Aug 11, 2026
Film war nicht der Plan
Filmmaker Alina Cyranek
(porträtiert im Jahr 2026)
Dagmar Möbius
Alina Cyranek hat an der TU Dresden ein Magister-Studium Anglistik, Slavistik und Geografie absolviert. Der Weg zur erfolgreichen Filmemacherin war ihr nicht in die Wiege gelegt.
Geboren und aufgewachsen in Oberschlesien arbeitet Alina Cyranek als Autorin, Regisseurin und Produzentin in Leipzig. Die 47-Jährige erzählt bevorzugt verborgene Geschichten.
Prägende Studienzeit
Zur Schule ging sie immer gern, sagt sie. Das Kapitel Westdeutschland ließ sie nach dem Abitur hinter sich und lebte zwei Jahre in Australien und Neuseeland. „Ich wollte hinaus in die Welt, möglichst weit weg und möglichst lange“, erzählt sie. Zum Studium wollte Alina Cyranek unbedingt nach Dresden. Die Fachrichtungen lagen auf der Hand: Lebenserfahrung im englischsprachigen Ausland, Muttersprache Polnisch, Naturliebhaberin. 2002, im Jahr der Jahrhundertflut, schrieb sie sich an der TU Dresden ein. Der Anfang war voller Hindernisse. Infolge des Hochwassers fuhr keine Bahn und eine Unterkunft konnte sie zunächst nicht finden. „Später zog ich in ein Zwei-Bett-Zimmer in ein unsaniertes Wohnheim auf der Wundtstraße.“
Die erste Zeit auf dem Campus erinnert sie als anstrengend und verwirrend, nicht nur weil die Studienpläne selbst zusammengestellt werden mussten. Das Grundstudium zog sie dennoch zügig durch. „Ich musste keine Sprachkurse belegen“, schmunzelt sie. Erworbene Fähigkeiten wie Selbständigkeit, Zeit- und Projektmanagement kommen ihr noch heute zugute. An Mgr. Bogumiła Patyk-Hirschberger, die bei ihr Sprachpraxis Polnisch am Institut für Slavistik unterrichte, denkt sie gern zurück. Auch an Keith Hollingsworth, der am Institut für Anglistik und Amerikanistik Britische Kulturstudien lehrte. „Ein warmer humorvoller Engländer. Er hatte eine pädagogisch wertvolle Art, jungen Leuten etwas beizubringen“, beschreibt sie. Und: „Ich kannte niemanden, der ihn nicht mochte.“
Thalia Cinema, Dresden: Alina Cyranek worked part-time here while she was in college; in 2026, she was awarded a Golden Rider at the film festival.
„Film war nicht der Plan, eher ein Wunsch“
Schon in der Schulzeit hätte Alina Cyranek gern an einem Kunst-Leistungskurs teilgenommen. Es kam nicht zustande. In Dresden besuchte sie zahlreiche filmtheoretische und filmwissenschaftliche Seminare. „Ich fand Gleichgesinnte, mit denen ich in der Freizeit gedreht habe. Die Theorie holte ich mir an der Uni“, sagt sie. Zudem arbeitete sie im Kino Thalia Dresden. „Viel Input von allen Seiten“, fasst sie zusammen, wie sie sich ihrem Wunschberuf zielstrebig näherte. 2007 entstand ihr erster fiktionaler Kurzfilm „my visit“, ein Jahr später folgten der Experimentalkurzfilm „Brachycera“ und der Förderpreis für „Rendezvous“ beim Filmfest Dresden. Inklusive eines Erasmus-Semester in Lodz und eines Urlaubssemesters beendete Alina Cyranek 2008 ihr Magister-Studium an der TUD. Direkt im Anschluss schloss sie einen Doppel-Master in Medienkunst an der Bauhaus-Universität Weimar und der Tongji University Shanghai mit dem Schwerpunkt Dokumentar- und Experimentalfilm (2010) an. Damit erweiterte sie ihre Möglichkeiten deutlich.
Seit 30 Jahren im Osten
Alina Cyranek on set for her film “Fassaden”.
„Gebrochene Biografien interessieren mich“, sagt Alina Cyranek. Liest man ihre Filmografie, finden sich nicht nur zahlreiche Streifen, sondern in konstanter Regelmäßigkeit Auszeichnungen. Dabei behandelt sie Aspekte, die auf großen Leinwänden oft unterbelichtet sind. Stille Themen wie Einsamkeit, Alter, vergessene Geschichte, Stillgeburten, häusliche Gewalt. Als einen Themenschwerpunkt benennt sie die ostdeutsche Lebensrealität. „Das hat mit meiner Prägung und mit meiner Geschichte zu tun“, sagt die seit vielen Jahren in Leipzig Lebende. „Unterschiedliche Startmöglichkeiten stecken in einigen Geschichten. Das betrifft mich auch.“ Nicht immer allerdings vordergründig. Im Dokumentarfilm „Fassaden“ wird häusliche Gewalt mit ungewöhnlichen Stilmitteln erzählt, es kommen Expertinnen und Experten aus allen Bundesländern, nicht nur aus Ostdeutschland, zu Wort. Das war ihr wichtig, weil Gewalt kein regionales, sondern ein gesamtgesellschaftliches Thema ist. Und die Perspektive der Opfer zu selten erzählt wird. Ihr 2026 veröffentlichter Dokumentarfilm „Unbemerkt verstorben“ wurde beim 31. Filmfest Dresden im Mitteldeutschen Wettbewerb mit einem Goldenen Reiter gewürdigt. „Ein Leben verschwindet und nichts bleibt übrig“, fasst Alina Cyranek den Inhalt zusammen. Keine Stimme aus dem Off, kein Dialog, nur die Tatortreiniger sind zu hören, während sie die Wohnung eines Verstorbenen beräumen. Beklemmend und alltäglich real.
Alina Cyranek came to Dresden in January 2026 for the premiere of her film “Fassaden.” Pictured here (right) with film composer Freya Arde (left) and journalist Claudia Hempel (center).
„Erfolg ist relativ“
„Vom Filmgeschäft zu leben ist schwierig“, gibt Alina Cyranek zu. Und: „Erfolg ist relativ.“ Trotz aller Preise sei die Branche unsicher und prekär. Die Freiberuflerin kennt kaum jemanden, der nicht mindestens ein zweites Standbein hat. „Viele unterrichten, arbeiten in Auswahlgremien oder beim Fernsehen“, nennt sie Beispiele. Auch sie selbst sitzt in einigen Jurys, ist Mentorin für junge Talente bei verschiedenen Programmen, arbeitet als Autorin und Regisseurin beim MDR-Kurzfilmmagazin unicato sowie für arte, ist Vorstandsmitglied beim Filmverband Sachsen. Mit ihrem Hallenser Kollegen Falk Schuster hat sie die Produktionsfirma hug films gegründet. Mit der TUD verbinden sie heute noch viele Drähte. Mit ehemaligen Kommiliton:innen und Teilnehmenden der von ihre jahrelang geleiteten Badminton-Kurse ist sie im Kontakt.
„Kunst ist brotlos, Magister auch“, lacht Alina Cyranek. „Wenn es mit dem Film nicht klappt, suche ich mir einen richtigen Job“, hatte sie sich früher vorgenommen. Doch wer heute mit ihr spricht, merkt, diese Frau liebt leidenschaftlich, was sie tut. Über ein neues Filmprojekt denkt sie gerade nach. Spruchreif sei aber noch nichts.
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Alina Cyranek