Interview mit Prof. Dr. Rainer Lasch
Am 25.03.2026 hat der Fakultätsrat mit Prof. Dr. Udo Buscher einen neuen Studiendekan für das Wirtschaftsingenieurwesen gewesen. Prof. Buscher übernimmt das Amt von Prof. Dr. Rainer Lasch, der seit 2006 als Studiendekan Wirtschaftsingenieurwesen fungiert hat. Wir haben ihm einige Fragen dazu gestellt, wie sich der Studiengang in den vergangenen 20 Jahren entwickelt hat und ob er Ratschläge hat, die er seinem Nachfolger mit auf den Weg geben möchte.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Was hat Ihnen persönlich an der Rolle des Studiendekans am meisten Freude bereitet?
- 2. Wenn Sie auf Ihre Zeit als Studiendekan zurückblicken: Was waren für Sie die prägendsten Entwicklungen im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen?
- 3. Welche Themen oder Herausforderungen möchten Sie Ihrem Nachfolger, Prof. Buscher, besonders ans Herz legen?
1. Was hat Ihnen persönlich an der Rolle des Studiendekans am meisten Freude bereitet?
Als Studiendekan macht einem vor allem die direkte Gestaltung des Studienalltags Freude. Besonders erfüllend ist es, Studiengänge weiterzuentwickeln, neue Schwerpunkte und Lehrkonzepte einzuführen und damit konkret zur Qualität der Ausbildung beizutragen. Man sieht relativ schnell, wie sich Änderungen positiv auf Studierende auswirken – sei es durch klarere Strukturen, bessere Betreuung oder praxisnähere Inhalte.
Ein weiterer angenehmer Aspekt ist der Austausch mit unterschiedlichen Fakultäten und Gruppen: Studierende, Lehrende und Verwaltung bringen jeweils eigene Perspektiven ein. Diese zusammenzuführen und gemeinsam Lösungen zu finden, kann sehr bereichernd sein.
Nicht zuletzt macht es Spaß, Studierende des Wirtschaftsingenieurwesens auf ihrem Weg zu begleiten – etwa wenn man erlebt, wie sie sich im Laufe des Studiums entwickeln oder erfolgreich ihren Abschluss erreichen. Das gibt der Rolle eine sehr sinnstiftende Komponente.
2. Wenn Sie auf Ihre Zeit als Studiendekan zurückblicken: Was waren für Sie die prägendsten Entwicklungen im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen?
Rückblickend waren es vor allem einige strukturelle und inhaltliche Veränderungen, die den Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen besonders geprägt haben:
Wechsel vom Bachelor- und Master- zurück zum Diplomabschluss
Aufgrund der Interdisziplinarität des Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen ist ein Bachelorabschluss für die Praxis nicht zielführend. Da bis zum vierten Semester im Wesentlichen Grundlagen vermittelt werden, bleibt nur wenig Raum für eine Spezialisierung. Somit wird von der Praxis ein Masterabschluss gefordert. Mit dem von der Fakultät wieder eingeführten Diplomabschluss können die Studierenden zielorientiert ihre Schwerpunkte wählen und diese konsequent ohne Unterbrechung bis zum Diplomabschluss vertiefen.
Zunehmende Digitalisierung der Inhalte
Die Integration von Themen wie KI, Datenanalyse, digitale Geschäftsmodelle und Automatisierung hat stark an Bedeutung gewonnen. Klassische Ingenieur- und BWL-Inhalte wurden zunehmend durch digitale Kompetenzen ergänzt, was den Studiengang moderner und anschlussfähiger gemacht hat.
Stärkere Interdisziplinarität
Der Kern des Wirtschaftsingenieurwesens – die Verbindung von Technik und Wirtschaft – wurde noch konsequenter ausgebaut. Es gibt mehr projektbasierte Formate, in denen Studierende komplexe Problemstellungen aus verschiedenen Perspektiven bearbeiten können.
Internationalisierung
Englischsprachige Module, Austauschprogramme und internationale Kooperationen haben zugenommen.
Flexibilisierung der Studienstrukturen
Wahlmöglichkeiten und Spezialisierungen wurden erweitert. Studierende können ihren individuellen Interessen stärker folgen, etwa in Richtung Logistik, Produktion, IT, Energie oder Nachhaltigkeit.
Diese Entwicklungen haben den Studiengang insgesamt dynamischer, praxisorientierter und zukunftsfähiger gemacht – und spiegeln letztlich auch die Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft wider.
3. Welche Themen oder Herausforderungen möchten Sie Ihrem Nachfolger, Prof. Buscher, besonders ans Herz legen?
Ich würde ihm vor allem folgende zentrale Themenfelder mitgeben, die aus meiner Sicht entscheidend für die Zukunft des Wirtschaftsingenieurwesens sind:
Balance zwischen Breite und Tiefe
Der Studiengang lebt von seiner Interdisziplinarität – aber genau das ist auch eine Herausforderung. Es bleibt wichtig, die richtige Balance zu finden: genügend Breite, um die Schnittstellenkompetenz zu sichern, aber auch ausreichend Tiefe, damit Absolventinnen und Absolventen in konkreten Berufsfeldern bestehen können.
Umgang mit der Dynamik der Digitalisierung
Technologische Entwicklungen (z. B. Industrie 5.0) verändern das Berufsbild rasant. Die Herausforderung besteht darin, Curricula kontinuierlich anzupassen, ohne in kurzfristige Trends zu verfallen. Es geht darum, nachhaltige Kompetenzen zu vermitteln – also Methodenverständnis statt nur Tool-Wissen.
Sicherung und Ausbau der Praxisnähe
Die enge Verbindung zur Industrie sollte unbedingt weiter gepflegt werden. Praxisprojekte, reale Fallstudien und Kooperationen sind ein wesentlicher Erfolgsfaktor – gleichzeitig aber organisatorisch aufwendig. Hier die richtige Struktur und verlässliche Partnerschaften zu sichern, bleibt eine Daueraufgabe.
Nachhaltigkeit nicht als Zusatz, sondern als Leitprinzip
Nachhaltigkeit sollte nicht nur ein einzelnes Modul sein, sondern sich durch den gesamten Studiengang ziehen – sowohl in technischen als auch in wirtschaftlichen Fragestellungen.
Attraktivität und Profil des Studiengangs schärfen
Der Wettbewerb zwischen Studienangeboten nimmt zu. Ein klares Profil – etwa durch bestimmte Vertiefungsrichtungen oder besondere Lehrformate – wird immer wichtiger, um gute Studierende zu gewinnen.
Wenn ich es auf einen Punkt bringen müsste: Die größte Herausforderung ist, den Studiengang gleichzeitig stabil und anpassungsfähig zu halten. Genau in dieser Spannung liegt aber auch seine Stärke.