Zukunftsfähige Anbindung des Hafens Kehl an das Eisenbahnnetz
Ausgangslage
Der Hafen Kehl markiert mit seinen Anliegern einen überregional bedeutsamen Wirtschaftsstandort. Er ist über den Bahnhof Kehl, der an der grenzüberschreitenden Eisenbahnstrecke Strasbourg - Appenweier (- Offenburg) liegt, mit dem öffentlichen Schienennetz verbunden. In den letzten Jahren entwickelte sich das Güterverkehrsaufkommen im Hafen Kehl und bei den Anliegern sehr dynamisch, wobei erhebliche Anteile davon im Schienengüterverkehr anfallen. Eine weitere Verkehrszunahme ist in den kommenden Jahren zu erwarten, sodass insbesondere vor dem Hintergrund der Verkehrswende auch im Schienengüterverkehr von einer deutlich steigenden Transportnachfrage auszugehen ist. Andererseits ist die schienenseitige Anbindung des Hafens über den Bahnhof Kehl bereits heute stark ausgelastet und weist an Spitzentagen keine freien Kapazitäten mehr auf. Dies stellt ein erhebliches Risiko für die weitere Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Kehl dar.
Vor diesem Hintergrund beauftragten die Hafenverwaltung Kehl, der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen und die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg gemeinsam mit der DB Netz AG (heute DB InfraGO) die TU Dresden und NEOMOBIL mit der Durchführung eines Forschungs- und Entwicklungsvorhabens. In diesem war zu untersuchen, welche Maßnahmen notwendig und umsetzbar sind, um die Kapazität der schienenseitigen Anbindung des Hafens Kehl entsprechend der zu erwartenden künftigen Entwicklung des schienenseitigen Verkehrsaufkommens hinreichend steigern zu können und somit deren Zukunftsfähigkeit zu sichern. In diese Untersuchungen wurden fortlaufend auch die relevanten Verlader und Akteure am Standort Kehl eingebunden. Sie fanden von April bis November 2023 statt.
Vorgehensweise und wesentliche Ergebnisse
Den Ausgangspunkt der Untersuchungen bildete eine umfangreiche Analyse der heutigen betrieblichen und logistischen Abläufe am Standort. Hierzu wurden auf Basis durchgeführter Vor-Ort-Erhebungen sowie einer umfangreichen Datenanalyse und unter direkter Einbindung der Verlader und Dienstleister zunächst die aktuellen Betriebs- und Logistikprozesse einschließlich bereits geplanter Veränderungen erfasst und in einem Betriebsprozessmodell abgebildet.
Auf dieser Basis erfolgte eine erste Bewertung bestehender Engpässe und Schwachstellen. So können bereits im Status Quo an Spitzentagen die Leistungsanforderungen teilweise nicht zeit- und qualitätsgerecht erfüllt werden. Zudem ergeben sich durch bestehende Engpässe und eine nicht optimale Infrastrukturgestaltung erhöhte Aufwände in der örtlichen Betriebsführung.
Ebenfalls Bestandteil der Analyse war die Ableitung der im Prognosehorizont 2031/2040 zu erwartenden Leistungs-anforderungen für den Bahnhof und die Hafenbahn in Kehl. Diese erfolgte unter Einbeziehung einer bereits vorab durch die Hafenverwaltung Kehl aufgestellten groben Aufkommensprognose in vertieften Gesprächen mit den relevanten Verladern am Standort. Dadurch konnte das zu erwartende Mengengerüst mit den verladerspezifischen logistischen Anforderungen und Rahmenbedingungen detailliert beschrieben werden.
Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Produktionskonzepte ist im Ergebnis mit einer deutlichen Verkehrszunahme zu rechnen: Die erwartete Zugzahl für die Bewältigung der Leistungsanforderungen am Standort Kehl liegt im Prognosehorizont um ca. 67 % über der heutigen Zugzahl. Überdies ist eine deutliche Zunahme überregionaler Verkehre zu erwarten, die die Infrastruktur im Bahnhof Kehl ebenfalls mit nutzen. Dadurch werden bestehende Engpässe und Defizite absehbar verschärft.
Vor dem Hintergrund der steigenden Leistungsanforderungen erfolgte ausgehend von den identifizierten Engpässen und Schwachstellen die methodisch gestützte Ableitung möglicher Maßnahmen, mit denen einerseits die schienenseitige Kapazität am Standort erhöht und andererseits die Prozessgestaltung verbessert werden kann. Hierbei wurden, wiederum unter direkter Einbeziehung der beteiligten Akteure, sowohl betrieblich-organisatorische als auch bauliche Maßnahmen entwickelt und auf ihre Umsetzbarkeit untersucht. Bereits geplante infrastrukturelle Veränderungen, die sich insbesondere durch die Maßnahmen im Rahmen des Projektes POS Süd ergeben, wurden ebenfalls berücksichtigt.
Nach einer überschlägigen Nutzenabschätzung wurden insgesamt zehn der entwickelten Maßnahmen für eine detaillierte Bewertung ausgewählt. Deren konkrete Wirkungen in betrieblicher und kapazitiver Hinsicht wurde mit Hilfe des durch NEOMOBIL entwickelten wissenschaftlichen Verfahrens „Dimensionierungsanalyse für Anlagen des Schienengüterverkehrs (DimA)“ untersucht. Hierfür wurden verschiedene Maßnahmenszenarien, die sich durch einzelne Maßnahmen oder sinnvolle Maßnahmenkombinationen ergeben, mit den künftig zu erwartenden Leistungsanforderungen abgebildet. Die Unsicherheit in deren konkreter Umsetzung – für den Prognosezeitraum liegen schließlich noch keine detaillierten Fahrplananfragen vor – wurde dabei verfahrensseitig berücksichtigt, sodass auch ungünstige Konstellationen in die Bewertung einbezogen wurden.
Im Ergebnis dieser Berechnungen wurden einerseits die Maßnahmen ausgewählt, die zur anforderungsgerechten Bewältigung der künftigen Leistungsanforderungen zwingend umsetzen sind. Darüber hinaus wurde die Umsetzung flankierender Maßnahmen empfohlen, die zu einer weiteren Verbesserung von Qualität und Effizienz der Leistungserstellung geeignet sind.
Ein weiteres Arbeitspaket beschäftigte sich mit der betrieblichen und kapazitiven Bewertung der zu erwartenden Auswirkungen, die sich für die Standortanbindung Kehls aus den im Zeitraum 2026 – 2029 im Rahmen des Projektes POS Süd geplanten Baumaßnahmen im Bereich des Bahnhofs Kehl und im Streckenabschnitt Kehl – Appenweier ergeben. Hierbei wurde unter-sucht, welche generellen Abhängigkeiten bestehen und in welchen Bauphasen ausgehend von dem zum Untersuchungszeitpunkt bekannten Planungsstand welche konkreten Einschränkungen zu erwarten sind.
Im Ergebnis konnten einerseits kritische Einschränkungen in den einzelnen Bauphasen herausgearbeitet werden. Andererseits erfolgte die Ableitung gezielter Vorschläge, mit denen der Bauablauf im Detail so gestaltet werden kann, dass die kapazitiven und betrieblichen Einschränkungen für die Standortanbindung minimiert werden können. Zudem wurden jene Maßnahmen identifiziert, die nicht nur langfristig im Sinne einer zukunftssicheren Standortanbindung umzusetzen sind, sondern bereits während der Bauzeit zu einer Entlastung beitragen können.
Das so erarbeite betriebliche Zielbild soll in die weitere detaillierte Planung der Baumaßnahmen und -abläufe einfließen. Betriebliche und kapazitive Einschränkungen während der Bauzeit können damit zwar nicht völlig vermieden, jedoch auf ein tolerierbares Maß reduziert werden, ohne eine signifikante Aufwandserhöhung für das Bauvorhaben zu bewirken.