10.06.2026
Interview mit Bruce Brasington
Prof. Dr. Bruce Brasington war im Mai 2026 eine Woche als Gastwissenschaftler an der Forschungsstelle für Vergleichende Ordensgeschichte (FOVOG) in Dresden. Er forscht und lehrt an der West Texas A&M University in den USA. In diesem Interview berichtet er über seine aktuelle Forschung, seine Verbindung zur FOVOG und seinem Lieblingsort in Dresden. Das Interview führte Laura-Marie Lang.
Womit beschäftigen Sie sich aktuell in ihrer Forschung
Aktuell arbeite ich an mehreren Projekten gleichzeitig. Derzeit verfasse ich zwei Beiträge für ein Handbuch zum Kirchenrecht. Im ersten Beitrag untersuche ich die Rezeption von Gratians „Decretum“ zwischen etwa 1150 und 1215. Mich interessiert dabei vor allem, wie Studierende und Gelehrte im Mittelalter mit diesem Werk gearbeitet haben. Deshalb beschäftige ich mich nicht nur mit dem eigentlichen Text, sondern auch mit Randnotizen, Kommentaren und anderen Spuren in den Handschriften. Ein zweites Projekt widmet sich dem Einfluss Gratians auf das spätmittelalterliche und frühneuzeitliche England. Obwohl das „Decretum“ nach der Reformation nicht mehr als geltendes Recht verwendet wurde, blieb es lange Zeit ein wichtiges Lehr- und Nachschlagewerk an den Universitäten.
Daneben arbeite ich an mehreren Aufsätzen. Besonders beschäftigt mich derzeit eine bislang wenig erforschte Handschrift aus Bamberg. Darin findet sich eine außergewöhnliche Fallgeschichte über Identität, Erbrecht und Klosterstiftungen, die interessante Verbindungen zwischen Kirchenrecht und Zivilrecht erkennen lässt. Solche Texte zeigen, wie eng juristische Theorie und erzählerische Motive im Mittelalter miteinander verbunden sein konnten.
Mein größtes Projekt ist jedoch ein Buch über seltene oder außergewöhnliche Fälle im mittelalterlichen Recht. Dabei geht es um die Frage, ob seltene Ereignisse überhaupt als Präzedenzfälle in Gerichtsverfahren dienen sollten. Während der Corona-Pandemie konnte ich dazu sehr intensiv forschen. Nun steht vor allem die Ausarbeitung der Ergebnisse im Mittelpunkt.
Was ist ihre Verbindung zur FOVOG?
Meine Verbindung zur FOVOG und zur Dresdner Mediävistik reicht viele Jahre zurück. Erste Kontakte entstanden Ende der 1980er Jahre über den Mediävisten Gert Melville. Damals studierte ich an der UCLA in Los Angeles und lernte ihn während eines Besuchs kennen. Einige Jahre später lud er mich nach Münster ein, wo ich Vorträge hielt und mit der dortigen Mediävistik in Kontakt kam.
Als Gert Melville 1995 nach Dresden wechselte, wurde ich erstmals an die FOVOG eingeladen. Seitdem bin ich regelmäßig als Gastwissenschaftler und Dozent hier gewesen. Ich habe Blockseminare und Hauptseminare gegeben und war auch an internationalen Sommerschulen zur Ordensgeschichte beteiligt, an denen Studierende und Nachwuchswissenschaftler aus verschiedenen Ländern teilnahmen.
Über die Jahre ist daraus nicht nur eine enge wissenschaftliche Zusammenarbeit entstanden, sondern auch eine persönliche Verbundenheit mit Dresden und der FOVOG.
In unserem diessemestrigen FOVOG-Kolloquium haben Sie einen Vortrag zu ‚The Summa Aurea‘ von William of Drogheda gehalten. Was ist das Besondere an diesem Text?
Die „Summa Aurea“ von William of Drogheda gehört zu einer Reihe mittelalterlicher Traktate über Prozessrecht. Besonders interessant finde ich, dass William sowohl kirchenrechtliche als auch zivilrechtliche Quellen nutzt, um unterschiedliche Aspekte gerichtlicher Verfahren, etwa Beweise, Zeugenaussagen oder Dokumente, zu behandeln.
Das Besondere an diesem Text ist jedoch seine außergewöhnlich praktische Perspektive. Viele juristische Traktate des Mittelalters richten sich vor allem an ein akademisches Publikum und bleiben stark theoretisch. William of Drogheda dagegen denkt sehr praxisnah. Auffällig ist außerdem, dass er Fragen behandelt, die in anderen juristischen Texten kaum vorkommen. Dadurch eröffnet die „Summa Aurea“ einen sehr unmittelbaren Einblick in die Rechtspraxis des 13. Jahrhunderts. Genau das macht den Text für meine Forschung so spannend.
Konnten Sie sich während Ihres Aufenthalts die Stadt Dresden ansehen? Gibt es einen Ort in Dresden, der Ihnen besonders gut gefällt?
Ja, ich kenne Dresden inzwischen sehr gut, weil ich seit vielen Jahren regelmäßig hier bin. Besonders gern halte ich mich in Hellerau auf. Der Stadtteil interessiert mich vor allem wegen seiner Kultur- und Architekturgeschichte. Gerade im Zusammenhang mit Reformbewegungen und der Architektur um 1900 ist Hellerau ein sehr spannendes Beispiel, das ich sogar in meinen Lehrveranstaltungen in den USA erwähne.
Darüber hinaus gibt es einige Orte, die für mich persönlich mit vielen Erinnerungen verbunden sind. Dazu gehören etwa das Fischhaus und das Café Weinberg, die ich bei meinen Aufenthalten in Dresden immer wieder besuche. Insgesamt ist Dresden für mich über die Jahre zu einem sehr vertrauten Ort geworden, an den ich immer wieder gern zurückkehre.