Forschungsaufenthalt in Shanghai
Alexander Blume (Professur für BWL, insb. Industrielles Management) war für drei Monate – von Mitte September bis Mitte Dezember 2025 – als Gastwissenschaftler an der School of Economics and Management (SEM) der Tongji University in Shanghai tätig. Eingeladen wurde er von Prof. Qiang Su, einem international ausgewiesenen Experten im Bereich Healthcare Operations Management mit methodischem Schwerpunkt im Operations Research, der zugleich über umfassende Forschungserfahrung im Supply-Chain-Management des Energiesektors, insbesondere im chinesischen Kontext, verfügt.
© Alexander Blume
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Wie kam es zu dem Forschungsaufenthalt? Wie viel Zeit ist vergangen von der ersten Idee bis zur Umsetzung? Gab es Hürden bei der Planung des Aufenthalts?
Der Forschungsaufenthalt ist aus dem Chinesisch-Deutschen Hochschulkolleg (CDHK) hervorgegangen, einer Gemeinschaftseinrichtung des DAAD und der Tongji University. Seit seiner Gründung im Jahr 1998 gilt das CDHK als eines der erfolgreichsten Programme im deutsch-chinesischen Wissenschaftsaustausch. Vor dem Hintergrund gemeinsamer Forschungsinteressen stellte mein Betreuer Prof. Dr. Udo Buscher als aktives Mitglied des CDHK im April 2025 den Kontakt zu Prof. Su her. Nach einem ersten fachlichen Austausch wurden schnell konkrete gemeinsame Forschungsthemen identifiziert und der zeitliche Rahmen für einen Aufenthalt im letzten Quartal 2025 festgelegt. Von der ersten Idee bis zum Beginn des Aufenthalts vergingen somit lediglich rund sechs Monate. Die Finanzierung erfolgte über das „Tongji University Key National International Doctoral (Advanced Study) College Funding Project“, ein Stipendienprogramm speziell für europäische Promovierende.
Eine besondere Herausforderung bei der Planung bestand darin, dass Austausch und Finanzierung erstmals für PhD-Studierende vorgesehen waren. Entsprechend mussten organisatorische Aspekte wie Unterkunft, Visum, formale Bewerbung und Antragstellung an der Tongji University eigenständig von mir geklärt werden. Gleiches galt für die Abstimmung vor Ort und das Onboarding in Shanghai. Wie so oft muss jedoch jemand den ersten Schritt gehen. Umso zuversichtlicher bin ich, dass zukünftige Aufenthalte für Doktorand:innen routinierter ablaufen werden – nicht zuletzt, weil etablierte Austauschprogramme auf Bachelor- und Masterebene bereits heute sehr gut funktionieren.
Was gibt es über den Aufenthalt in Shanghai zu berichten? Wie hat die Zusammenarbeit mit den Forscher:innen dort funktioniert?
Meinen Forschungsaufenthalt in Shanghai habe ich als gleichermaßen herausfordernd wie bereichernd erlebt. Zu den Herausforderungen zählten insbesondere sprachliche Hürden, da die Zusammenarbeit im Team überwiegend auf Chinesisch erfolgte und auch im Alltag Englisch nur eingeschränkt genutzt wird. Zudem unterscheidet sich die akademische Arbeitskultur deutlich von der in Dresden: Abstimmungen mit Betreuer:innen finden seltener statt, wodurch eine sehr eigenständige Arbeitsweise vorausgesetzt wird. Erschwerend kam hinzu, dass die Doktorand:innen im Team an verschiedenen Standorten mit teils erheblicher räumlicher Distanz arbeiten und die Forschungsthemen sowie methodischen Ansätze stark heterogen sind.
Gleichzeitig empfand ich die Arbeitsmentalität vor Ort als äußerst inspirierend. Die hohe Dynamik und die pragmatische Herangehensweise an neue Ideen haben meinen Forschungsaufenthalt maßgeblich geprägt. In der Zusammenarbeit mit Prof. Su entstand eine neue Publikationsidee zu einer hochaktuellen Fragestellung im chinesischen Kontext – der effizienten Müllverwertung. Die Weiterentwicklung dieses Beitrags wird ein zentraler Bestandteil meiner Dissertation sein und wird nach meiner Rückkehr in Deutschland fortgeführt.
Neben der Forschung blieb ausreichend Zeit, China an den Wochenenden zu erkunden. Neben beeindruckenden Metropolen wie Shanghai, Hangzhou, Suzhou, Chongqing oder Peking, die durch moderne Infrastruktur und eindrucksvolle Skylines geprägt sind, boten auch Aufenthalte in den Huangshan-Bergen oder an der Chinesischen Mauer bei Jinshanling einen spannenden Kontrast. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir zudem die kulinarische Vielfalt sowie der außergewöhnlich hohe Grad der Digitalisierung und Smartphonenutzung, der nahezu alle Bereiche des Alltags umfasst.
Was nimmst Du an Erfahrungen mit nach Dresden zurück?
Aus meinem Forschungsaufenthalt nehme ich vor allem eine neue Perspektive auf meine eigene Arbeit mit. Der hohe Leistungsdruck und die große Einsatzbereitschaft der jungen chinesischen Wissenschaftler:innen haben mir deutlich gemacht, wie privilegiert die Promotionsbedingungen in Deutschland sind.
Zudem habe ich gelernt, Herausforderungen offener zu begegnen und meine Komfortzone häufiger zu verlassen. Trotz teils geringer Vorerfahrung im Operations Research entwickeln viele meiner chinesischen Kolleg:innen äußerst anspruchsvolle Optimierungsmodelle und Algorithmen – eine Haltung, die mir gezeigt hat, dass auch komplexe methodische Fragestellungen vor allem durch Ausdauer und kontinuierliche Arbeit bewältigt werden können.
Nicht zuletzt nehme ich einen sehr positiven Gesamteindruck von China mit. Die Offenheit und Gastfreundschaft der Menschen sowie der hohe Grad an Digitalisierung und Effizienz im Alltag haben mich nachhaltig beeindruckt. Insgesamt war der Aufenthalt sowohl fachlich als auch persönlich prägend und wird meine weitere Arbeit in Dresden beeinflussen.