19.03.2026
„Die Tropen sind komplex“
Dagmar Möbius
Der von Jürgen Pretzsch, heute Seniorprofessor, und Prof. Holm Uibrig initiierte und geleitete englischsprachige Masterstudiengang „Tropical Forestry“ feierte 2025 30-jähriges Bestehen. Tropische Forstwirtschaft kann man in Tharandt schon viel länger studieren.
Tharandt ist die zweitälteste forstwissenschaftliche Fakultät der Welt. Entsprechend viele Jubiläen konnten begangen werden. In diesem Beitrag wird das 30-jährige Jubiläum des englischsprachigen Masterstudiengangs Tropical Forestry thematisiert, das im Herbst 2025 begangen wurde.
Komplexe Wissenschaft
Professor Jürgen Pretzsch
„Ich bin Förster und Ökonom“, sagt Jürgen Pretzsch. Er kam 1993 als Westdeutscher nach Tharandt und wurde ordentlicher Professor für Tropenforstwirtschaft. Mit seinen umfangreichen Erfahrungen in Feldforschung vor allem in Afrika und Südamerika und internationaler Forschungszusammenarbeit mit zahlreichen Hochschulen in Lateinamerika, Afrika und Asien knüpfte er an die DDR-Tradition des Standortes Tharandt an, die auch einen Osteuropa-Schwerpunkt beinhaltete. Diesen betreute bis 2014 Prof. Albrecht Bemmann. „Die Tropen sind sehr komplex. Ich komme aus der Entwicklungszusammenarbeit und habe immer vor allem lokal gearbeitet“, erklärt Prof. Pretzsch. „Wer auf der Makroebene arbeitet, muss nicht in die Dörfer gehen.“ Beides sei wichtig.
Alleinstellungsmerkmal des Studiengangs
Professor Pretzschs Schwerpunkte in Lehre und Forschung lagen im Bereich Sozioökonomie und Politik der Tropenforstwirtschaft. Ab 1994 richtete er zusammen mit dem tropenerfahrenen ostdeutschen Team den englischsprachigen Masterstudiengang „Tropical Forestry“ ein und leitete ihn. „Mit Herzblut“, schätzt Professor Lukas Gießen ein. Einfach gestaltete sich das jedoch nicht. „Viele wollten den Studiengang so nicht“, blickt Jürgen Pretzsch zurück. Dabei fokussierte er auf diese Schwerpunkte:
- Sozioökonomische und kulturelle Aspekte der Waldentwicklung in den Tropen
- Transformation, Prozess- und Handlungsorientierung
- Enge Verknüpfung von Lehre, Praxis und Forschung
- Kleine Gruppen mit interkulturellem Fokus; Kommunikation und gegenseitiges Lernen
- Forschungsorientierte Masterarbeit hat hohe Priorität
- Empirische Forschung in einem subtropischen oder tropischen Land
- Sicherstellung des Wissenstransfers in die tropische Realität.
Die Studierenden wurden mit allen Dimensionen wissenschaftlicher Konzepte vertraut gemacht, mit analytischer Wissenschaft und Technologie (Kontrolle der Umwelt), humanistischer Wissenschaft (die Welt verstehen) und kritischer Wissenschaft (Emanzipation & Stärkung). Professoren nahezu aller Fachrichtungen der TUD führten Lehrveranstaltungen durch. Weibliche Lehrkräfte waren zunächst rar; später wurde hier ein Schwerpunkt der Ausbildung gesetzt. „Oft bekommen Frauen schneller Zugang zu lokalen Transformationsprozessen hin zu nachhaltiger Waldwirtschaft“, so Prof. Pretzsch. Kooperationen mit zahlreichen Partner-Universitäten weltweit bestanden und bestehen noch.
Stetige Weiterentwicklung und Auszeichnungen
Ab 2006 begann komplementär das EU/Erasmus Mundus geförderte Programm SUTROFOR unter Beteiligung vier anderer europäischer Fakultäten. Es behandelt Themen wie integrierte Landnutzung, Management, Erweiterung und Technologietransfer sowie kulturelle Aspekte der tropischen Forstwirtschaft. 2008 würdigte der DAAD/Deutsche Wissenschaftsrat den englischsprachigen Masterstudiengang „Tropical Forestry“ als einen der zehn besten internationalen Masterstudiengänge. Mit Unterstützung des DAAD konnten zudem mehr als 20 Tutoren finanziert werden. Rund 40 Doktoranden wurden ausgebildet.
Netzwerktreffen zum Klimawandel in Paraquay
Anekdoten und Begegnungen
Unzählige Geschichten aus Erlebnissen mit Studierenden auf Exkursionen oder in Lehrveranstaltungen könnte Professor Pretzsch erzählen. Improvisationsvermögen gehörte immer dazu. So wurden die Ergebnisse eines Netzwerktreffens zum Klimawandel in Paraquay wegen einer Bus-Panne kurzerhand an das Fahrzeug gepinnt. Kulturelle Unterschiede und andere Wissenssysteme sorgten gelegentlich für Konflikte.
Prof. Jürgen Pretzsch sagt: „Wir können nicht die Leute herholen und sagen, sie sollen jetzt Nachhaltigkeit lernen. Das funktioniert nicht. Wir können nicht unser Nachhaltigkeitssystem einfach auf die tropischen Dörfer übertragen.“
Eine andere Zeit
Modelldörfer, große Projekte mit Vietnam oder Äthiopien, ein Netzwerk im Sudan, Hochschulnetzwerke. Viele lokale Kooperationen sind weggefallen. Nicht nur durch Krieg wie im Sudan. „Es ist jetzt eine andere Zeit“, sagt Jürgen Pretzsch. Damit meint er auch die Perspektive der Tropischen Forstwirtschaft. Dass Ausbildung in Tropischer Waldwirtschaft bedeutsam bleibt, ist für ihn klar: „Wir brauchen sie, wenn wir beispielsweise die globale Klimapolitik in den Griff kriegen wollen.“
Für die Weiterführung des Masterstudiengangs „Tropical Forestry“ sind für ihn einige Dinge unerlässlich. Die Fächer mit Entwicklungsorientierung müssen für tropische Länder relevant sein, es darf nicht nur westliches Wissen vermittelt werden, die Studierenden sollen sich kritisch mit der Theorie auseinandersetzen und „Change Agents“ werden. Dazu müssen ihnen spezifische Kompetenzen vermittelt werden, die Lehre muss trans- und interdisziplinär stattfinden. Unerlässlich sind zudem Stipendien, damit Studierende aus ländlichen Gebieten das Studium überhaupt beginnen können.
Fachbuch in aktualisierter Auflage
Aktuell schreibt der Seniorprofessor mit Kollegen an der zweiten Auflage des Fachbuchs „Forests and Rural Development“. Nach 2014 muss fast die Hälfte des Inhalts aktualisiert werden, „weil sich so viel geändert hat“. Für den vom etablierten Studiengang wünscht er sich, dass er noch lange weiterlaufen möge.
Kontakt:
TU Dresden
Fakultät Umweltwissenschaften
FR Forstwissenschaften
Institut für Internationale Forst- und Holzwirtschaft