15.09.2026
Autismus und Reizüberflutung: Zwei neue Forschungsprojekte zur Erforschung der Ursachen
Die Arbeitsgruppe von Prof. Katharina von Kriegstein (zweite v. links) untersucht in zwei neuen Projekten die neurowissenschaftlichen Grundlagen für die Reizüberflutung bei Autismus.
Wie verarbeitet das Gehirn visuelle Reize bei Menschen mit Autismus? Und welche Mechanismen liegen der schnellen Reizüberflutung bei Autismus zugrunde? Unter der Leitung von Prof. Dr. med. Katharina von Kriegstein gehen Forschende der Professur für Kognitive und Klinische Neurowissenschaft der TU Dresden in zwei neuen Projekten diesen und weiteren Fragen nach. Ziel ist es, die neurowissenschaftlichen Grundlagen für die Reizüberflutung zu verstehen, um so zukünftig den Alltag für Menschen mit Autismus besser gestalten zu können.
Autismus betrifft etwa einen von 100 Menschen weltweit. Menschen mit Autismus berichten häufig von einer Reizüberflutung im Alltag, die zu Schwierigkeiten und/oder Vermeidungsverhalten führen kann. Dies betrifft z. B. die Schule oder das Berufsleben, aber auch das Einkaufen und Arztbesuche. Insgesamt haben Studien gezeigt, dass es in der Autismuspopulation mehr Schwierigkeiten in der Schullaufbahn, eine höhere Rate an Arbeitslosigkeit und eine etwas kürzere Lebenserwartung gibt als bei Populationen ohne Autismus.
Ein besseres Verständnis der zugrunde liegenden Wahrnehmungsprozesse könnte langfristig dazu beitragen, diese Belastungen zu verringern und Umgebungen stärker an die Bedürfnisse von Menschen mit Autismus anzupassen. „Unser Ziel ist es, die Mechanismen der Reizüberflutung bei Autismus herauszufinden. Dies kann als Grundlage dazu dienen, mit der Reizüberflutung besser umzugehen und Umgebungen so zu gestalten, dass Reizüberflutung minimiert wird. Ich erwarte, dass wir mit unserer Grundlagenforschung zukünftig einen Beitrag dazu leisten können, den Alltag für Menschen mit Autismus besser zu gestalten“, erklärt Prof. Katharina von Kriegstein.
Die Untersuchungen werden in zwei miteinander verbundenen Projekten stattfinden. Das Projekt „Investigating the composition of the direct LGN-V5/MT pathway and its implication in Autism Sprectrum Disorder” findet in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig statt. Erforscht wird die Zusammensetzung und Funktion eines direkten Verbindungswegs innerhalb der Sehbahn, der den seitlichen Kniehöcker (LGN) mit dem Areal V5/MT im Gehirn verbindet. Die Forschenden wollen so herausfinden, ob Veränderungen dieser Verbindung bei Menschen mit Autismus mit Reizüberflutung zusammenhängen. Untersucht werden die Verbindungen im Gehirn mit einem sogenannten Connectom-MRT. Das Gerät verfügt über einen besonders starken Magnetfeldgradienten und ermöglicht dadurch eine besonders detaillierte Darstellung von Nervenfaserverbindungen im Gehirn. Weltweit gibt es nur vier Geräte dieser Art.
Das zweite Projekt „Neurobiologische Mechanismen der Sinnesüberlastung bei Autismus: Neue Erkenntnisse zur Sehbahn und ihre Implikationen für Diagnostik und Therapie“ beschäftigt sich ebenfalls mit den Nervenverbindungen der Sehbahn. Für die Untersuchungen an der TU Dresden kommt ein 3-Tesla-Magnetresonanztomograf (3T-MRT) zum Einsatz. Damit können die Forschenden die Aktivität und Strukturen des Gehirns während der Untersuchungen erfassen.
Neben dem besseren Verständnis der neurobiologischen Grundlagen verfolgen die Forschenden ein weiteres Ziel: Auf Grundlage der erhobenen Daten soll ein Messinstrument entwickelt werden, mit dem sich Reizüberflutung bei Menschen mit Autismus besser erfassen lässt. Dies könnte künftig dazu beitragen, Wahrnehmungsbesonderheiten systematischer zu untersuchen und die Forschung zu möglichen Unterstützungsangeboten zu verbessern.
Die Projekte werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Hans und Ria Messer Stiftung gefördert.
Für beide Projekte werden erwachsene Versuchspersonen mit und ohne Autismus gesucht. Die Datenerhebung startet ab Herbst 2026.
Kontakt:
Beatrix von Woedtke
Professur für Kognitive und Klinische Neurowissenschaft
TU Dresden
E-Mail: