03.08.2026
„Als Staatsrätin profitiere ich von der Vielfalt meines Studiums.“
Die Alumna des Monats August 2026 kommt aus den Sprachwissenschaften.
(interviewt im Jahr 2026)
Thomas Scheufler
„Ich profitiere bis heute von der Offenheit, die ich in meinem Studium erlebt habe. Es war eine Umgebung, in der man sich ausprobieren konnte, in der Diskussionen möglich waren und in der man unterschiedliche Perspektiven ernst genommen hat.“
Nancy Böhning hat an der TU Dresden Germanistik und Sprachwissenschaften auf Magister studiert und ist heute Staatsrätin für Internationales und Bevollmächtigte der Freien Hansestadt Bremen beim Bund und für Europa. Offenheit, Gemeinschaftsgefühl und Vielfalt im Studium und die einzigartige Mischung aus Menschen, Hintergründen und Blickwinkeln haben sie und ihr berufliches Profil nachhaltig geprägt.
| Profil von | Nancy Böhning |
| Studiengang | Germanistik / Sprachwissenschaften |
| Fakultät | Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften |
| Studienzeit | 1998 bis 2005 |
| Aktuelle Tätigkeit | Bevollmächtigte beim Bund und Europa sowie Staatsrätin für Entwicklungszusammenarbeit und Internationales der Freien Hansestadt Bremen |
Wo sind Sie heute beschäftigt und in welcher Verantwortung stehen Sie?
Ich bin heute Bevollmächtigte der Freien Hansestadt Bremen beim Bund und für Europa und arbeite als Staatsrätin für Internationales. Ich vertrete Bremen in Berlin gegenüber dem Bund, koordiniere europapolitische Themen und arbeite daran, dass Bremer Interessen in bundespolitischen Entscheidungen früh sichtbar sind. Dazu gehört auch, Gespräche zu führen, Allianzen zu bauen und Themen so aufzubereiten, dass sie in den relevanten Runden verstanden und aufgenommen werden. Als gewähltes Senatsmitglied des Bundeslandeslandes Bremen bin ich Mitglied im Bundesrat.
Vor dem Bundesratsplenum zur 1058. Bundesratssitzung
Wovon profitieren Sie noch heute, wovon hätten Sie sich mehr gewünscht?
Ich profitiere bis heute von der Offenheit, die ich in meinem Studium erlebt habe. Es war eine Umgebung, in der man sich ausprobieren konnte, in der Diskussionen möglich waren und in der man unterschiedliche Perspektiven ernst genommen hat. Gerade diese Mischung aus Menschen, Hintergründen und Blickwinkeln hat mich sehr geprägt. Mehr gewünscht hätte ich mir an manchen Stellen noch mehr sichtbare Vielfalt unter den Studierenden und noch mehr strukturierte Räume, in denen unterschiedliche Lebensrealitäten zusammenkommen. Das ist kein Vorwurf, eher ein Wunsch, weil Vielfalt die Qualität von Debatten und auch den eigenen Horizont enorm erweitert.
Warum haben Sie sich für ein Studium an der TU Dresden entschieden?
Ehrlich gesagt war ein wesentlicher Punkt die heimatliche Nähe. Ich wollte in der Region bleiben, in der ich mich auskannte, und gleichzeitig an einer Universität studieren, die mir ein breites Angebot und gute Bedingungen bietet. Diese Kombination hat für mich damals gepasst.
Wieso haben Sie gerade diese Studienrichtung gewählt?
Ich war schon immer ein Deutsch-Fan. Sprache, Texte, Argumentationen, das hat mich interessiert, und ich wollte verstehen, wie Sprache wirkt und wie sie Denken und Debatten prägt. Deshalb Germanistik. Gleichzeitig hat mich immer beschäftigt, wie Gesellschaft funktioniert und warum Dinge so sind, wie sie sind. Da kommen Soziologie und Wirtschafts- und Sozialgeschichte ins Spiel. Ich wollte Zusammenhänge verstehen, zum Beispiel wie soziale Gruppen entstehen, welche Rolle Arbeit und Wirtschaft spielen und was historische Entwicklungen bis heute nachwirken lassen. Diese Kombination hat für mich ein stimmiges Gesamtbild ergeben.
Nancy Böhning bei den Berliner Märchentagen. Nancy Böhning liest Kindern das Märchen der Bremer Stadtmusikanten in der Landesvertretung Bremen vor.
Wer aus Forschung und Lehre hat Sie in Ihrer Studienzeit am meisten geprägt?
Da gab es mehrere Lehrende, die mich geprägt haben, eher durch ihre Art zu arbeiten als durch einen einzelnen Namen. Besonders hängen geblieben sind Seminare, in denen man sauber argumentieren musste, in denen Quellenkritik wichtig war und in denen man gelernt hat, die eigene Position zu prüfen. Diese Mischung aus Anspruch und Offenheit hat bei mir viel ausgelöst. Ich möchte bewusst niemanden herausgreifen, weil es am Ende die Summe war. Gute Lehre ist oft genau das, dass man sich ernst genommen fühlt und trotzdem gefordert wird.
Was würden Sie den heutigen Studienanfängerinnen und Studienanfängern mit auf den Weg geben?
Nutzt das Studium nicht nur als Wissensspeicher, sondern als Trainingsraum fürs Denken. Lernt, gute Fragen zu stellen, Texte zu lesen, Positionen zu begründen und anderen zuzuhören. Und sucht euch früh Menschen, mit denen ihr gemeinsam arbeitet, nicht gegeneinander. Studium ist kein Wettbewerb, sondern eine Phase, in der man sich gegenseitig weiterbringen kann. Und ganz praktisch: Geht in Veranstaltungen, die euch fachfremd erscheinen. Oft entstehen die besten Ideen an den Schnittstellen.
Woran erinnern Sie sich besonders gern in Ihrer Studienzeit?
Ich erinnere mich besonders gern an die vielen neuen Menschen, die man ständig kennengelernt hat. Dieses Gefühl, dass man gemeinsam unterwegs ist, war stark. Es gab viel Solidarität, man hat sich geholfen, Unterlagen geteilt, miteinander gelernt. Konkurrenzdenken habe ich damals kaum erlebt, und das hat die Zeit sehr angenehm gemacht.
Wo war Ihr Lieblingsort an der Uni?
Spontan würde ich sagen: die Mensa. Das war ein sozialer Ort, da lief das Leben zusammen. Wenn ich ehrlich bin, müsste ich aber auch die Bibliothek nennen, weil man dort gefühlt die Hälfte des Studiums verbracht hat. Und im Sommer waren die Wiesen rund um den Campus ein echter Lieblingsort, einfach raus, reden, lesen, kurz Luft holen, bevor es wieder weiterging.
Finanzsenator Bremen Björn Fecker, Bundesratspräsident und Präsident des Senats Andreas Bovenschulte, Staatsrätin Nancy Böhning im Bundesrat auf der Bremer Bank (v.l.).
Wie gelingt ein guter Berufseinstieg in Ihrer Branche?
Ich tue mich mit dem Begriff Branche schwer, weil mein Weg nicht geradlinig in eine klare Branche geführt hat. Ich habe nach dem Studium Stationen gewählt, die mich interessiert haben, und daraus ist ein Profil entstanden. Dabei hat mir das Studium eine Grundbasis gegeben, auf die ich bis heute zurückgreife: analytisches Denken, gutes Schreiben, strukturiertes Argumentieren, und die Fähigkeit, komplexe Themen verständlich zu machen. Für den Einstieg würde ich sagen: Geht raus aus der reinen Theorie und probiert Dinge aus. Praktika, studentische Projekte, Ehrenamt, Mitarbeit in Initiativen, das macht einen Unterschied, weil man Verantwortung übernimmt und sieht, wie Arbeitsrealitäten wirklich sind. Baut euch ein Netzwerk auf, nicht als Visitenkartensammlung, sondern über echte Zusammenarbeit. Und seid offen für Wege, die nicht im Lebenslaufplan stehen. Oft entsteht der nächste Schritt aus einer Aufgabe, die man gut gemacht hat, nicht aus einem perfekten Plan.
Was verbindet Sie heute mit der TU Dresden?
Mich verbindet mit der TU Dresden vor allem die Zeit, in der ich dort gelernt habe, wie man sich Themen systematisch erschließt und wie man sauber argumentiert. Das ist etwas, das ich bis heute in meinem Arbeitsalltag brauche, wenn es darum geht, komplexe politische Fragen zu ordnen, abzuwägen und verständlich zu kommunizieren. Außerdem ist es ein sehr konkretes Stück Biografie. Die TU Dresden steht für eine prägende Lebensphase, in der ich viele Menschen kennengelernt habe, in der ich mich fachlich und persönlich entwickelt habe und in der ich erlebt habe, wie wichtig eine offene Atmosphäre für Lernen und Austausch ist. Das bleibt, auch wenn man längst woanders arbeitet.
Kontakt:
Nancy Böhning
Instagram: @frauboehning
TUD-Filmclips zum Studium der Germanistik:
Germanistikstudium © TUD 2023
Germanistikstudium © TUD 2023
Germanistikstudium © TUD 2022