20.10.2026
Trockenheit und Mistel: neues Verbundprojekt zur Zukunft der Kiefer
Zum 1. Oktober 2026 ist das interdisziplinäre Verbundprojekt „Die Waldkiefer im Klimawandel: Klimastress, biotische Risiken und Strategien für eine zukunftsfähige Bewirtschaftung" (KliBiK) gestartet. Drei Professuren der Technischen Universität Dresden arbeiten darin mit dem Thünen-Institut für Forstgenetik und dem Staatsbetrieb Sachsenforst zusammen. Die Eva Mayr-Stihl Stiftung fördert das Vorhaben bis 2031 mit insgesamt 1,3 Millionen Euro und setzt damit ihre strategische Förderung der Tharandter Forstwissenschaften fort.
Die Waldkiefer (Pinus sylvestris L.) prägt weite Teile Europas und ist heute die häufigste Baumart Deutschlands – in den ostdeutschen Bundesländern nimmt sie eine dominierende Rolle ein. Lange galt sie als besonders widerstandsfähig. Die außergewöhnlichen Dürrejahre 2018 bis 2020 haben dieses Bild jedoch grundlegend verändert: In vielen Regionen Mitteleuropas zeigen Kiefernwälder deutlich verminderte Vitalität, erhöhte Mortalität und ein verstärktes Auftreten biotischer Stressoren. Der Waldzustandsbericht 2025 bestätigt diesen Trend.
Besonders dynamisch breitet sich dabei die Kiefern-Mistel (Viscum album subsp. austriacum) aus. Der Halbschmarotzer reduziert die Wasser- und Lichtverfügbarkeit der Kiefer, wodurch Zuwächse sinken und die Mortalität steigt. Trotz der wirtschaftlichen und ökologischen Bedeutung der Baumart ist die Studienlage bislang eingeschränkt – vor allem im Vergleich zu den intensiv untersuchten Baumarten Rotbuche und Gemeine Fichte. Es fehlen insbesondere integrative Untersuchungen, die herkunftsbedingte Unterschiede in der Trockenstresstoleranz, die Wirkungen von Mistelbefall und die daraus entstehenden Stressdynamiken im Bestand gemeinsam in den Blick nehmen.
Mistelbefall in Kiefernwäldern, visualisiert mit Satelliten-, LuG- und Drohnenaufnahmen aus dem Revier Lohsa, Oberlausitz (Sachsen)
Ziel des Forschungsprojekts ist daher, die Vulnerabilität und Anpassungsfähigkeit der Kiefer gegenüber Trockenstress und Mistelbefall umfassend zu untersuchen und die Rolle genetischer und phänotypischer Variation für ihre Resilienz im Klimawandel zu bestimmen. Damit sollen die wissenschaftlichen Grundlagen für klimaangepasste Bewirtschaftungsstrategien gelegt werden, die Waldbesitzende und Entscheidungsträger bei der langfristigen Stabilisierung dieser für Europa zentralen Baumart unterstützen.
Prof. Ernst van der Maaten von der Professur für Waldwachstum und Dendrowissenschaften, der das Verbundvorhaben koordiniert, verweist auf die erstmalige integrative Verknüpfung genetischer, wachstumsphysiologischer und räumlicher Stressindikatoren: Auf Herkunftsversuchsflächen von Südwestdeutschland bis Nordostpolen werden zunächst Kiefernherkünfte anhand von Wachstumsmerkmalen und Überlebensraten verglichen, um herkunftsspezifische Muster von Vulnerabilität und Resilienz abzuleiten – in enger Zusammenarbeit mit dem Thünen-Institut für Forstgenetik. In Kiefernbeständen entlang von Umweltgradienten werden darüber hinaus mistelbefallene und mistelfreie Bäume gegenübergestellt: Jahrringanalysen in mehreren Stammhöhen, ergänzt um quantitativ-holzanatomische Merkmale sowie Sauerstoff- und Kohlenstoffisotope, erlauben Rückschlüsse darauf, wie Mistelbefall und Trockenheit Wasserhaushalt und Photosyntheseprozesse beeinflussen. Die Professur für Umweltfernerkundung skaliert Stress- und Befallsdynamiken mittels Drohnen- und Satellitendaten von der Bestandes- auf die Landschaftsebene. An der Professur für Waldbau fließen alle Erkenntnisse schließlich in das prozessbasierte Waldlandschafts- und Störungsmodell iLand ein, für das die Kiefer erstmals umfassend parametrisiert wird – so lassen sich unter verschiedenen Klimaszenarien adaptive Bewirtschaftungsstrategien testen, etwa die Auswahl resilienterer Herkünfte oder standortspezifisch angepasste Eingriffe.
Die empirischen Arbeiten liegen mit einem Schwerpunkt in Sachsen, ergänzt durch Standorte in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt – Regionen mit hohem Kiefernanteil, die daher besonders von Trockenstress und Mistelbefall betroffen sind. Entsprechend eng ist die Verzahnung mit der forstlichen Praxis: In der Anfangsphase des Projekts ist ein Workshop mit den Landesforstverwaltungen dieser Länder vorgesehen, im weiteren Verlauf werden Zwischenergebnisse auf Exkursionen direkt im Bestand diskutiert. Geplant ist zudem ein webbasiertes Visualisierungstool, mit dem sich räumlich differenzierte Risiko- und Bewirtschaftungsoptionen abrufen und auf einzelne Standorte übertragen lassen.
Kontakt: Prof. Dr. Ernst van der Maaten
Professur für Waldwachstum und Dendrowissenschaften
E-Mail: