28.04.2026
Reisebericht: Vortrag und Teilnahme an der European Conference for Social Work Research 2026 in Aberdeen
Dr. Michael Rölver
Im Freiraum Projekt „Teaching.Democracy – Kasuistische Demokratiebildung im Lehramt“ geht es darum, Fälle für das Lehramtsstudium zu entwickeln. Im Zentrum stehen reale oder alltagnahe Beschreibungen von herausfordernden Situationen im Schulkontext. Dabei spielen die interaktiven Dynamiken und wechselseitigen Bezugnahmen zwischen den beteiligten Personen eine zentrale Rolle. In diesem Spannungsfeld entstehen immer auch Ermessensspielräume und verschiedene Handlungsmöglichkeiten für Fachkräfte zeichnen sich ab.
In diesem Kontext präsentierte Dr. Michael Rölver Mitte April 2026, zu Beginn des Drittmittelprojekts „Teaching.Democracy“, zentrale Ergebnisse aus seiner Doktorarbeit „Spielräume des Ermessens“ im Hinblick auf Gruppenentscheidungsprozesse in der praktischen Fallarbeit auf einer internationalen Fachtagung in Aberdeen/Schottland. Die diesjährige European Conference for Social Work Research (ECSWR) stand unter dem Leitthema „Social Work and Interdisciplinary Research: researching and facilitating evidence-informed practice and policy“ und betonte insbesondere die Bedeutung interdisziplinärer Zusammenarbeit für die Weiterentwicklung evidenzbasierter Praxis und sozialpolitischer Gestaltung. Über 800 Forscher*innen und Praktiker*innen aus Europa und der Welt nahmen an der Tagung teil.
In der Sozialen Arbeit gibt es eine lange Tradition der Fallrekonstruktion und der Untersuchung von fachlichen Entscheidungsprozessen. In fachlichen Aushandlungsprozessen, so ein Ergebnis von Rölvers Untersuchung, entstehen permanent Ermessensspielräume die von den beteiligten Fachkräften bewältigt werden müssen. Gleichzeitig erscheinen in diesen Interaktionen immer auch verschiedene fachliche Handlungsmöglichkeiten die zu realen Optionen werden können. Diese Tradition besitzt eine Nähe zum Harvard-Ansatz der Normative Case Studies, mit dem das Projekt „Teaching.Democracy“ systematisch verbunden ist.
In der Diskussion von Rölvers Arbeit zeigte sich ein großes Interesse an der Verbindung von empirischer Rekonstruktion und normativen Fragen professionellen Handelns. Insbesondere wurde erörtert, inwiefern Teamentscheidungen sowohl eine Ressource für multiperspektivisches Denken darstellen als auch Risiken wie Hierarchisierung oder Dominanz einzelner Stimmen mit sich bringen.
Die im Vortrag diskutierten Fragen nach professioneller Urteilsbildung und dem Umgang mit Unsicherheit knüpfen unmittelbar an das Projekt „Teaching.Democracy“ an. Gegenstand des Projekts ist es, bei der Entwicklung von Fallbeispielen, Studierende in forschend-reflexive Lernprozesse einzubinden, multiperspektivisches Denken zu fördern und Demokratie als gelebte Praxis zu erleben.
Die im Rahmen der Konferenz gewonnenen Impulse unterstreichen dabei die Relevanz kasuistischer Ansätze, insbesondere im Hinblick auf die Verbindung von implizitem Wissen, kollektiver Aushandlungsprozessen und professioneller Urteilsbildung in pädagogischen Kontexten. Insgesamt stellte die Teilnahme an der ECSWR 2026 eine wertvolle Gelegenheit dar, Forschung zu reflektieren, neue Impulse für zukünftige Projekte zu gewinnen und internationale Netzwerke auszubauen.
Liesanth Nirmalarajan, Campbell Killick und Michael Rölver (v.l.n.r.), Aberdeen