10.11.2025
Die evolutionären Wurzeln beruhigenden Verhaltens
Die Ursprünge beruhigenden Verhaltens (dieser tröstenden Handlungen, die uns beruhigen und verbinden) sind tief in unserer Evolutionsgeschichte verwurzelt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass diese durch Hormone wie Oxytocin und Vasopressin vermittelten Verhaltensweisen vor mindestens 200 Millionen Jahren mit der Entstehung der ersten Säugetiere entstanden (Carter, 2014; Sartorius et al., 2024). Diese frühen Lebewesen hielten ihre Nachkommen nicht nur warm und sicher; im Laufe der Zeit entwickelten sie vielfältige und facettenreiche Formen der Fürsorge, die das emotionale Gefüge des Säugetierlebens prägten.
Vergleichende Studien zeigen, dass beruhigendes Verhalten bei Menschen und anderen Säugetieren alles andere als zufällig ist. Es folgt strukturierten, tief verwurzelten Mustern (Burkett et al., 2016; Nagasawa et al., 2012). Das Wissen, wann, warum und wie man beruhigt, ist tief in unserem Nervensystem verankert – denn einst hing unser Überleben davon ab. Menschen und andere Menschenaffen können ihre Hände für sanfte Berührungen nutzen, während die meisten anderen Säugetiere auf Lecken oder engen Körperkontakt angewiesen sind, um Trost und Bindung zu erzeugen.
Forschungen an Nagetieren legen nahe, dass die Fellpflege durch Lecken dieselben Nervenbahnen von der Haut zum Gehirn aktiviert wie beruhigende Berührungen beim Menschen (Brooks et al., 2022; Nagasawa et al., 2012). Die Schlüsselrolle spielen dabei CT-taktile Fasern, spezielle Nervenfasern, die auf sanfte, rhythmische Berührungen im Tempobereich von etwa 1–10 cm pro Sekunde abgestimmt sind (Cascio et al., 2019; Gordon et al., 2013). Interessanterweise wurden diese Fasern erstmals bei Katzen entdeckt, was erklärt, warum so viele Katzen bei langsamen, gleichmäßigen Berührungen dahinzuschmelzen scheinen, bei abrupten Berührungen jedoch zurückschrecken (Schirmer et al., 2023).
Dasselbe Prinzip (Tempo) scheint weit über die Berührung hinaus zu wirken. Kulturübergreifend weisen Schlaflieder oft ähnliche rhythmische Eigenschaften auf. Dies deutet darauf hin, dass Menschen Tempo und Wiederholung instinktiv als Mittel zur Beruhigung und Verbindung nutzen (Mehr et al., 2018; Unyk et al., 1992). Selbst das leise Schnurren einer Katze kann als Form der Selbstberuhigung und Heilung dienen, ähnlich wie das beruhigende Summen eines Schlafliedes (von Muggenthaler, 2001).
Zusammengenommen offenbaren diese Ergebnisse etwas Schönes: Beruhigendes Verhalten, ob durch Berührung, Rhythmus oder Stimme ausgedrückt, ist Teil einer uralten Überlebensstrategie. Vom sanften Lecken einer Katzenmutter bis zum Schlaflied eines Elternteils bilden diese Handlungen ein gemeinsames Repertoire der Fürsorge – eine Sprache des Trostes, die Zeit und Art überdauert.
Während wir die Rolle von Rhythmus und Tempo in diesen Interaktionen weiter erforschen, bleibt eine Frage offen: Könnte uns das Verständnis des Tempos der Beruhigung helfen, eine tiefere Verbindung zu uns selbst, zu anderen und zur Natur, die uns geprägt hat, aufzubauen?
Und vielleicht etwas persönlicher: Welchen Rhythmen der Fürsorge greifen Sie instinktiv zu, wenn Sie Trost suchen oder ihn anbieten?
Referenzen
Brooks, J., Kano, F., Yeow, H., Morimura, N., & Yamamoto, S. (2022). Testing the effect of oxytocin on social grooming in bonobos. American Journal of Primatology, 84(12), e23444. https://doi.org/10.1002/AJP.23444
Burkett, J. P., Andari, E., Johnson, Z. V., Curry, D. C., De Waal, F. B. M., & Young, L. J. (2016). Oxytocin-dependent consolation behavior in rodents. Science, 351(6271), 375–378. https://doi.org/10.1126/SCIENCE.AAC4785/SUPPL_FILE/BURKETT-SM.PDF
Carter, C. S. (2014). Oxytocin pathways and the evolution of human behavior. Annual Review of Psychology, 65(Volume 65, 2014), 17–39. https://doi.org/10.1146/ANNUREV-PSYCH-010213-115110/CITE/REFWORKS
Cascio, C. J., Moore, D., & McGlone, F. (2019). Social touch and human development. Developmental Cognitive Neuroscience, 35, 5–11. https://doi.org/10.1016/j.dcn.2018.04.009
Gordon, I., Voos, A. C., Bennett, R. H., Bolling, D. Z., Pelphrey, K. A., & Kaiser, M. D. (2013). Brain mechanisms for processing affective touch. Human Brain Mapping, 34(4), 914–922. https://doi.org/10.1002/hbm.21480
Mehr, S. A., Singh, M., York, H., Glowacki, L., & Krasnow, M. M. (2018). Form and Function in Human Song. Current Biology, 28(3), 356-368.e5. https://doi.org/10.1016/J.CUB.2017.12.042
Nagasawa, M., Okabe, S., Mogi, K., & Kikusui, T. (2012). Oxytocin and mutual communication in mother-infant bonding. Frontiers in Human Neuroscience, 6(February), 1–10. https://doi.org/10.3389/fnhum.2012.00031
Sartorius, A. M., Rokicki, J., Birkeland, S., Bettella, F., Barth, C., de Lange, A. M. G., Haram, M., Shadrin, A., Winterton, A., Steen, N. E., Schwarz, E., Stein, D. J., Andreassen, O. A., van der Meer, D., Westlye, L. T., Theofanopoulou, C., & Quintana, D. S. (2024). An evolutionary timeline of the oxytocin signaling pathway. Communications Biology, 7(1). https://doi.org/10.1038/s42003-024-06094-9
Schirmer, A., Croy, I., & Ackerley, R. (2023). What are C-tactile afferents and how do they relate to “affective touch”? Neuroscience and Biobehavioral Reviews, 151(March). https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2023.105236
Unyk, A. M., Trehub, S. E., Trainor, L. J., & Schellenberg, E. G. (1992). Lullabies and Simplicity: A Cross-Cultural Perspective. Psychology of Music, 20(1), 15–28. https://doi.org/10.1177/0305735692201002
von Muggenthaler, E. (2001). The felid purr: A healing mechanism? The Journal of the Acoustical Society of America, 110(5_Supplement), 2666–2666. https://doi.org/10.1121/1.4777098