22.07.2026
Verarbeitung affektiver Berührungen bei Autismus und Implikationen für die Berührungsforschung
Einleitung
Zwischenmenschliche Berührungen spielen eine grundlegende Rolle für die soziale Kommunikation, die Emotionsregulation und das Wohlbefinden. Die Forschung zeigt zunehmend, dass Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) häufig eine atypische sensorische Verarbeitung aufweisen, einschließlich veränderter Reaktionen auf taktile Reize. Eine aktuelle psychophysische Studie von Makita et al. (2025) untersuchte, wie Erwachsene mit ASS die Angenehmheit und Weichheit von Materialien mit unterschiedlicher Nachgiebigkeit (Compliance) bewerten – insbesondere bei Materialien, deren mechanische Eigenschaften denen menschlicher Körperteile ähneln.
Ergebnisse
Makita et al. (2025) stellten fest, dass sowohl neurotypische Erwachsene als auch Erwachsene mit ASS eine Zunahme der Weichheit bei steigender Materialnachgiebigkeit ähnlich wahrnahmen. Die Gruppen unterschieden sich jedoch in ihrer affektiven Bewertung. Personen mit ASS zeigten einen signifikant geringeren Anstieg der wahrgenommenen Angenehmheit beim Berühren weicherer Materialien, insbesondere in dem Nachgiebigkeitsbereich, der der menschlichen Haut vergleichbar ist. Diese Ergebnisse legen nahe, dass zwar die diskriminative taktile Wahrnehmung weitgehend intakt bleibt, die affektive Verarbeitung taktiler Reize bei ASS jedoch verändert ist.
Interpretation
Diese Befunde stehen im Einklang mit theoretischen Unterscheidungen zwischen diskriminativen und affektiven Berührungssystemen (McGlone et al., 2014) und stützen umfassendere Konzepte, die motivationalen und belohnungsbezogenen Mechanismen bei Autismus eine zentrale Bedeutung beimessen (Chevallier et al., 2012). Eine verminderte affektive Bewertung hautähnlicher Berührungsreize könnte zu der bei ASS häufig beobachteten Vermeidung zwischenmenschlicher Berührungen beitragen und somit soziale Interaktionsmuster beeinflussen.
Implikationen für die Berührungsforschung und Berührungsmedizin
Für interdisziplinäre Forschungsgruppen wie das ConTakt Lab liefert die Studie wichtige empirische Belege dafür, dass Unterschiede bei sozialen Berührungen primär auf einer veränderten emotionalen Bewertung beruhen könnten und nicht auf einer beeinträchtigten sensorischen Wahrnehmung. Diese Erkenntnis kann künftige Forschungen zur neuronalen Verarbeitung affektiver Berührungen, zu adaptiven haptischen Technologien und zu inklusiven experimentellen Paradigmen bereichern. Im klinischen Kontext könnten Ansätze der Berührungsmedizin von personalisierten taktilen Interventionen profitieren, die individuelle affektive sensorische Profile, eine abgestufte Exposition gegenüber taktilen Reizen sowie anpassbare, auf die Patientenpräferenzen zugeschnittene therapeutische Materialien berücksichtigen.
Fazit
Insgesamt unterstreicht die Studie, wie wichtig es ist, bei der taktilen Verarbeitung im Rahmen von ASS zwischen perzeptiven und affektiven Dimensionen zu unterscheiden. Die Integration psychophysischer, neurowissenschaftlicher und klinischer Perspektiven wird entscheidend sein, um diese Erkenntnisse in künftige therapeutische und technologische Anwendungen zu überführen.
Literaturverzeichnis
Cascio, C. J., Moore, D., & McGlone, F. (2019). Social touch and human development. Developmental Cognitive Neuroscience, 35, 5–11.
Chevallier, C., Kohls, G., Troiani, V., Brodkin, E. S., & Schultz, R. T. (2012). The social motivation theory of autism. Trends in Cognitive Sciences, 16, 231–239.
Makita, K., Kitada, R., Makino, T., Sakakihara, N., Fukuoka, A., & Kosaka, H. (2025). Atypical tactile preferences in autism spectrum disorder: Reduced pleasantness responses to soft objects resembling human body parts. Psychiatry and Clinical Neurosciences.
McGlone, F., Wessberg, J., & Olausson, H. (2014). Discriminative and affective touch: Sensing and feeling. Neuron, 82, 737–755.