05.06.2026
Berührung in der VR: Wenn die Verbindung wichtiger ist als der Realismus
Wenn Menschen an Berührung in der Virtual Reality (VR) denken, stellen sie sich oft eines vor: Realismus. Kann sich ein virtueller Knopf fest anfühlen? Kann sich ein digitales Objekt weich, schwer oder widerstandsfähig anfühlen? Das sind wichtige Fragen, aber vielleicht nicht die wichtigsten. Bei Berührung geht es nicht nur darum, die Welt präzise wahrzunehmen. Sie ist auch eine der intimsten Arten, wie wir uns mit anderen Menschen verbinden. Im Alltag vermitteln Berührungen Trost, Zuneigung, Vertrauen und emotionale Präsenz. Deshalb könnte ihre Rolle in der VR weit über das Ziel hinausgehen, virtuelle Umgebungen technisch überzeugend wirken zu lassen.
Dies ist besonders wichtig, da virtuelle Umgebungen längst keine reinen Räume für Sehen und Hören mehr sind. Sie entwickeln sich zunehmend zu Orten der Begegnung, der Interaktion und des gemeinsamen Erlebens. Die Forschung zur sozialen Berührung in der Mensch-Computer-Interaktion legt nahe, dass selbst vermittelte Berührungen physiologische Reaktionen beeinflussen, Vertrauen und Zuneigung steigern sowie das Gefühl sozialer Präsenz stärken können. Mit anderen Worten: Berührung muss das echte Leben nicht perfekt nachahmen, um von Bedeutung zu sein. Ihr Wert könnte darin liegen, dass sie Menschen hilft, sich sozial verbunden zu fühlen.
Gleichzeitig ist Berührung psychologisch komplex. Damit sich eine Berührung sozial anfühlt, muss das Gehirn zwischen Empfindungen unterscheiden, die von uns selbst ausgehen, und solchen, die von einer anderen Person stammen. Diese Unterscheidung zwischen Selbst und Anderen ist grundlegend. Sie hilft uns zu verstehen, ob eine Empfindung selbst erzeugt oder von außen verursacht wurde, ob sie tröstlich, überraschend oder sozial bedeutsam ist. In immersiven virtuellen Umgebungen, in denen eine Berührung von einem Avatar, einer anderen Person oder einer digital veränderten Version des eigenen Selbst ausgehen kann, gewinnt diese Unterscheidung noch weiter an Bedeutung.
Vielleicht liegt das eigentliche Potenzial des Tastsinns in der VR also nicht nur darin, virtuelle Welten realer wirken zu lassen. Vielmehr geht es darum, sie menschlicher erfahrbar zu machen. Der Tastsinn könnte zu einem der entscheidenden Mittel werden, mit denen immersive Technologien nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch Präsenz, Nähe und Verbundenheit fördern. Nun stellt sich die Frage: Wie können wir die Kraft der Berührung in der virtuellen Realität nutzen, um menschliche Verbindungen zu vertiefen und das emotionale Erleben der Nutzer zu bereichern?
Literatur
Price, S., Jewitt, C., & Yiannoutsou, N. (2021). Conceptualising touch in VR. Virtual Reality, 25, 863–877.
van Erp, J. B. F., & Toet, A. (2015). Social touch in human–computer interaction. Frontiers in Digital Humanities, 2, 2.
Boehme, R., & Olausson, H. (2022). Differentiating self-touch from social touch. Current Opinion in Behavioral Sciences, 43, 27–33.