleitung: Prof. Dr. med. Andreas Seidler, MPH; E-Mail:
Projektkoordination: Dr. rer. nat. Melanie Schubert und Charlotte Pietzsch