29.05.2017

Neueinrichtung SFB 1285: Invektivität – Konstellationen und Dynamiken der Herabsetzung

Beschämung, Schmähungen und Beleidigungen scheinen allenthalben Konjunktur zu haben, angefangen von den Schmähkampagnen politischer Akteure über die Shitstorms im Internet bis hin zu den Hassgesängen in Sportarenen oder den Stinkefinger im Alltag. Auf welche Weise prägen diese verbalen und symbolischen Herabsetzungen unsere Gesellschaft und unsere Kultur? Welche historischen Erscheinungsformen und Entwicklungen lassen sich beobachten? Leben wir tatsächlich in einem besonderen Zeitalter der Herabwürdigung? In einem neuen Forschungsverbund erforschen zahlreiche Geistes- und Sozialwissenschaftler der TU Dresden diese und weitere Fragen und erschließen das Thema erstmals systematisch mit einem breit angelegten, interdisziplinären Konzept.

An der TU Dresden wird zum 1. Juli 2017 ein neuer geistes- und sozialwissenschaftlicher Sonderforschungsbereich (SFB) mit dem Titel „Invektivität. Konstellationen und Herabsetzung“ eingerichtet. Dies teilte die Deutsche Forschungsgemeinschaft am 26. Mai 2017 mit. Der neue SFB 1285 wird zunächst auf vier Jahre bis 2021 mit einer Summe von rund 7,6 Mio. Euro gefördert. Er erfasst mit seinem analytischen Leitbegriff der „Invektivität“ jene emotionalen, verbalen, physischen oder symbolischen Aspekte kommunikativer Handlungen, die das Potential zur Herabsetzung, Verletzung oder Ausgrenzung besitzen. Dabei geht er davon aus, dass Invektivität kein starres Muster aufweist, sondern in medialer, politischer, sozialer und ästhetischer Hinsicht in immer neuen, divergierenden Konfigurationen auftritt und verhandelt wird. Um dieser Vielfalt gerecht zu werden, untersucht der SFB invektive Phänomene mittels eines breiten Spektrums von Fallstudien, die von der römischen Republik in der Antike über das Zeitalter der Reformation um 1500 bis  die Gegenwart reichen. Auf diese Weise können ermöglichende Konstellationen, gesellschaftliche Funktionen und kulturelle Formen von Invektivität in ihren kognitiven wie affektiven Grundierungen sicht-, vergleich- und beschreibbar gemacht werden. Ohne diesen Aspekt, so die Ausgangsthese, können weder gegenwärtige noch vergangene Gesellschaften adäquat verstanden werden.

Im den dreizehn Teilprojekten des Forschungsverbundes arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Geschichtswissenschaften und der Kunstgeschichte, den Literaturwissenschaften (klassische Philologie, Germanistik, Romanistik, Amerikanistik) und der Soziologie zusammen. Professor Gerd Schwerhoff, Sprecher des SFB und Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit, würdigt den Einrichtungsbeschluss als Anerkennung für die intensive und intellektuell gehaltvolle Teamarbeit aller Beteiligten. Damit werde die Erfolgsgeschichte von interdisziplinären Forschungsverbünden in den Geistes- und Sozialwissenschaften der TU Dresden fortgeschrieben und deren Leistungsfähigkeit bestätigt.

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Letzte Änderung: 29.05.2017