Zwischen Eigensinn und Erwartungsdruck – Der Einsamkeitsgedanke der weiblichen vita religiosa im Mittelalter
Wissenschaftliche Leitung: Prof. Dr. Mirko Breitenstein
Wissenschaftliche Bearbeitung: Rebecca Hoppe
Solange der Mensch in Gemeinschaft lebt, so lange kennt er auch den Begriff der Einsamkeit. Der Einsame, der sich von der Gemeinschaft abspaltet oder von dieser verstoßen wird, ist ein allzeitliches und uraltes Phänomen, welches insbesondere im monastischen Kontext eine besondere Bedeutung einnimmt.
Es sind dabei insbesondere Frauen, die sich von der Welt verschließen sollen, in die Klausur vor den Gefahren der Welt flüchten müssen oder selbst eine weltliche Gefahr für ihre Glaubensbrüder darstellen. Forschung zu diesen Sachverhalten gibt es in vielfältiger Ausführung, Forschung, die wichtige Einblicke liefert, jedoch ein grundsätzliches Problem aufwirft: Sie ist weitgehend auf Grundlage von Quellen männlicher Autoren verfasst. Denn die Frauen selbst, welche in die Einsamkeit gehen und ihre jeweiligen Hintergründe werden nicht betrachtet - ein Forschungsdesiderat, welches das vorliegende Projekt schließen möchte.
Dafür sollen drei Frauen betrachtet werden, die zum Großteil eigenständig verfasste Schriften hinterließen und darin ihre Vorstellungen von Einsamkeit festhielten: Gertrud von Helfta, Zisterzienserin und Mystikerin, verfasste um 1300 den Legatus divinae pietatis, Juliana von Norwich, die als Reklusin in Norwich lebte, schrieb zwischen 1395 und 1416 die Revelations of Divine Love, und Teresa von Ávila, Karmelitin, Mystikerin und Heilige, dokumentierte 1566 in ihrem Libro de la vida ihr eigenes Leben und ihren Weg zu Gott. Diese Texte eröffnen nicht nur Einblicke in das Leben dieser Frauen, sondern gewähren zugleich Zugang zu ihrem inneren Verständnis von Rückzug und Abgeschiedenheit. Damit entwerfen sie jeweils ein spezifisches Ideal, welches nicht allein als äußerer Rückzug aus der Welt, sondern als geistlicher, theologischer und existentieller Erfahrungsraum verstanden wird.
Ziel des Projektes ist es, dieses Ideal in seinen unterschiedlichen Ausprägungen zu rekonstruieren, die zugrunde liegenden Konzepte freizulegen und die Befunde in einer vergleichenden Perspektive zueinander in Beziehung zu setzen und damit einer Forschung gerecht zu werden, die seit geraumer Zeit unbeachtet geblieben ist.